feeling

Lebendige Kontemplation

In landschaftlicher Stille fremder Länder, von Japan über Norwegen bis Kreta, untersucht Awoiska van der Molen die Identität eines Ortes und betont durch das Medium Fotografie dessen emotionalen und physischen Merkmale. Die niederländische Künstlerin erschafft bei ihren Reisen abstrakte Schwarzweißfotografien, die aktuell im Rahmen des Deutsche Börse Photography Foundation Prize im MMK 3 zu sehen sind. Wie eindringlich ihre Arbeiten auf den Betrachter wirken, verdeutlicht uns die Künstlerin und Autorin Yve Lomax:

(English version below)

Awoiska_Van_Der_MolenAwoiska Van Der Molen, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy of the artist, Foto: Axel Schneider

Awoiska van der Molens Bilder üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Unablässig muss ich hinsehen, und je mehr und länger ich dies tue, desto stärker werde ich hineingezogen in einen Prozess der Kontemplation. Fast scheint es mir, als führten diese monochromen Fotografien ganz unweigerlich zur Kontemplation, einer lebendigen Kontemplation. Aber wenn ich das so schreibe, sollte ich mich erst einmal damit auseinandersetzen, wie sich Kontemplation ausdrückt.

Gemeinhin erachten wir Kontemplation eher als eine für sich stehende, getrennte, etwas einsame Tätigkeit. Die „lebendige Kontemplation“, die hier ausgedrückt – und erfahren – werden möchte, ist jedoch etwas völlig anderes, denn bei ihr wird diese Trennung, insbesondere zwischen Subjekt (Betrachter) und (betrachtetem) Objekt, radikal in Frage gestellt. Im Fall der „lebendigen Kontemplation“ bin ich ein Subjekt, das sich selbst verliert, und zugleich ist da kein Objekt, das separat von mir auf ein Verstehen oder Erkennen meinerseits warten würde.

Was passiert hier? Man könnte sagen, dass es bei der „lebendigen Kontemplation“ zu einer Deaktivierung sowohl des Subjekts als auch des Objekts kommt (ich nehme hier Anleihen bei der Begriffswelt von Giorgio Agamben). Und man könnte sagen, dass es auch im Falle einer bestimmten Auffassung von „gebrauchen“ um eine solche Deaktivierung geht.

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Awoiska Van Der Molen: #412-9, 2015, Courtesy of the artist

Man könnte sagen, dass ich von Awoiska van der Molens Bildern „Gebrauch mache“, indem ich sie fortgesetzt betrachte. Mit der Idee und Praxis des Gebrauchens in einem alltäglichen, also utilitaristischen oder instrumentalistischen Sinne, wie er das heutige Leben überwiegend bestimmt, verhält es sich so: Man ist beim Akt des Gebrauchens unabhängig von dem Objekt, das gerade gebraucht, also genutzt, wird. Beim Gebrauch in diesem Sinn besteht die Welt aus voneinander getrennten Subjekten (die Gebrauchenden) und Objekten (die Gebrauchten). Es gibt allerdings ein viel älteres Konzept des Gebrauchens, das mit der modernen Lesart („etwas gebrauchen“) insofern nichts gemein hat, als es bei ihm kein Gebrauchsobjekt gibt (wie etwa beim altgriechischen Verb „chresthai“). Hier richtet sich kein Prozess von einem aktiven Subjekt hin zu einem Objekt, das von der Aktion des Subjekts getrennt wäre; vielmehr implizieren sich Gebrauchender und Gebrauchtes hier gegenseitig.

Es ist keine Beziehung zwischen zwei Elementen, sondern eine reziproker Immanenz, bei der es kein vorrangiges oder unabhängiges Subjekt gibt: Indem ich etwas gebrauche, bin ich lediglich Teil eines Prozesses, und hinzu kommt, dass meine Existenz als solche davon berührt wird. Anders gesagt, bin ich kein Subjekt, das ein Objekt gebraucht, sondern ich bin ein Subjekt rein durch den Akt des Gebrauchens. An diesem Punkt sind Gebrauchtes und Gebrauchender untrennbar. In den Worten Agambens ausgedrückt, verbleiben Subjekt und Objekt hier „deaktiviert und außer Kraft gesetzt“.

