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Virtuelle Kindheitserinnerungen

English version below.

Das Werk „Zwycięzców Street 20 m41, 2017 ( 𝟏𝟗𝟔𝟓 +/− 𝟏𝟗𝟗𝟗); /* There are some downright throwbacks to how it used to feel. Rendering with the mind’s eye gets difficult in reverse proportion to the build. */“ von Julia Żabowska setzt sich mit dem subjektiven Erinnerungsvermögen der Künstlerin und dessen Rekonstruktion innerhalb eines künstlichen Raumes auseinander. Dies wird für die Ausstellungsbesucher mittels einer Virtual Reality-Simulation erfahrbar: Die polnische Künstlerin hat auf Grundlage ihrer Kindheitserinnerungen die nicht mehr existierende Wohnung ihrer Großeltern in virtueller Form nachgebildet und sie für die Besucher zugänglich gemacht. Der Titel verweist dabei auf die ehemalige Adresse der großelterlichen Wohnung in Polen. Die lückenhafte Rekonstruktion der Wohnung ist dabei ein unmittelbarer Verweis auf das unvollständige Gedächtnis der Künstlerin, dem man innerhalb der Wohnung einerseits durch genaue Details anderseits durch blanke Felder nachspüren kann. Die Visualisierung von Zeitlichkeit, sei es in Form ihrer lückenhaften Kindheitserinnerungen oder als ein Verweis auf einen nicht mehr existierenden Ort, ist ein kennzeichnendes Merkmal der vorliegenden Arbeit.

Julia Żabowska hat uns im Interview verraten, warum Mut kein zeitgemäßer Begriff ist und einen sehr persönlichen Einblick in ihre Arbeit, die derzeit im MMK 1 präsentiert ist, gegeben.

Was bedeutet es für dich mutig zu sein?

Ich muss sagen, dass ich die Bezeichnung „mutig“ suspekt und befremdlich finde. Es ist schön und schmeichelnd mutig genannt zu werden. Gleichzeitig denke ich aber auch, dass im Jahr 2017 jeder sich darüber im Klaren ist, dass das was einst unter individuellen Tugenden wie Tapferkeit, Angstlosigkeit und anderen Begriffen gefasst wurde, tatsächlich eine Manifestation eines Privilegs und nur möglich ist dank einer Gemeinschaft, die die Individuen unterstützt und versorgt und ihnen alle Arten von Ressourcen zur Verfügung stellt. Dazu gehört Geld, aber auch emotionale Arbeit. Künstler verlangen häufig viel Unterstützung und Aufmerksamkeit.

Screen Shot 2017-08-12 at 7.39.20 PMJulia Żabowska: Zwycięzców Street 20 m41, 2017 ( 𝟏𝟗𝟔𝟓 +/− 𝟏𝟗𝟗𝟗); /* There are some downright throwbacks to how it used to feel. Rendering with the mind’s eye gets difficult in reverse proportion to the build. */, 2017, Courtesy of the artist

Ist es mutig im Jahr 2017 ein Künstler zu sein?

Das Leben eines Künstlers kann sehr prekär sein, aber mehr und mehr Menschen scheinen in sehr unsicheren Verhältnissen zu leben. Es ist als wäre eine schwächende Angst allgegenwärtig. Tapferkeit und extreme Verzweiflung sind zwei Seiten der selben Medaille, die nicht von einander zu trennen sind. Du gewinnst etwas und du verlierst etwas, so ist der Lauf der Dinge. Jede einzelne Person der Gesellschaft befindet sich in einem Spektrum zwischen einem authentischen Leben und dem Zustand über die Runden kommen zu müssen. Der Begriff „mutig“ sollte verbannt werden.

Kannst du uns ein paar Hintergrundinformationen zu deiner ausgestellten Arbeit geben? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Im Bezug auf Mut würde ich sagen: Als ich an der Städelschule aufgenommen wurde, konnte ich nicht sofort nach Frankfurt ziehen, da ich nicht direkt damit zurecht kam. Es war ein schwieriger Sommer, ich hatte gesundheitliche Probleme und eine so große Angst, dass ich allein bei der Vorstellung mein Bett in meinem Zimmer von einer Ecke in die andere stellen zu müssen schon eine Panikattacke bekam. In eine andere Stadt zu ziehen stellte somit eine noch viel größere Hürde dar. Also bat ich meinen Professor darum ein Semester aussetzen zu dürfen und kümmerte mich um mich selbst. Währenddessen fand ich heraus, dass ich, wenn ich mich konzentrierte, Erinnerungen an die Wohnung meiner Großmutter hervorbringen konnte, die überraschend detailliert waren. Diese Gedanken waren sehr lebendig und sinnlich. Alle meine Erinnerungen waren dort. Als ich endlich nach Frankfurt zog, nutzte ich mein Gedächtnis, um mich wohlzufühlen. Wenn ich nicht einschlafen konnte, weil mein mentaler Zustand außer Kontrolle geriet, katapultierte ich mich in den Flur meiner Großmutter und fühlte mich wie ein Kind. Noch bevor ich gedanklich die Küche betrat, war ich meistens schon eingeschlafen. Das war sehr nützlich. Diese Technik verlor jedoch mit der Zeit immer mehr an Kraft, bis ich realisierte, dass sie gar nicht mehr funktionierte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich meine Erinnerungen mit Menschen teilen sollte bevor sie ganz verschwunden sind, um sie schließlich zu töten und damit den Kreis zu schließen.

