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Eine einseitige Liebe

Sie ist sexy, robust, eine Vielfliegerin und zeitweise sehr stachelig ­– die Biene. Zwar weiß sie wahrscheinlich nicht einmal, dass es den Menschen gibt, doch ist unsere Faszination für dieses Insekt – nicht nur wegen des süßen Honigs ­– höchst präsent. Was es mit der Bienenliebe, dem Bienensexleben und der Biene in Kunst und Kultur auf sich hat, berichtet Greenpeace Magazin Redakteurin und Mitautorin des Buches „Die Biene. Eine Liebeserklärung“ Katja Morgenthaler in einem Interview auf MMK Notes.

Flying Bee

Stella Coersmeier/MMK: Wie ist das eigentlich mit den Bienen und dem Blümchensex?

Katja Morgenthaler: Na ja. Der Sex vieler Blümchen würde ohne die Bienchen ausfallen. Ein Biologe in unserem Buch nennt sie sogar „Fliegende Penisse“. Ich finde „Liebesbotinnen“ schöner. Denn Blümchensex ist wirklich sanft: Die Bienen saugen den Nektar aus den Blüten, ohne ihnen ein Blättchen zu krümmen. Aber es stimmt schon, die ganze Blütenpracht ist reiner Sex. Seltsam, dass wir über Sommerwiesen gehen, ohne rot zu werden – bei so vielen wohlriechenden Fortpflanzungsorganen! Aber vielleicht liegt es daran, dass all die Düfte, Farben, Formen und Muster nicht für uns gemacht sind. Sie sind ein einziges Konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Bienen. Also, liebe Bienen: Vielen Dank für die Blumen! Ohne euch würden wir wohl durch eine Kreidezeit-Welt voller grasgrüner Sporenpflanzen und Nacktsamer laufen. Der Sex der Bienen untereinander ist übrigens gar nicht blümchenhaft. Jede Drohne, die die Königin im Flug erobert, stirbt gleich danach qualvoll. Und die restlichen Drohnen werden von ihren Schwestern im Herbst vors Flugloch geschubst, wo sie verenden. Also: Nicht alles nur Friede, Freude, Kuschelrock im Liebesleben der Bienen…

SC: Und wie sieht es mit der Liebe aus? Wann haben Sie sich in die Bienen verliebt?

KM: Das weiß ich nicht mehr genau. Ich kann mich aber noch gut an das wunderschön illustrierte DDR-Kindersachbuch: „Polli – Ein Tag im Leben einer Biene“ erinnern, aus dem ich im Grundschulalter alles Wichtige über diese Kunstwerke der Natur erfahren habe. In meinem Kinderzimmer hing lange die wandfüllende Großaufnahme einer Biene mit knallbunten Pollenhöschen. Seltsamerweise hat ihr riesenhaftes Insektengesicht mir nie Angst gemacht. Nicht mal im Dunklen.

SC: Bis in die jüngste Zeit war die Biene für Umweltethik und -politik kein Thema. Naturphilosophisch wird sie aber quer durch die Jahrhunderte beachtet. In der öffentlichen Wahrnehmung ruft die Biene – trotz ihres Stachels – überwiegend positive Gefühle hervor, was nicht nur am süßen Honig liegt. Man bewundert sie für ihr Sozial- und Kommunikationsverhalten. Was können wir hierbei von den Bienen lernen?

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KM: Ganz ehrlich? Ich glaube, nichts. Menschen und Bienen spielen sozusagen nicht in derselben Liga. Wir haben das Zusammenleben der Bienen zwar im Laufe unserer Geschichte schon für jede denkbare Staatsform als Vorbild herangezogen. Aber dass Bienen so was wie bessere Menschen sind und die perfekte Gesellschaftsform gefunden haben, ist ein Missverständnis. Ein Bienenvolk ist ein Superorganismus. Viele Imker sagen „der Bien“ dazu. Die einzelnen Bienen sind das, was im menschlichen Körper Zellen und Organe sind. Sie erfüllen Aufgaben zum Wohle des Ganzen. Das funktioniert auf hochkomplexe Weise. Am Ende entsteht Schwarmintelligenz. Aber das Sozialverhalten der Bienen erlaubt keinerlei „persönliche“ Freiheit. Und sie arbeiten – wie eine Körperzelle –, bis sie tot umfallen. Da der Vergleich also hinkt, müsste man sich das Zusammenleben der Bienenvölker anschauen. Da ist mir im besten Falle freundliche Ignoranz bekannt, im schlechtesten der Raub von Honigvorräten. Und was die Kommunikation angeht: Es ist einzigartig, dass ein so winziges Wesen mit einem Gehirn, in dem nur eine Million Nervenzellen stecken, die Position von Blüten tanzt. Aber wieso sollten wir das lernen? Unser mehr als 80.000-mal größeres Gehirn hat die Sprache hervorgebracht, Landkarten und so weiter. Das ist doch auch nicht ganz schlecht. Was wir an den Bienen bewundern, ist wohl, dass sie so hochentwickelt sind und zugleich so anders als wir – die Krone der Schöpfung im Insektenreich sozusagen. Aber Moment. Vielleicht können wir „hochentwickelten“ Säugetiere doch etwas von den Bienen lernen: Wie man seine Umwelt gestaltet und nutzt, ohne gleich alles plattzumachen.