Halten wir also fest: Im Akt des Schauens mache ich Gebrauch von den Fotografien vor mir. Und da meine Existenz von diesem Gebrauch berührt wird, mache ich Gebrauch von mir (selbst). Entscheidend ist, dass diese Bilder und dieses Selbst nicht Objekt und Subjekt sind – entscheidend ist, dass eine Deaktivierung stattfindet.

Angesichts der deaktivierten Trennung haben Kontemplation und Gebrauch etwas gemeinsam, und nichts verhindert eine Intimität zwischen beiden. Sobald also die Trennung zwischen Subjekt und Objekt „zu nichts“ wird, entsteht ein Kontakt, der unmittelbar Intimität erzeugt – eine Intimität, die nicht privat und in sich geschlossen, sondern frei und öffentlich ist.

Van der Molens Werke, die mich so magisch anziehen, lassen mich das Sichtbare und das kaum Sichtbare sehen. Sie lassen mich Berge sehen, feine Felsstrukturen und dann Nebel, Bäume, Äste und Zweige, dann einen Flecken, ein Stück Land oder das Pechschwarz eines Schattens und gleichzeitig das überraschende Licht einer bestimmten Tageszeit. Nichts davon ist ein Objekt, das begriffen, geschweige denn dargestellt würde.

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Awoiska Van Der Molen #364-18, 2013, Courtesy of the artist

Eigentlich spüre ich in vielerlei Hinsicht gar kein Verlangen, diese Bilder zu beschreiben – sie müssen lediglich betrachtet werden. Dabei wollen diese Fotografien nicht aus der Flut der zig Millionen Bilder hervorstechen, die sich unseren Blicken fast im Minutentakt aufdrängen. Vielmehr sind sie bereit zu warten, zu warten und noch länger zu warten; diese Bilder bringen die Zeit in einen Leerlauf insofern, als bei ihnen das „Gebrauchen“ etwas Unproduktives bekommt. Genau dieser Leerlauf und das Warten sind es, die eine lebendige Kontemplation möglich machen und bewahren.

Entscheidend an dieser Art der Kontemplation ist, dass bei der Deaktivierung Subjekt und Objekt nicht zerstört, sondern vielmehr freigesetzt werden. Beide werden (von sich selbst) freigesetzt – für neue Gebräuche, neue Möglichkeiten. Was auf diese Weise erfahrbar wird, ist nichts anderes als das Möglichsein selbst, in anderen Worten die Potenzialität – eine lebendige Potenzialität, eine „in Gebrauch befindliche“, nicht erschöpfte Potenzialität.

Lebendige Kontemplation ist lebendige Potenzialität, wobei das Lebendige daran nichts ist, in dessen Besitz man irgendwie gelangen könnte. Niemand kann sich die Erfahrung lebendiger Potenzialität aneignen; nie ist diese Erfahrung meine eigene oder die meines Gegenübers allein, denn aus der Potenzialität erwächst etwas wahrhaft Gemeinsames, das dem Sein und der Welt eine Intimität besonderer Art verleiht. Potenzialität impliziert immer auch Vielheit (die Möglichkeit zu sprechen impliziert, dass es mehr als einen geben muss, der das tut).

In überaus geduldiger Weise geben van der Molens Bilder der lebendigen Kontemplation Raum. Wir schauen darin nicht nur unser ganz eigenes Handlungspotenzial (als Mensch, als Tier) an, sondern auch das der Welt – des Nebels, der Dunkelheit, dieses Felsens hier oder jenes Baums dort, des Himmels und des Meeres – und letztlich auch das fotografischer Bilder. Und hier genau sind Kontemplation und Gebrauch aufs Untrennbarste verbunden, bringen sie eine Zeit ohne Maß hervor, die die gemeinsame und intime Erfahrung nichtinstrumentellen Lebens schafft – gleich für wen oder was.

Es geht hier um ein Leben bar jeglicher Trennungen (ohne Parzellieren, Mauernbauen, Grenzenziehen). In den Werken von Awoiska van der Molen, die ergeben darauf warten, von uns betrachtet zu werden, lässt es sich erfahren – und lieben. Dieses Leben ist wunderschön und unleugbar politisch zugleich.

 

Lomax, Yve: Lebendige Kontemplation, in: Ausst.kat. Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2017, London, Frankfurt (The Photographers’ Gallery / MMK), 2017.

Yve Lomax ist bildende Künstlerin und Autorin. Sie ist Senior Research Tutor für Fotografie und Bildende Kunst am Royal College of Art in London sowie Direktorin und Herausgeberin bei Copy Press.

