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Tagungsbericht „Sichtbarkeiten des Archivs”

Ein Studientag anlässlich der Einrichtung des Archiv Peter Roehr am MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt.

Lange Zeit galten Archivmaterialien in Kunstmuseen als verstaubt. Meist in Vitrinen angeordnet, entziehen sich die häufig kleinteiligen Fragmente den gängigen musealen Präsentationsformen und widersetzen sich der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein neues Bewusstsein für das Potential von Sekundärquellen wirft Fragen danach auf, wie und mit welchem Gewinn Archive im Ausstellungskontext präsentiert und für Besucher sinnlich erfahrbar gemacht werden können. Die Tagung „Sichtbarkeiten des Archivs” ging diesen Problemstellungen nach.

Während sich die „Wunderkammern“ als maßgebliche Sammlung- und Ausstellungform des 16. Jahrhunderts gerade dadurch auszeichneten, dass sie nicht zwischen Werk und Beiwerk unterschieden und Objekte in einem hierarchiefreien Nebeneinander präsentierten, etablierte sich mit der Gründung spezialisierter Museen im 19. Jahrhundert zunehmend eine Trennung zwischen Exponat und sekundärem Archivmaterial. Nicht zuletzt hat der in der zeitgenössischen Kunst so beliebte White Cube mit seinem Neutralitätsgebot dafür gesorgt, dass mit dem Dekor auch die dokumentarischen Materialien aus dem Ausstellungsraum verschwanden. In der gegenwärtigen Museumspraxis steht somit die Sichtbarkeit der Werke der Unsichtbarkeit des Archivs gegenüber. Zugleich wird jedoch die Grenze zwischen Primär- und Sekundärquelle durch die Etablierung künstlerischer Ausdrucksformen wie Konzept- und Performancekunst durchlässiger und lässt die Antwort auf die Frage, was gezeigt und was den Blicken entzogen werden soll, nicht mehr eindeutig ausfallen. Auch die Abkehr von den etablierten Narrationen der Kunstgeschichte weist Archivmaterial eine neue Rolle zu, indem es den Entstehungskontext künstlerischer Positionen stärker in den Fokus rückt.

Abb 1 Breitwieser

Dan Graham: New Design for Showing Video, 1995
Ausstellungsansicht: White Cube/Black Box, 1995, Sammlung Generali Foundation, Vienna,  Foto: Werner Kaligofsky © Sammlung Generali Foundation, Museum der Moderne Salzburg

Den Auftakt der Tagung bildete Dr. Sabine Breitwiesers Vortrag „Für eine emanzipierte Öffentlichkeit: Archive und Sammlungen erschließen“. Die Direktorin des Museums der Moderne Salzburg sprach zunächst über die Nutzung von Monitoren und Bildschirmen im Ausstellungskontext und richtete dabei ein besonderes Augenmerk auf die „MoMA Media Lounge“. Für dieses Projekt ließ das Museum von Künstlern Displays zur Präsentation von Film- und Videomaterial realisieren, welche die Sekundärquellen im Kontext einer Rauminstallation sinnlich erfahrbar machten. Im zweiten Teil ihres Vortrags beleuchtete Breitwieser anhand der Erfahrung mit dem „Derra de Moroda Dance Archiveund der 2016 eröffneten Ausstellung „Kunst-Musik-Tanz“ die Präsentation eines Tanz-Archivs. Als performative Kunstform ist Tanz dem Wesen nach zunächst eine immaterielle Größe, die der Mediatisierung als Grundvoraussetzung für die museale Präsentation bedarf. Zum Schluss stand das Generali Foundation Studienzentrum im Mittelpunkt, eine Kombination aus einer Bibliothek mit Lesesaal und einem Ausstellungsraum, die in Zukunft erweitert werden soll. Die Besonderheit sei nicht nur, dass dieses Archiv von der Institution selbst generiert ist – und nicht übernommen oder geerbt wurde – sondern auch, der Wunsch, es für eine Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Opt Abb_Literarturarchiv Marbach

Ausstellungsansichten: Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung, 2009 / Wandernde Schatten. In W.G. Sebalds Unterwelt, 2008/2009, Schiller-Nationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne Marbach am Neckar, Fotos: Heike Gfrereis

Die Herausforderungen im Umgang mit Archiven wurden auch in den weiteren Präsentationen thematisiert. So zeigte Prof. Dr. Heike Gfrereis, die eine Honorarprofessur für Literaturwissenschaften an der Universität Stuttgart inne hat, am Beispiel der Museen des Deutschen Literaturarchiv Marbach Konzepte, Anliegen und Problemstellungen der Ausstellbarkeit von Literatur und Schriftstücken. Zunächst gewährte sie Einblicke in den vielfältigen Sammlungsbestand der Museen, indem sie sowohl auf Texte als auch auf Bilder und Objekte aus den Nachlässen der Schriftsteller verwies. Einerseits wird in monografischen Dauerausstellungen wie beispielsweise im Schiller Nationalmuseum häufig die Autoren-Persona anhand ephemerer Relikte und Erinnerungsstücke in den Mittelpunkt gerückt, die über ihre Bedeutung als Existenzspuren hinaus eigene Zugänge zu Vorstellungs- und Ausdruckwelten ebnen. Andererseits bieten thematische Wechselausstellungen die Möglichkeit, die Objekte neu zu kontextualisieren. Dabei sei laut Gfrereis das wesentliche Potential von Literatur zu berücksichtigen, die Imagination von Bildern anzuregen. Im Ausstellungskontext bewegten sich die Exponate zwischen der sichtbaren Welt der Dinge und dem unsichtbaren Raum der Poesie, weshalb die sorgfältige Kombination von Objekt und Text besonders zentral sei. Ziel des Literaturarchivs sei es, das Archivmaterial vom Kult um die Autoren zu lösen und die Gegenstände hinsichtlich ihres spezifischen Erkenntnisgewinns zu beleuchten.

