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Über temporäre Architektur. Ein Gespräch mit Marco Canevacci

Ein lackschwarzer Plastik-Bandwurm windet sich durch den Ausstellungsraum des MMK 2 und verschlingt auf seinem Weg Kunstwerke wie Andy Warhols „Kellogg’s Cornflakes Box“ (1964) oder John De Andreas „Seated Woman, Black Chair“ (1978). Den Ausgangspunkt dieser Inszenierung bildet ein Mythos um Maria Callas. Um ihre Traumfigur zu erreichen, soll sich die weltberühmte Opernsängerin mit einem Glas Champagner einen Bandwurm einverleibt haben. Callas’ kompromissloses Bestreben, die eigene Erscheinung nach ihren Idealvorstellungen zu formen, sowie dessen Kehrseite, die Auflösung des eigenen Körpers, bilden die Leitmotive der Ausstellung. 

Auch Plastique Fantastique-Gründer Marco Canevacci hat sich intensiv mit dem Thema Selbstoptimierung beschäftigt. Nach einem Treffen mit Bühnenbildner und Regisseur Ersan Mondtag machte sich der Architekt und Aktionskünstler gemeinsam mit Yena Young ans Werk und entwarf ein Modell eines Plastik-Wurmes für die Ausstellung. Das Kollektiv Plastique Fantastique ist eigentlich auf temporäre Außen-Installationen spezialisiert, deren Ziel es ist, Orte vorübergehend zu verändern und damit neue Kommunikations-Kanäle zu öffnen. In einem Interview geht Marco Canevacci genauer auf soziale Begegnungen und räumliche Neuentdeckungen durch pneumatische Architektur ein. Dabei macht er auch deutlich, wie er selber ein Bewusstsein für das Temporäre erlangt hat.

DSC_0558Ausstellungsansicht, Foto: Thomas Schröder

Stella Coersmeier / MMK: Im Zusammenhang von Modernisierung und Globalisierung weist der Ethnologe Marc Augé auf eine deutliche Zunahme von Orten hin, die dem Provisorischen und Flüchtigen zuzuordnen sind. Diese Funktionsorte – ­„Nicht-Orte“ – stiften, so Augés Definition, keine kollektive Identität, haben keine gemeinsame Vergangenheit und schaffen keine direkten sozialen Beziehungen. Sogar in den Innenstädten gibt es viele solcher Orte, an denen die Funktion im Vordergrund steht. Könnte man sagen, dass eure Plastikblasen-Konstruktionen solche Bereiche wieder zu sozialen Orten erwecken?

MC: Ich denke, dass eine Plastikblase oder grundsätzlich eine pneumatische Architektur die Fähigkeit besitzt, einen Filter auf Funktionsorte zu legen. Plötzlich entsteht eine Besonderheit, die dem Ort Charakter verleiht. Selbst die Bewohner, die es gewohnt sind, einen bestimmten Ort andauernd zu sehen und diesen dadurch nicht mehr bewusst wahrnehmen, können nun etwas Spezielles darin erkennen. Die politische Funktion solcher Orte ­– oftmals Durchgangsorte – liegt darin, den Menschen zu zeigen, dass sie diese verändern können, egal, welche Mittel sie dafür nutzen. Jeder hat die Möglichkeit, den öffentlichen Raum selber zu gestalten und einen Treffpunkt daraus zu machen. So entsteht Kommunikation zwischen Menschen, die sonst diesen Ort nur unbewusst durchqueren. Und am Ende ist Kommunikation doch das, was wir alle wollen.

SC: Eure Projekte ziehen die Menschen wahrhaftig an. Inwiefern hängt der entstehende Kommunikationsraum auch von euren Projekten ab?

MC: Klar, es ist schon ein Unterschied, ob wir eine Theaterperformance, Lesung oder ein Koch-Event planen. Im Rahmen unserer Installationen kann den Besuchern eine Geschichte erzählt werden, aber mit ein paar „nice tricks“ bringt man die Besucher dazu, selber Geschichten zu erzählen. Doch dafür braucht man etwas Regung. Und diese schaffst du, indem du extra Akteure, einen extra Sound oder interaktive Spielchen integrierst.

