knowing

Nacktheit

Zur Zeit leiden viele Instagramposts unter Zensur – meistens handelt es sich dabei um Nacktaufnahmen. Feministische Künstlerinnen wie Petra Collins und Hannah Altman nutzen die soziale Plattform bewusst, um ihre Werke, welche Kontroversen um weibliche Schönheitsideale befeuern, auszustellen. Ihnen ist es gelungen, dass sich nicht nur die Modewelt mit diesen Idealen auseinandersetzt, sondern mehr und mehr natürliche statt digital präparierte Körper in Hochglanzmagazinen und auf Werbetafeln gezeigt werden. Die Fotokunst spielt eine große Rolle für die Wahrnehmung des menschlichen Körpers. Dies zeigen Fotografien in der Kunst, wie auch bei Carolee Schneemann, deren Retrospektive noch bis zum 24. September im MMK 1 zu sehen ist. Damla Arican, Ästhetik-Master-Studentin, geht dem Phänomen genauer auf den Grund.

Carolee_Schneemann_Eye_Body_36_Transformative_Actions_for_Camera_1963 copyCarolee Schneemann: Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera, 1963, Courtesy Carolee Schneemann, P.P.O.W Gallery, New York, Hales Gallery, London, Galerie Lelong, Paris and VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Axel Schneider

Nackt, dynamisch und inmitten ihrer Kunstwerke – in „Eye Body: 36 Transformative Actions“ (1963) ist die Künstlerin Carolee Schneemann in 36 Positionen als Kunstwerk und Künstlerin zugleich zu sehen. Die künstlerischen Materialien lösen den weiblichen Körper aus dem sexualisierten Kontext. Die Erotik des Körpers bleibt jedoch bestehen und endet in einem Spiel des Auflösens und wieder Einbringens von Klischees der sinnlichen Weiblichkeit. Durch den Bruch ergibt sich eine neue Form der weiblichen Körperlichkeit. So sagt Schneemann: „I wanted my actual body to be combined with the work as an integral material– a further dimension of the construction… I am both image maker and image. The body may remain erotic, sexual, desired, desiring, but it is as well votive: marked, written over in a text of stroke and gesture discovered by my creative female will.“

In ihrer Herangehensweise möchte die Künstlerin ihren Körper als Material verstanden wissen, wie Farbe oder Papier. Schneemann übernimmt hier die Rolle der Fotografin und die der Fotografierten. Über den Beginn ihrer Karriere erzählt die Künstlerin, dass sie die Wahrnehmung ihres Körpers dem Urteil anderer entziehen wollte. Durch die eingehende Beschäftigung mit ihrem äußeren Erscheinungsbild in ihren Arbeiten versucht Schneemann die Wirkung ihres Körpers selbst zu bestimmen und nicht dem Urteil anderer zu überlassen. Ihre Fotografien, Malereien und Videos wirken dabei nicht pornografisch. Selbst ihre Videoarbeit „fuses“ (1965), in der sie sich und ihren Freund beim Sex filmt, wirkt natürlich und nicht von Schönheitsidealen überlagert.

Die Fotografie wird in der Kunst häufig als vermittelndes Sprachrohr eingesetzt. Diese Art der Herangehensweise wurde vor allem durch Künstlerinnen und Künstler wie Carolee Schneemann, Francesca Woodman und aktuell von Petra Collins, Hannah Altman oder auch Ren Hang geprägt. Sie alle haben gemeinsam, dass sie wie Schneemann, den „Körper“ als zentrales Element ihrer Arbeiten gewählt haben.

Untitled 2016 © Ren Hang/ courtesy Stieglitz19
Ren Hang, Untitled, 2016, © Ren Hang, Courtesy Stieglitz19

Der chinesische Fotokünstler Ren Hang fotografierte Freunde und Bekannte in nackten und sexualisierten Positionen. Seine Fotografien waren nicht dazu bestimmt politisch zu sein, jedoch wurden sie im Diskurs als politische Initiative aufgenommen, da Aktfotografie in China tabuisiert ist.

