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Uran aus einer neuen Perspektive

English version below.

„Not too subtle, what’s going on there“. So lautet der bezeichnende Titel eines der ausgestellten Werke von Lars Karl Becker, die sich im MMK 1 über zwei Ausstellungswände erstrecken und dabei sowohl malerische als auch skulpturale Elemente vereinen. Beckers radikaler Ansatz, gegebene Darstellungsmodi kritisch zu hinterfragen, äußert sich bereits bei der Werkbeschriftung: Entlang eines schmalen weißen Sockels erstreckt sich der (prophetische) Titel, sodass der Ausstellungsbesucher auf raffinierte Weise gezwungen wird die Skulptur aus allen Perspektiven zu betrachten. Der Sockel – eigentlich nur neutrales Hilfsmittel zur Präsentation – wird damit zum unmittelbaren Teil des ausgestellten Kunstwerks. Auf dem Sockel selbst befindet sich in einer roten Klemme ein makelloser Glasring, dessen materielle Beschaffenheit erst bei näherer Betrachtung ersichtlich wird: Es handelt sich nämlich um Uran, das in der vorliegenden Form zwar nicht gesundheitsgefährdend ist, aber nichtsdestotrotz einschüchternd auf den Betrachter wirkt. Die vorgestellte Arbeit ist exemplarisch für Beckers Vorgehensweise, die gezielt mit der Erwartungshaltung der Ausstellungsbesucher spielt. Die Konsequenz dieser künstlerischen Vorgehensweise ist eine Neujustierung des eigenen Blicks auf die ausgestellten Werke, womit gewissermaßen der Aufforderung des Werktitels – what’s going on there – Folge geleistet wird.

Nachdem Becker nun sein Studium an der Städelschule abgeschlossen hat, hat er uns im Interview ein wenig über seine zukünftigen Projekte und seine Arbeiten im MMK 1 verraten.

Was bedeutet es für Dich mutig zu sein?

“DIESEL – ONLY THE BRAVE – DIESEL”. Fashion Designer Renzo Rosso hat das gut auf den Punkt gebracht: Maskuline Silhouette mit Irokesenschnitt auf einem T-Shirt umrundet von “ONLY THE BRAVE”. Für jeden zum Kaufen. Ein Nullpunkt der popkulturellen Appropriation. Renzos Holding, der die Modemarke Diesel nun angehört, wurde konsequenterweise 2002 dann auch „Only the Brave“ genannt.

Der Begriff „Mut“ ist wunderschön ausgehöhlt, er bedeutet fast gar nichts mehr – darin liegt auch seine Stärke!

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Lars Karl Becker: Not too subtle, what’s going on there, 2017, Courtesy of the artist, Foto: Thomas Schröder

Ist es mutig im Jahr 2017 Künstler zu sein?

Weiß ich nicht. Wann war es denn weniger oder mehr mutig? Künstler operieren ja immer nur auf der symbolischen Ebene. Kunsträume sind so eine Art „Castoren“ für gefährliche Gedanken – sicher verstaut und bestens von der Umwelt abgeschirmt – auch wenn es sich um interdisziplinäre Projekte handelt. Diese symbolische Ebene kann allerdings auch ganz brutale, reale Konsequenzen nach sich ziehen, vor allem wenn man nicht das Privileg sein eigen nennen kann, den richtigen Pass zu besitzen. Daher ein klares „Jein“.

Kannst du uns ein paar Hintergrundinformationen zu deiner ausgestellten Arbeit geben? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Zentraler Punkt meiner Arbeit ist immer wieder die Erwartungshaltung an Kunst. Oft wird sie gleichzeitig über und unterschätzt. Ansonsten metastasiert so ziemlich alles womit ich mich beschäftige in meine Arbeit rein. Konkret geht’s bei meiner Arbeit um Fortschrittsglauben der Wissenschaft, das Verhältnis der Wissenschaft zur Kunst sowie beider in Relation zur Gesellschaft. Entertainment spielt auch eine Rolle.

Der Ring aus Uranglas zeigt erst einmal eine relativ unschuldige Nutzung des Elementes Uran als Glasfärbemittel, erst später kam Mensch auf die Nutzung der Kernenergie – mit fatalen Konsequenzen. Mit dem Atommüll dürfen sich jetzt zukünftige Generationen rumschlagen, auch wenn sie gar nicht mehr wissen werden, was ein Kernkraftwerk war.

Markiert durch das Logo des amerikanischen Kindersenders Nickelodeon latscht ein Zwitterwesen aus Grill und Salvador Dalis Elefantenbeinen durch das Museum – ein Zombie Zitat aus der Kunstgeschichte. Der pseudo-freudianische Machismo eines Dali verdeutlicht die reaktionäre Gefahr, die Kunst inne wohnt. Aus der schönen Ursuppe des Dada- und Surrealismus – meiner Meinung nach der letzten sinnvollen, produktiven und nicht verkrampft abgeleiteten Verbindung von Kunst und Politik – wird ein Kult um Altherrenphantasien – heute vertreten durch Grillkultur und BBQ Magazine als Zentralorgane des hardcore heteronormativen Untergrunds.