In Moskau habe ich beim Politekt-Festival einen Workshop geleitet, bei dem Besucher im Gorki-Park immer paarweise ihren Herzschlag messen konnten. Seinen eigenen Herzschlag kann man erkennen, doch wenn man zwei gleichzeitig aufnimmt und wiederholt abspielt entsteht ein wahrer Ohr-Rhythmus, der durch beide Herzschläge generiert und zum Beat wird, zu dem sogar getanzt werden kann. So sind die Herzschläge zweier verantwortlich für den Sound im Raum. Das Herz wird zum Instrument und mit wenigen Mitteln entsteht eine einzigartige Raumwirkung.

Marco_CanevacciMarco Canevacci im MMK 2, Foto: Stadt Frankfurt, Stefan Maurer

SC: Was macht für dich die Faszination einer temporären Installation aus?

MC: Meine größte Lehre der Temporalität war die Stadt Berlin in den 90er-Jahren. Als ich 1991 nach Berlin gezogen bin, gab es vor allem in Ostberlin eine Zeit, in der absolute Anarchie herrschte, da die Bundesrepublik Deutschland ein paar Jahre gebraucht hat, um die Kontrolle über die Stadt zu gewinnen. In dieser Zeit war die einzige Möglichkeit, an Raum heran zu kommen, diesen zu besetzen. Diese Besetzungen haben uns sehr viel Freude gemacht. Nur wussten wir nie, wie lange wir in den Räumen bleiben konnten. Manchmal war es nur ein Tag, dann kam gleich die Polizei, manchmal kamen sie aber auch erst nach ein paar Jahren. Dadurch war uns stets bewusst, dass Zeit und Erfahrungen begrenzt sind und das dies auch gut so ist. Ich komme aus Rom, dort wird Zeit genau gegensätzlich wahrgenommen. So war es für mich sehr bereichernd diese unwiederholbare Zeit in Berlin Anfang der 90er-Jahre zu erleben.

SC: Die Implikationen eurer temporären Räume sind weit gefächert. Werden die Erfahrungen, die ihr mit euren Projekten macht, in wissenschaftliche, zum Beispiel soziologische, Forschungen einbezogen?

MC: Ich gehe davon aus. Wir von Plastique Fantastique machen zwar keine direkte Forschung, aber unsere Projekte werden beobachtet. Die Erfahrungen, die wir machen, machen wir für uns vor Ort. Denn natürlich gibt es keine Plastique-Fantastique-Konstruktionen ohne soziologische Zusammenhänge, was die Projekte ja so spannend macht. Gerade in schwierigeren Vierteln ist es wichtig, Leute anzusprechen und zum Mitmachen zu motivieren. Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn dies funktioniert. Gerade bei denen, die sich eher zurückziehen, macht es Freude, zu erkennen, dass ihr Interesse an unseren Projekten geweckt wird.

SC: Ein wesentlicher Aspekt der Ausstellung „I AM A PROBLEM“ ist Selbstoptimierung. Wie stehst du zu diesem Thema?

MC: Ich denke, dass die beste Selbstoptimierung nicht das Schlucken eines Wurmes ist, sondern das Entwurmen des Kopfes. Für mich heißt dies, nach Athen zu gehen und dort eine Auszeit von allem, was mich von außen zur Selbstoptimierung zwingt, zu nehmen. In anderen Worten: Nicht geschluckt zu werden.

SC: Inwieweit spiegelt der „Plastik-Wurm“ das Thema der Ausstellung wider?

MC: Plastik-Chirurgie – In Korea zum Beispiel gibt es überall Werbung für Möglichkeiten, wie man sich verschönern kann. Und das ist alles mit Plastik verbunden. Plastische Änderungen und allgemeine Verbesserungen des Körpers werden dort stets mit Plastik assoziiert. Aber für die Ausstellung ist vor allem der Bandwurm das zentrale Motiv, der dem ganzen ein spielerisches Moment verleiht.

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