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Ausstellungsansicht: Archiv Peter Roehr, 2017, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Das Archiv des früh verstorbenen Künstlers Peter Roehr (1944-1968) kam 2011 als Schenkung von seinem Weggefährten und späteren Galeristen Paul Maenz in den Besitz des MMK. Die Relevanz dieses Materials für die Werke Roehrs in der Sammlung des MMK und die erweiterten Möglichkeiten durch eine digitale Veröffentlichung der Dokumente erläuterte Nadine Hahn, die das Archiv-Projekt betreut hat und derzeit das Archiv von Jean-Christophe Ammann am MMK konzeptuell bearbeitet. Etwa 2.500 Objekte – von Korrespondenzen, Notizen und Publikationen bis zu Fotos, Filmen und Tonaufnahmen – wurden zunächst organisiert, erfasst und digitalisiert. Nach der Programmierung der Webseite und der aufwendigen Klärung der Rechte wurde das Archiv unter www.archiv-peter-roehr.mmk-frankfurt.de mit dem Ziel online gestellt, eine räumlich unbegrenzte Sichtbarkeit zu ermöglichen. Die digitale Präsentation wird derzeit durch einen analogen Ausstellungsraum im MMK 1 (1. Juni – 24. September 2017) ergänzt: eine Auswahl von Dokumenten sowie von Werken Roehrs aus der Sammlung des Museums werden anlässlich des Studientags in einem Kabinett gezeigt. Von den im Vortrag angesprochenen Querverbindungen zwischen Werk und Dokumentationsmaterial konnten sich die Teilnehmer der Tagung bei einem gemeinsamen Besuch der Präsentation des Roehr-Archivs selbst einen Eindruck verschaffen.

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Büroräume und Bibliothek Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Gerhard Richter Archiv Dresden

In dem Vortrag von Dr. Dietmar Elger über das Archiv des deutschen Künstlers Gerhard Richter wurden die Besonderheiten des Archivs eines noch lebenden Künstlers herausgestellt. Die im Jahr 2006 als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gegründete Organisation arbeitet eng mit Richters Atelier in Köln zusammen und bezieht einen Großteil ihres Materials direkt von der künstlerischen Produktionsstätte. Die mögliche Einflussnahme des Künstlers auf den Bestand warf nicht nur die zentrale Frage nach der Autorschaft von Archiven auf. Sie verdeutlichte zugleich, dass Dokumentbestände das Ergebnis komplexer Entscheidungen darüber sind, was als „sammlungswürdig“ gilt – und was nicht. Neben den Schwerpunkten und der Funktionsweise des Archivs thematisierte Elger auch seine möglichen Präsentationsformen. Das Richter-Archiv arbeitet nicht nur an einer aktualisierten Version des „Catalogue Raisonné“, sondern organisiert auch Publikationen sowie Ausstellungen und verleiht neben Dokumenten auch Werke an andere Institutionen. Anders als Archive verstorbener Künstler zeichnet sich das Richter-Archiv dadurch aus, dass es durch den Eingang von Büchern, Katalogen, Dokumenten, Pressematerial, Einladungen und Fotografien in einem ständigen Wachstum begriffen ist.

Das Archiv von Dorothee und Konrad Fischer, vorgestellt von Dr. Anette Kruszynski, Sammlungsleiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, offenbart einen weiteren Aspekt von Archiven im Kunstkontext. Es handelt sich dabei um ein Konvolut aus Fotografien, Korrespondenzen, Entwürfen, Einladungskarten und anderen Dokumenten der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer, das 2013 zusammen mit Kunstwerken der Sammlung Dorothee und Konrad Fischer teils durch Schenkung, teils durch Ankauf an die Kunstsammlung NRW gelangte. Die in der Tagung mehrmals diskutierte Digitalisierung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem ZADIK – Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, dessen Tätigkeit in folgendem Video erläutert wird:

Ein Teil des Archivs war zusammen mit Werken der Sammlung in der Ausstellung „Wolke & Kristall. Die Sammlung Dorothee und Konrad Fischer“ (24.09.2016 – 08.01.2017) im K21 zu sehen. Bei dieser umfassenden Sammlungspräsentation stellte sich insbesondere die Frage nach dem Unterschied zwischen Kunstwerk und Archivmaterial. Besonders die Konzeptkunst habe diese Trennung zwischen künstlerischer Arbeit und Sekundärquelle stark verschwimmen lassen, wie Kruszynski anhand einer Zeichnung Carl Andres verdeutlichte. Was macht eine Anweisung oder eine Skizze zum Werk? Und wie stellt man Materialien aus, bei denen diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann? Ist die Befragung der Künstler nicht mehr möglich, erweise sich vor allem ein sensibler Umgang mit dem Display als zentral. Kuratorischen Entscheidungen darüber, ob ein Objekt etwa ohne oder mit Rahmen, hängend oder liegend präsentiert wird, kommt dabei eine Schlüsselfunktion für die Werkrezeption zu. Kruszynskis Fazit war klar: Ob als Archiv oder als Kunstwerk betrachtet, stets sollte die Prämisse gelten, die Objekte zugänglich und sichtbar zu machen.

 

Sichtbarkeiten des Archivs – 1. bis 2. Juni 2017

Ein Studientag anlässlich der Einrichtung des Archiv Peter Roehr am MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt. 

Goethe-Universität Frankfurt und MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Eine Kooperation des Masterstudiengangs Curatorial Studies, des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität, des Kunsthistorischen Instituts der Universität zu Köln und des MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main.

 

Ein Beitrag von Laura Teixeira und Layla Burger-Lichtenstein

 

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