SC: Inwieweit ist die Biene durch industrialisierte Landwirtschaft vom Wohlfühlobjekt zum politischen Tier geworden?

KM: Ist die Biene ein „Wohlfühlobjekt“ gewesen, bevor sie politisch wurde? Soweit ich weiß, war sie ein Nutztier. Für Bauern war es selbstverständlich, auch Bienen zu halten, der Bestäubung und des Honigs wegen. Dass sie heute politisch ist und damit zugleich auch hip, ist gar keine Frage. Erhard Maria Klein, der Erfinder der „Bienenkiste“, die inzwischen auf jedem ordentlichen Ministeriumsdach steht, meint: Was in den Achtzigerjahren die Kröten waren, sind heute die Bienen – Symboltiere der Umweltbewegung. Heute trägt man keine Kröten mehr über die Straße, sondern verkleidet sich auf Demos als Biene und fordert das Verbot von besonders heimtückisch wirkenden Insektengiften, den Neonicotinoiden. Und ja, daran, dass die Bienen heute politisch sind, hat die industrialisierte Landwirtschaft einen riesengroßen Anteil. Sie macht den Bienen das Leben schwer. Nicht nur durch Insektizide, auch durch Monokulturen und die Abschaffung von Blühstreifen. Viele Regionen gleichen heute grünen Wüsten. Wenn die Rapsblüte durch ist – also ziemlich früh im Jahr —, müssen die Bienen hungern, weil nichts anderes mehr wächst. Die Biene ist ein Indikator für den Zustand unserer Umwelt. Wenn es ihr schlecht geht, heißt das langfristig auch für das restliche Ökosystem nichts Gutes. Uns eingeschlossen.

SC: Kann die Biene als eine Kulturbotschafterin bzw. Kulturbegleiterin verstanden werden?

KM: Auf jeden Fall. Honigbienen, wie wir sie heute kennen, gibt es seit etwa dreißig Millionen Jahren. Als die ersten Affen von den Bäumen stiegen und Menschen wurden, waren sie schon ewig lange da. Und sie haben uns geprägt. Ein Grund für unsere Zuneigung – trotz Stachels – ist sicherlich, dass wir ihnen so ziemlich von Anfang an Honig entwendet haben. Schon steinzeitliche Höhlenmalereien zeigen das. Honig war jahrtausendelang die einzige Süßigkeit der Menschheit. So hohe Zuckerkonzentrationen kommen ja ansonsten in der Natur nicht vor. Und irgendwann fanden die Menschen heraus, dass Wachs brennbar ist. Das war wiederum lange, bevor es Steckdosen gab. Den Bienen verdanken wir Süße und Licht. Was hätten die ersten Christen in den dunklen Katakomben Roms wohl ohne Kerzen gemacht? Und wären die Ägypter wirklich von allein auf die Idee gekommen, ihre Pharaonen zu mumifizieren? Es ist also kein Wunder, dass die Biene immer verehrt und verewigt worden ist. Es gibt wohl kein Tier, das im kulturellen Schaffen des Menschen so oft vorkommt – in Mythen, Religionen, Fabeln, Gedichten, Gemälden…

SC: Was lief da eigentlich zwischen Joseph Beuys und den Bienen?

KM: Den Bienen wird Joseph Beuys herzlich egal gewesen sein. Aber andersherum war da offenbar eine große Faszination. Schon in den 1950er-Jahren erforschte und zeichnete er sie. Bienen, Honig, Pollen und Wachs tauchten immer wieder in seinen Werken auf, ob als Inspiration oder ganz konkret als Werkstoff. Ich bin keine Kunsthistorikerin, aber der Bienenstaat muss für Beuys geradezu der Prototyp der Sozialen Plastik gewesen sein. Unvergessen ist seine „Honigpumpe“, eine Installation auf der Documenta 6 im Museum Fridericianum in Kassel und für ihn Sinnbild des menschlichen und des gesellschaftlichen Organismus: Hundert Tage lang zirkulierten 150 Kilo Honig durch ein Schlauchsystem, während Beuys mit Besuchern diskutierte. Und zwar nicht über das Imkern, sondern im Sinne seines „erweiterten Kunstbegriffs“ über Themen wie Atomkraft und alternative Energien, Gewalt und soziales Verhalten, Arbeit und Arbeitslosigkeit. „Honig fließt in alle Richtungen! Demokratie auch!“, verkündete er. So war es wohl auch nur folgerichtig, dass der Mann mit dem Hut wenig später Gründungsmitglied der Grünen wurde.

