feeling

Feminismus, ja! Aber wie?

Entwürfe werden hin und her geschickt, Texte gesetzt, Motive geändert und Monogramme verschoben, bis es in den Druck geht – das Plakat zur Ausstellung! Gerade bei „Carolee Schneemann. Kinetische Malerei“ standen unterschiedlichste Werkabbildungen als Motiv zur Auswahl. Die finale Version seht ihr überall in der Stadt verteilt. Ästhetik-Studentin Linda Rustemeier hat sich das Plakat genauer angesehen und dabei ihre Gedanken in einem Beitrag für MMK Notes zusammengefasst:

Als Carolee Schneemann in den 1960er-Jahren des 20. Jahrhunderts anfing, Kunst zu machen, sah die Welt wesentlich sexistischer aus. Frauen waren mehr Modelle oder besser gesagt Aktmodelle, als wertgeschätzte Künstlerinnen. So nutzte Schneemann ihren Körper als Sprachrohr und zum Protest. Und das war für die Zeit „State of the Art“. Doch ist die Wahl des zentralen Ausstellungsplakats mit ihr als nackter Frau in einer Malschaukel in ihrem Kunstwerk „Up to and including her limits“ im Jahr 2017 noch vertretbar? Ich habe nach mehrfachen Besuchen der Ausstellung immer noch sehr viele Fragen. Wo stand sie damals und vor allem warum stehen wir heute (erst) da, wo wir stehen? Wie konnte es dazu kommen?

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Schauen wir uns doch einmal das MMK-Plakat zur Ausstellung an: Die einen könnten sagen, dass es dabei nicht um die intentionierte Nacktheit, sondern um begleitende Sittenwacht geht, schützt die Ecke des „M’s“ vom MMK-Schriftzug doch halbverdeckend den Schambereich der Schneemann’schen Vulva. Oder stellt das Plakat eine bewusste Skandalisierung dar? Jeder weiß, dass Sexyness als Aushängeschild nun mal auch „sells“. Kunstkennende könnten sagen, dass dies ihr zentrales Werk sei. Wieder andere sagen womöglich, dass diese „zufällig“ attraktive Frau gut als ästhetisches Ausstellungsplakat funktioniert. Aber ist es deswegen legitimiert? Oder kann man 2017 auch endlich einmal aufhören, die Frau als Objekt weiter zu stereotypisieren?

Die Frage bleibt: Sind Frauen und Männer emanzipiert? Vielleicht befinden wir uns gerade in der vierten oder fünften Welle des Feminismus-Zeitalters, das Gefühl von Empörung macht gerade wieder die Runde in den Medien. „Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben. Das ist ein Reizthema, besonders für Frauen, und es ist nicht neu. (…). Man weiß nicht mehr genau, ob es noch Frauen gibt, ob es sie immer geben wird, ob dies wünschenswert ist oder nicht, welchen Platz sie in dieser Welt einnehmen, welchen sie einnehmen sollten.“ Das ist gefühlt der Zustand im Jahr 2017, aber dieser Satz wurde bereits 1949 in der Einleitung von Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ formuliert. Wichtiger scheint mir an dieser Stelle aber ihre berühmteste Aussage: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Auch Carolee Schneemann und damit letztlich auch ihre Arbeiten sind zur Frau gemacht worden.

Um die Verhältnisse ein wenig besser zu verstehen, ein kurzer Exkurs in die Kunstwelt der 1980er-Jahre: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum of Art zu kommen?“, polterten die Guerilla Girls 1985 die New Yorker Kuratoren und damit auch die gesamte Kunstwelt an. Nicht einmal fünf Prozent der im Metropolitan Museum of Art vertretenen Künstler waren Frauen, während 85 Prozent der Akte in denselben Galerien weiblich waren. Das erste von vielen Plakaten, um diese Diskrepanzen aufzudecken, ist eine in gelben Hintergrund gebrachte Reproduktion des prächtigen Aktes in Jean-Auguste-Dominique Ingres „La Grande Odalisque“. Das eigentliche Gesicht darauf, ist von einer Gorilla-Maske verborgen und trägt damit die Guerilla-Girls-Unterschrift. Als es dem New Yorker „Public Art Fund“ vorgelegt wurde, der den Entwurf für eine Plakatwand beauftragt hatte, wurde die Arbeit abgelehnt. Die Guerilla-Girls holten zum Gegenschlag aus und mieteten Werbeflächen auf den öffentlichen Bussen der New Yorker Stadt, auf denen das Plakat reges Aufsehen erregte. Außerdem schickten sie bekannten Kunstsammlern (ironische) Briefe, in denen sie die Kunstjäger auf ihr vermeintliches Versehen, nur männliche Kunst in ihrer Sammlung zu besitzen, hinwiesen.

Met museumGuerilla Girls: Do Women Have To Be Naked To Get Into the Met. Museum?, 1989.

Die Guerilla-Girls tragen die Stellvertreter-Namen berühmter Künstlerinnen und bewahren damit ihre Anonymität, sind sie doch selbst Künstlerinnen. In der Rolle der „feministischen maskierten Rächer“ ist ihre erklärte Mission, „Fakten, Humor und unverschämte Visualisierungen“ zu nutzen, „um Sexismus, Rassismus und Korruption in Politik, Kunst, Film und Popkultur auszusetzen.“ Bis heute ist ihr Hauptanliegen: Ausstellungsfläche, ein Platz in den Sammlungen und Ruhm für Künstlerinnen zu generieren.

2017 ist das neue 1985, Frauen sind immer noch nackt im Museum als Retrospektive. Doch warum ist Schneemann eigentlich nackt, wenn sie malt? Ist sie dabei ein Objekt? Kuratieren wir schon feministisch mitdenkend oder sind die musealen Strukturen nach wie vor patriarchisch dominierend? Wie erzählen wir Kunstgeschichte und in welcher Rolle kommen Frauen als Akteurinnen, Kuratorinnen, Direktorinnen und mehr darin vor? Inwieweit ist die Kunst, die gezeigt wird, schon eine politische Entscheidung? Und wer „haftet“ dann dafür, Kuratorin oder Künstlerin? Letztlich ist die Entscheidung für die Künstlerinnenausstellung schon ein Ritterschlag.

 

 

 

 

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