knowing

Ein Parcours durch die Geschichte der Minimal Art

Teil 5:

Flavins Arbeit verstand er als Phänomen, nicht – wie seine eigenes Werk – als Objekt. Judds aufschlussreicher Abriss über das Werk von Dan Flavin bildet den Abschluss des Minimal-Parcours. Donald Judd war eng mit Dan Flavin befreundet und zählte seine Ausstellungen zum Besten, was er je gesehen hat. Wie viele seiner Zeitgenossene veröffentlichte Judd seine Gedanken über die Arbeiten seiner Künstlerkollegen.

Donald Judd
Aspekte von Flavins Arbeit

Dan Flavin

Dan Flavin: Untitled (to the citizens of the Swiss cantons) 2, 1987, Foto: Axel Schneider, © Estate of Dan Flavin/ VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Drei Hauptaspekte von Flavins Arbeit sind die Leuchtstoffröhren als Lichtquellen, das Licht, das sie im umgebenden Raum verbreiten oder auf benachbarte Flächen werfen, und die Zusammenstellung der Halterungen und der Röhren bzw. ihre Plazierung auf Flächen. Die eingeschalteten Röhren sind intensiv und sehr bestimmt. Sie sind in erster Linie ein besonderer sichtbarer Zustand, ein Phänomen. Die Vereinzelung oder Isolation von Phänomenen ist in der Kunst neu und hochinteressant. […] Die meiste Kunst, auch meine, enthält verschiedene Dinge gleichzeitig, wovon keines auf Ausschließlichkeit hin entwickelt ist. Kunst ist im allgemeinen spezifischer, als sie es früher war; ihre sichtbaren Aspekte sind wichtiger geworden; doch meistens besteht zwischen den wenigen Hauptaspekten ein relatives Gleichgewicht. Die Vorherrschaft eines einzigen Phänomens – das, was die Leute, die heute im Gleichgewicht sind, Unausgeglichenheit nennen würden – ist eine Eigenheit von einem bestimmten Ding. Sie ist sehr verschieden von einer Eigenheit, die die Summe mehrerer Dinge ist. Ich will ein besonderes, bestimmtes Objekt. Ich glaube, Flavin will zunächst oder in erster Linie ein besonderes Phänomen. Das gleichmäßige, begrenzte Leuchten der Röhren, das intensiv ist, jedoch weniger intensiv als das von Glühbirnen, ist ein gleichbleibender Standard und wird durch die verschiedenen Farben wenig verändert. Die Gleichförmigkeit des Lichtphänomens wie auch der Länge der Haltungen ist vielleicht die gemeinsame Ausgangslage für die erhebliche Freiheit in der Anordnung der Leuchten. Die Arbeiten unterscheiden sich stark. Eine freundlich gelockerte Zusammenhanglosigkeit umgibt sein gesamtes Werk und oft auch einzelne Arbeiten […].

Es ist offensichtlich, daß Farbe als Material und Farbe als Licht extrem verschieden sind. Farbe wirkt fast immer äußerlich aufgetragen, außer bei Rohmaterialien, die aber nur selten leuchtende Farben haben. Da die Röhren Lichtquellen sind, erscheinen die Farben als gegeben und unveränderlich, und da die Farben als Licht viel sichtbarer sind als Materialfarben, ist der Unterschied erheblich. Zwei gemalte Weiß nebeneinander sind subtil; zwei weiße Röhren nebeneinander unterscheiden sich ganz offensichtlich […]. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Licht und der Farbe; beide sind ein und dasselbe Phänomen. […]
Einige von Flavins Arbeiten sind genauso eigenständig wie jeder Malerei oder Skulptur und benötigen nur eine Wand oder einen Boden. Die meisten Arbeiten benutzen einen Teil eines Raums. Die Kornblee-Ausstellung war eine Arbeit, die einen ganzen Raum einnahm; die Ausstellung im Museum of Contemporary Art in Chicago bestand aus einer Arbeit, die den gesamten Raum der Hauptetage des Museums einbezog. Beide Ausstellungen, gehören zum Besten, was ich je gesehen habe. […]

 

Auszüge aus: Judd, Donald: Aspekte von Flavins Arbeit, in: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Dresden 1998.

Von Julia Haecker.

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