Screen Shot 2017-08-12 at 7.41.38 PMJulia Żabowska: Zwycięzców Street 20 m41, 2017 ( 𝟏𝟗𝟔𝟓 +/− 𝟏𝟗𝟗𝟗); /* There are some downright throwbacks to how it used to feel. Rendering with the mind’s eye gets difficult in reverse proportion to the build. */, 2017, Courtesy of the artist

Wie hat dein Studium an der Städelschule deine künstlerische Arbeit geprägt?

Eine Sache die ich gelernt habe ist, dass alles oder viel passieren kann und, dass nichts geschieht, wenn man es nicht geschehen lässt. Das hat nichts mit Mut zu tun, sondern ist gesunder Menschenverstand.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Hast du bevorstehende Projekte, auf die du dich freust?

Ich werde einen Hund aufnehmen und dann weiter schauen.

 

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Virtual Childhoodmemories

The work „Zwycięzców Street 20 m41, 2017 ( 𝟏𝟗𝟔𝟓 +/− 𝟏𝟗𝟗𝟗); /* There are some downright throwbacks to how it used to feel. Rendering with the mind’s eye gets difficult in reverse proportion to the build. */“ from Julia Żabowska deals with the subjective memory of the artist and its reconstruction in the artistic space. This can be experienced via a virtual reality simulation: The Polish artist has reconstructed the flat of her grandparents based on her childhood memories in a virtual form and made it accessible for the visitor. The title refers to the former address of the grandparental flat in Poland. The fragmentary construction of the flat is a reference to the incomplete memory of the artist that is, on the one hand recognizable by exact details and on the other hand by blank fields. The visualization of time, either in the form of an incomplete childhood memory or as a reference to a not anymore existing place are characteristic attributes of the work.

Julia Żabowska spoke to us about bravery and why the term is overdue, while giving us a personal insight into her work, which is currently exhibited at MMK 1. 

What does being brave mean to you?

I have to say that I find the category of ‚brave‘ rather suspicious and it makes me feel somewhat alienated. It’s nice and flattering to be called brave. At the same time I think that in 2017 everyone has more or less come to terms with the fact that, what used to pass for individual virtues such as courage, fearlessness and so on, is in fact a manifestation of privilege and is only possible thanks to communities that support and nurture people and provide all kinds of resources. Money, yes, but also emotional labor. Artists can be very high maintenance.

Is it brave to be an artist in 2017?

Artists‘ lives can be extremely precarious, but everyone else’s are gradually more and more precarious as well. Totally debilitating anxiety is commonplace. Thus, the so-called courage and extreme naivety and/or desperation are two sides of the same coin. Inseparable from one another. You win something, you lose something, that’s the way it goes. Every single person in the society is positioned somewhere on the spectrum between living an authentic life and making ends meet. The term „brave“ should be abandoned.

Can you give a little background information on your exhibited work. How did you come up with the idea behind?

Still regarding „bravery“: when I applied to school I couldn’t move to Frankfurt right away, because it seemed that I have bitten more than I could chew. It was a difficult summer, I had some health issues, and I was so anxious all the time that I would have a panic attack just trying to move my bed from one corner of my room to another, not to mention moving to another city. So I asked my professor to let me come one semester later and I spent that semester taking care of myself. And that was when I discovered that, if I concentrated, I could conjure up embodied memories of being in the flat of my grandmother in extreme level of detail, very vivid and sensual memories – all that data was stored there. When I finally moved to Frankfurt, I used to do this to comfort myself: I can’t fall asleep cause my mind is out of control – transport myself to the hall of grandma’s apartment and be a child. Usually, before I would enter the kitchen, I was asleep. Very useful. But of course, with time this technic became less and less powerful and lately, I realized it practically doesn’t work anymore. So I figured out that, before the memories fade away entirely, I might as well try to share them with other people, and thereby kill them, and close the cycle.

How have your studies at Staedelschule shaped your work?

One thing I learnt is that anything (or: a lot anyway) can happen, but nothing is going to happen, unless you make it happen. This has nothing to do with courage or other idealistic categories like that, it’s pure realistic common sense.

Being a graduate of Staedelschule, what are your plans for the future? Do you have upcoming projects you’re looking forward to?

Now I’m going to adopt a dog. Then I take it from there.

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