Francesca Woodman verwendete die Kamera ebenfalls, um Körper festzuhalten. Dabei fokussierte sie sich hauptsächlich auf ihren eigenen Körper. Ihre Fotografien spielen ebenfalls mit Brüchen der Ästhetik. Als 13-Jährige betätigte sie das erste Mal den Selbstauslöser. In vielen ihrer Bilder ist ihr Körper verschwommen und scheint die Form eines Geistes angenommen zu haben. Während diese Fotos unnatürlich erscheinen, wirken andere vollkommen naturbelassen. Gezeigt werden ihre Schambehaarung und ihre weiblichen Konturen. Auch hier werden Parallelen zu Schneemann sichtbar.

Francesca Woodman, About Being My Model, Providence, Rhode Island, 1976 © George and Betty Woodman
Francesca Woodman, About Being My Model, Providence, Rhode Island, 1976, © George and Betty Woodman NB: No toning, cropping, enlarging, or overprinting with text allowed.

Fotografieren kann jeder und fotografiert werden auch. Die Schriftstellerin Susan Sontag schreibt in ihrem Buch „On Photorgraphy“, dass die Fotografie eines der ersten demokratischen Kommunikationsmittel sei. Der Fotograf hält einen Gegenstand oder eine Person fest und schafft es, seine subjektive Perspektive in das Festgehaltene einzubringen. Die Fotografie ermöglicht, dass eine Person oder ein Gegenstand in besonderer Weise betrachtet wird. Die Wirkung, die durch dieses Festhalten ermöglicht wird, ist dass das Objekt allein und distanziert betrachtet werden kann. Die Fotografie schafft somit durch eine subjektive Perspektive auch eine objektive. Dies unterscheidet die Fotografie zunächst nicht in besonderer Art von anderen künstlerischen Mitteln. Und doch scheint die Fotografie ein besonderes Medium zu sein. Sie wirkt realer und unverstellt. Heute verwenden sie viele Fotokünstler, um eine Ästhetik oder politische Gedanken zu vermitteln. Bei neuzeitigen Phänomenen wie dem „Selfie“, ist ebenfalls von der Selbstfotografie zu sprechen, welches meist für die Veröffentlichung gedacht ist.

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Hannah Altmann und Petra Collins, die vor allem durch Instagram bekannt wurden, befassen sich mit dem Teenagerdasein junger Frauen. Bei Petra Collins sollen die jungen Mädchen möglichst natürlich gezeigt und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Körperlichkeit deutlich werden. Es sind Mädchen im Teenageralter zu sehen, während sie sich schminken und wie sie sich mit ihren Handys beschäftigen – immer in Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Mal stehen sie in einem privaten Badezimmer und machen Selfies von sich. Mal rekeln sie sich auf ihrem Bett in Unterwäsche. Im Gegensatz dazu ersetzt Hannah Altman in ihren Fotos alles natürlich Weibliche, das gesellschaftlich gerne als unschön bewertet wird, mit Glitzer aus. So ist das Menstruationsblut in der Unterwäsche als rotes Glitzer zu sehen; Zahnfleischblut glitzert zwischen den Zähnen. Das Erbrechen über der Kloschlüssel wird zu grünem Glitzer.

Mit ihren Fotografien haben diese Künstler und Künstlerinnen dazu angeregt, Schönheitsideale zu überdenken und für eine neue Form der körperlichen Ästhetik gesorgt. Inzwischen ist fast jedes Fotoeditorial, jede Modenschau, Werbeplakat und Musikvideo mit Ideen einer neuen natürlichen Schönheit markiert. Die Fotografien, die sich mit Körperlichkeit beschäftigen, sorgen für einen wichtigen Diskurs, der sich in der Gesellschaft niederschlägt. Die Betrachter nehmen an der neuen Ästhetik teil und schaffen somit neue und offenere gesellschaftliche Konzepte.

Das Besondere an dem fotografischen Medium ist sicherlich auch, dass es soziale Medien prägt. Wir sind jederzeit von Bildern umgeben. Der Körper scheint ein wichtiger Gegenstand der Fotografie zu sein. In ihm zeigen sich Sexualität, Alter, Schwäche, Krankheiten, Schönheit, Natürlichkeit. Seit jeher bestimmt der Körper große Debatten. Indem viele Künstler den Körper mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, etwas so Intimes und Privates, machen sie ihn zu einem vielseitigen Objekt. Er wird politisch, er erregt Ärgernis. Der Körper ist ein zeitlos provokatives Mittel.

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