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Das allumfassende Raster

Was verbindet Pflastersteine mit hochragenden Glasfassaden und Künstlern wie Michael Beutler oder Santiago Sierra? – das Raster! Was es mit diesem strukturierenden Element auf sich hat, erfahrt ihr auf MMK Notes:

Sie sind überall ­– In der innersten Struktur chemischer Substanzen, in organischen Formenbildungen der Botanik und sogar in der Komplexität des Universums. Sich aneinanderreihende horizontale sowie vertikale Linien, die sich punktuell überschneiden, sind nicht nur als ein Grundprinzip der Natur, sondern auch anthropologisch als kulturelles Phänomen aufzufassen. So findet sich das Raster besonders deutlich in Bereichen wie Architektur, Städtebau, Medienwelt sowie Datenerfassung und offenbart sich regelrecht als Sinnbild für Modernität und Fortschritt. Ob es sich dabei um eine Mauer aus Ziegelsteinen, eine Fassade aus Glaselementen, die Anlage einer Stadt oder virtuelle Ströme handelt, das Raster ist stets im Spiel. Einmal „infiziert“ mit dem Rasterblick, begegnet es einem in allen Himmelsrichtungen.

Raster StadtRaster im Stadtraum Frankfurt

Das Raster als grundlegendes Denksystem wirkt als formale Systematik ebenso im Bereich der bildenden Kunst und befördert neue kreative Ansätze. Gerade in der Moderne verstärkt sich die Präsenz dieses Elements zunächst auf der Leinwand und erscheint später als Erkennungszeichen der Minimal Art darüber hinaus im dreidimensionalen Raum. Minimal Art – das sind geometrische Formen, die zunächst ziemlich nüchtern erscheinen. Serialität, Konzeptualität und Logik stellen die neuen Prinzipien der Künstler Carl Andre, Walter De Maria, Dan Flavin und Donald Judd dar, die mit ihren radikalen Werken die Kunst revolutionieren. Sie verwenden erstmals industriell gefertigte oder bearbeitete Materialien und reduzieren ihre Arbeiten auf geometrische Grundstrukturen. Die sogenannten „Primary Structures“ der 1960er- und 70er-Jahre, die aktuell im MMK 2 zu sehen sind, finden sich auch in neueren Werken: Man sehe nur in die Hauptlobby des TaunusTurms, in der Michael Beutlers Arbeit „outdoor-yellow 13“ (2005/2011) ausgestellt wird. Das Objekt kann nicht losgelöst von seiner architektonischen Umgebung erfasst werden und tritt in einen direkten Dialog mit Rasterstrukturen des TaunusTurms und den Fassaden im Hintergrund.

Primary_Structures_Ausstellungsansicht_24Michael Beutler: outdoor-yellow 13, 2005/2011, Courtesy Michael Beutler, Foto: Axel Schneider

Die Begegnung mit Rastern ist stets verbunden mit einer Alteritätserfahrung und fordert den Betrachter heraus, sich zu positionieren. Die Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss bezeichnet das Phänomen Raster in ihrer Schrift „Grids“ aus dem Jahr 1978 auf Grund seiner zweiwertigen Struktur als „schizophren“. So benennt sie die zwei Auffassungsweisen als „zentrifugale“ und „zentripetale“ Existenz des Rasters. Im Rahmen einer zentrifugalen Auffassung könne sich das Raster unendlich in alle Richtungen ausdehnen. So könnten Grenzen innerhalb eines Werkes nur willkürlich gesetzt werden und es fungiere als ein Fragment eines unendlichen Gefüges. Dies bedinge die Wirkung des Rasters vom Kunstwerk nach außen, welche die Notwendigkeit der Akzeptanz der Welt außerhalb des Rahmens oder der Begrenzung des Objektes mit sich bringe. Bei der zentripetalen Auffassung des Rasters führe dagegen der Weg von den äußeren Grenzen des Werkes nach innen. Krauss nennt dies eine „Re-Präsentation“ all dessen, was das Kunstwerk von der Welt trennt. Die Grenzen der Welt seien somit in das Innere des Werkes hineinverlegt.

Betrachtet man unsere aktuelle Situation im Spiegel der Idee der Zentrifugalität sind wir im 21. Jahrhundert auf technologischer Basis mit einem allumfassenden digitalen Raster verknüpft, das Grundstrukturen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens immer stärker dominiert. In der direkten Begegnung mit einem Rasterwerk können wir als Betrachter nicht hinter unsere Erfahrung bezüglich der eigenen räumlichen, sozialen und virtuellen Vernetzung zurücktreten und erfahren somit das Raster stets als Teil eines größeren Ganzen.

 

„Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“
noch bis 13. August im MMK 2

 

Ein Beitrag von Stella Coersmeier

 

 

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