 

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Living contemplation  (Yve Lomax)

The photographic images of Awoiska van der Molen draw me into looking and looking again; and the more I look and stay looking, the more I’m drawn into a process of contemplation. In fact, I’ll go so far as to say that these monochromatic images bring contemplation, a living contemplation. But having made this articulation, I must take care how contemplation is expressed.

We are perhaps accustomed to seeing contemplation as a separate and solitary activity; however, the ‘living contemplation’ that desires to be expressed here – and experienced – is far from that, for with this contemplation separation is radically called into question, and particularly the separation between a subject (contemplator) and object (of contemplation). With ‘living contemplation’, I am a subject that looses herself and, at the same time, no object is standing separate from me awaiting comprehension or recognition.

What’s going on here? Let’s say that with ‘living contemplation’ (I borrow the term from the philosopher Giorgio Agamben, who also borrows the term) there is a deactivation of both subject and object. And let’s say immediately that an instance of such deactivation can also be found with an understanding of ‘making use’.

While I’m looking and looking it can be said that I’m making use of these photographic images. With the utilitarian or instrumental idea and practice of use that dominates much of life today, it is the case that in using something you’re taken as someone who is independent of the object about to be put to use. For utilitarian and instrumental use, the world comprises separated subjects (users) and objects (what is used); however, there is a much older sense of use that bears no relation to the modern day meaning of ‘to utilise something’. Indeed, this older sense of ‘to use’ (an example of which can be found with the Greek verb chresthia) brings no object of utility. Here the process doesn’t pass from an active subject towards an object separated from her actions; rather, both the user and the object used imply each other. It is a relationship not made up two elements; rather, it is a relationship of reciprocal immanence. There is simply no prior or independent subject: in putting something to use I’m found only in the middle of a process and, what is more, my very existence is affected by it. In other words, I’m not a subject that uses an object but rather a subject that constitutes itself only through the using. At this point, what is used and the one who uses it are inseparable, which is to say that subject and object are, in the words of Agamben, ‘deactivated and rendered inoperative’.

It can be said that in looking, I am making use of the photographic images that are before me, and it can also be said that, as my existence is affected by this use, I’m making use of my (own) self; but what is crucial is that these images and this self are not as object and subject – what is crucial is that deactivation is taking place.

With separation deactivated, contemplation and use have something in common, and there is nothing stopping an intimacy between them. Indeed, once separations between subject and object are ‘as nothing’ there is a contact that immediately brings intimacy that is not private and closed but, rather, open and public.

The photographic images that have drawn me into looking let me see the visible, the barely visible … they let me see mountain, they let me see minutiae of rock, and then a mist, then trees, branches and twigs, and then a place or a land or the pitch black of a shadow and, at the very the same time, the startling light of a particular time of day; but these are not objects to be comprehended, let alone objects represented.

In many respects I have no desire to make verbal descriptions of these images – they just need to be looked at. Yet what does need to be said is that these are not images jostling for attention amid the million or so images that push their way into sight almost every minute of the day. For, what these photographic images are prepared to do is to wait and wait, and wait even further; in fact, these images let time idle in as much as, with them, ‘use’ becomes unproductive. And it is precisely this idling and waiting that enables and saves living contemplation.

What is key with this contemplation is that which has been separated as subject or object has not become destroyed through deactivation but, rather, released. They are released (from themselves) for new possibilities, new uses, and what there is to experience here is nothing other than potentiality itself, and that is living potentiality, and that experience is potentiality ‘in use’ and not exhausted.

Living contemplation is living potentiality; and I must add this living is not a possession to be gained. The experience of living potentiality is no one’s to own; it is never mine or yours alone; for as soon as there is potentiality something truly common takes place that brings the most remarkable intimacy to being and the world – where there is potential, there are always already many (if there is a potential to speak there cannot be only one being who speaks it).

Through the living contemplation that these photographic images patiently enable, what there is to contemplate is not only your (human or animal) potential for acting but also that of the world – that mist, that darkness, that rock or tree, that sky and sea – and, moreover, photographic images. And this is where contemplation and use are at their most inseparable, enabling a time that knows no measure and with which comes, for whomever and whatever, the common and intimate experience of a non-instrumental life.

This is a life not beset with separations (divisions cut, walls erected, borders controlled). It is to be experienced – and loved – with the photographic images of Awoiska van der Molen that will wait and wait for you to look – it is beautiful and, undeniably, it is political as well.

 

 

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