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Ansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Lars Karl Becker, Courtesy of the artist, Foto: Axel Schneider

Wie hat dein Studium an der Städelschule deine künstlerische Arbeit geprägt?

Bestimmt irgendwie – nur, wüsste ich das genau, dann würde das bedeuten, dass ich meine künstlerische Produktion ja irgendwie unter Kontrolle hätte, dem ist aber nicht so. Das sollen lieber andere beurteilen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Hast du bevorstehende Projekte, auf die du dich freust?

Aktuell freue ich mich am meisten auf die “Bangkok Biennial 2018” in Thailand nächstes Jahr. Muriel Meyer wird einen Pavillon kuratieren und hat mich zur Teilnahme als Künstler eingeladen. Darüber hinaus werde ich für meine Microgalerie TheTip welche sowohl hier in Frankfurt als auch seit über einem Jahr in Bangkok existiert ein Programm speziell für die Bangkok Biennale zusammenstellen. Ansonsten wurde ich gerade für Skulpturenpark vorgeschlagen und habe einen Entwurf eingereicht.  

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Uranium from a new angle

„Not too subtle, what’s going on there“ is the prophetic title of one of Lars Karl Becker’s exhibited works, which cover two exhibition walls at MMK 1. His works unite painterly and sculptural elements. The artist’s radical approach to question standardized modes of presentation is mirrored in the way the work is labelled: The title’s letters stretch on a white strait pedestal, forcing the visitor to view the sculpture from various angles. The pedestal – usually a neutral aid serving nothing but the presentation of the work – becomes an essential part of the exhibited work. On it a small red clamp holds a flawless tiny ring of glass. A closer look reveals the ring’s true material: Becker has used Uranium, which is not dangerous in this condition, but has an intimidating vibe about it. The presented work is exemplary for Becker’s practice which often tends to play with the expectations of the viewer. By that the artist causes a certain reflection and change of the viewer’s perspective, leading to a moment wonder and asking yourself ‚what’s going on there’.

Now having graduated Städelschule the artist opened up to us about his artistic future and his currently exhibited works at MMK 1.

What does being brave mean to you?

“DIESEL – ONLY THE BRAVE – DIESEL”. Fashion designer Renzo Rosso got right to the point. A shirt with a masculine silhouette wearing a Mohawk haircut framed in “Only the Brave”. For sale to everyone. This is the zero-point of pop cultural appropriation. Consequently, l in 2002, he named his holding becoming the owner of the fashion brand Diesel “Home of the Brave”.

The term “bravery” has become wounderfully hollow – which is also its strength!

Is it brave to be an artist in 2017?

I don’t know. When has it been braver in history? When has it been less brave in history? Artists always operate on a symbolic level. Art spaces are a kind of CASTOR containers for dangerous thoughts. Well shielded from society – even in interdisciplinary projects. However, the symbolic level can have very brutal and real consequences if you don’t have the privilege to own the right passport. So definitely yes and no.

Can you give a little background information on your exhibited work? How did you come up with the idea behind?

Focal point of my artistic practice are expectations towards art. Art is over and underestimated at the same time. Besides that, almost everything I am engaged in metastasises into my work. This time it is about believe in scientific progress, the interrelation between science and art and their relation to society. Entertainment is also of importance.

The ring of uranium glass marks a relatively innocent use of uranium compounds as glass colorizer. Later humankind found out about the possibilities of harvesting nuclear energy – with fatal consequences. Now future generations have to grapple with nuclear waste, generations that possibly even do not know what a nuclear power plant actually is.

Marked by the logo of the American kids’ channel Nickelodeon, a crossbreed of Salvador Dali’s elephant legs and a BBQ walks through the museum – a zombie reference to art history. It points out the reactionary dangers of art itself. The pseudo Freudian machismo of Salvador Dali emphasises the dangers inherent to art. Out of the beautiful primeval soup of Dada- and Surrealism, politics and art developed a meaningful, productive and easy relationship. However, that did not happen again later on. Nowadays this cult of dirty old men phantasies is represented by BBQ culture and the respective magazines as central organs of hard-core heterosexual underground.

How have your studies at Staedelschule shaped your work?

Somehow definitely. However, if I would know exactly what – that would mean I’d have full control over my artistic production. That is something others should assess.

Being a graduate of Staedelschule, what are your plans for the future? Do you have upcoming projects you’re looking forward to?

Right now, I am really looking forward to my participation in Muriel Meyers pavilion at the Bangkok Biennial 2018”. Furthermore, I will develop a programme for my micro-gallery ‘TheTip’ which exhibits here in Frankfurt, and for more than a Year in Bangkok as well. Besides that, I have just been invited for a competition of a sculpture park, and I handed in a proposal.

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