Bienen

SC: Die Biene ist aktuell überall in den Schlagzeilen. Grund hierfür ist das zunehmende Bienensterben. Wie geht die Geschichte mit Bienen und Blümchen in Zukunft weiter? Was würde es bedeuten, wenn niemand mehr Blütenpflanzen bestäubt?

KM: Ich weiß, dass das jetzt vielleicht seltsam klingt, aber „das zunehmende Bienensterben“ ist Alarmismus. Natürlich sind die Honigbienen in großen Schwierigkeiten: Sie finden zu wenig Futter und werden obendrein von Insektiziden und Parasiten geschwächt, die es früher nicht gab. Aber die Bienen haben ja ihre Imker. Und die stellen zur Not Zuckerwasser bereit und behandeln ihre Bienen sehr gewissenhaft gegen Parasiten. Die Imker tun alles, was in ihrer Macht steht, damit ihre Bienen nicht sterben. Natürlich gibt es immer bessere und schlechtere Jahre. Aber das eigentliche Problem haben die vielen Hundert wilden Bienenarten und Bestäuber, die größtenteils nicht in Staaten leben, keinen leckeren Honig herstellen und deshalb auch niemanden haben, der ihnen den Ernteausfall ersetzt. Hummeln und Schmetterlinge zum Beispiel. Diese Arten sterben wirklich „zunehmend“. Und das ist alarmierend. Denn je bunter die Bestäubermischung, desto besser. Und wenn eines Tages niemand mehr Blütenpflanzen bestäuben sollte, würde so ziemlich alles, was Vitamine hat und Spaß macht, ausfallen oder deutlich weniger Fruchtfleisch ansetzen: von A wie Apfel bis Z wie Zucchini – betroffen wären auch so wundervolle Dinge wie Kaffee und Schokolade. Sogar Rindfleisch könnte zum Problem werden, wenn Futterpflanzen wie Klee verschwänden. Wir bekommen den Großteil unserer Kalorien zwar von windbestäubten Pflanzen wie Reis, Mais und Weizen oder Selbstbefruchtern wie Kartoffeln. Aber davon allein lebt es sich ja nun leider weder besonders lustvoll noch ausgewogen. Und Handbestäubung wäre unbezahlbar.

SC: Der Imker ­– Kann er als Vermittler zwischen Mensch und Tier verstanden werden?

KM: Hm. Dazu müssten die Bienen wissen, dass es Menschen gibt. So klug sie sind, das haben sie noch nicht herausgefunden. Wir Säugetiere sind ja auch vergleichsweise neu auf der Welt. Unsere Liebe zu den Bienen ist und bleibt also leider einseitig. Der imkernde Mensch greift sehr geschickt in ihr Leben ein und bringt sie dazu, mehr Honig zu produzieren, als sie brauchen. „Schenken“ würden sie uns ihren Wintervorrat nicht. Insofern ist der Imker ein Nutztierhalter. Die Frage könnte auch lauten, ob ein Milchbauer als Vermittler zwischen Mensch und Tier verstanden werden kann. Aber bei den Honigbienen liegt die Sache trotzdem noch ein bisschen anders. Denn sie sind in Jahrtausenden der Imkerei und Zucht immer auch Wildtiere geblieben und brauchen eine gesunde Umwelt, damit es ihnen gut geht. Wenn Imker nun also Lobbyisten der Biene sind und für eine andere Landwirtschaft eintreten, hilft das nicht nur ihren Bienen, sondern vor allem den vielen Insekten und Vögeln, die niemanden haben, der sich um sie kümmert. Insofern sind Imker im besten Falle Vermittler zwischen Mensch und Natur. Übrigens gibt es in Deutschland kaum Berufsimker. Die meisten betreuen ihre drei bis zehn Bienenvölker in ihrer Freizeit. Dazu gehören Wissen, Erfahrung und Muße. Ich bewundere diese Arbeit und finde es toll, wenn Imker Kindern zeigen, woher der Honig kommt und wie kostbar er ist. Für ein Glas Honig müssen die Bienen rund 40.000 Mal ausfliegen und 120.000 Kilometer zurücklegen – dreimal um die Erde.

 

„Die Biene. Eine Liebeserklärung“ von Katja Morgenthaler und Kerstin Eitner ist auch im Shop des MMK 1 erhältlich.

Zum neuesten Bienen-Kooperationsprojekt des Greenpeace-Magazins zählt eine Kooperation mit „Netzwerk Blühende Landschaft“ und Landwirt Hauke Hintz aus Kleve in Schleswig-Holstein. Hier geht es zu weiteren Informationen zum Projekt sowie zu Unterstützungsmöglichkeiten: https://www.greenpeace-magazin.de/blumenwiese

 

Featured Image: ©Antagain; Foto Bienenwaben: Axel Schneider

 

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