knowing

Ein Parcours durch die Geschichte der Minimal Art

Teil 4:

„Die Installationen werden fertiggestellt, eingeschaltet und wieder abgebaut.“
Dan Flavin beabsichtigte durch die Klarheit seiner Installationen ein schnelles und leicht zugängliches Verstehen – die Besucher sollten letztlich nicht zu lange mit Kunst aufgehalten werden. Diesem pragmatischen Rezeptionsansatz stehen langjährige Überlegungen und Entwicklungsphasen des Künstlers gegenüber, in denen er die Möglichkeiten fluoreszierenden Lichts auslotete.

Dan Flavin
„… in Tageslicht oder kühlem Weiß.“ – Eine autobiograpische Skizze 

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Dan Flavin: Ohne Titel (to Barbara Nüsse), 1971; Ausstellungsansicht MMK, Courtesy Estate of Dan Flavin / VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Thomas Schröder

Irgendwo machten sich zu dieser Zeit insgeheim aufrührerische Gedanken in mir breit, das Vorhaben eines einfachen physischen Gemäldes von fester Plastizität; dieses sollte in Kontrast zu den losen, leeren, überladenen taktilen Phantasien stehen, die sich über unzählige Meter von Baumwolltuch erstreckten […], welche die Phantasie ihrer Praktiker-Opfer erdrückte und erstickte – eine im Niedergang begriffene Generation von Künstlern, die ich da draußen in wohlsituierten Galerien sehen konnte. […] Im Frühjahr 1963 fühlte ich mich in meiner neuen Arbeit ausreichend gefestigt, um sie abzubrechen. Ich nahm ein kürzlich entstandenes Diagramm und verkündete „die Diagonale der persönlichen Ekstase“, einen gewöhnlichen 2,44 m langen Streifen fluoreszierenden Lichts in einer beliebigen im Handel erhältlichen Farbe. Zuerst wählte ich Gold. […]

Mit der Zeit kam ich zu einigen Schlußfolgerungen über das, was ich bei fluoreszierendem Licht herausgefunden hatte und was sich damit plastisch erreichen ließ: Jetzt konnte das gesamte Innere des räumlichen Behälters und seine Teile – Wand, Boden und Decke – diesen Lichtstreifen tragen, ohne dessen Lichtakt einzuschränken, ihn höchstens umschließen. Betrachte das Licht und Du bist fasziniert – daran gehindert, dessen Grenzen an beiden Enden zu erfassen. Während die Röhre selbst eine tatsächliche Länge von 2,44 m hat, hat der Schatten, der von ihrer Halterung geworfen wird, keine Länge, sondern lediglich eine Illusion, die sich an den Enden auflöst. Dieser verblassende Schatten kann nicht gemessen werden, ohne daß man sich seiner visuellen Wirkung widersetzt und so die Poesie zerstört.

Nachdem ich dies erkannt hatte, wußte ich, daß der tatsächliche Raum eines Zimmers aufgelöst werden konnte, indem man Illusionen von wirklichem Licht (elektrisches Licht) an Nahtstellen des Raumaufbaus postiert. Wenn man z.B. eine 2,44 m hohe Leuchtstoffröhre in die senkrechte Kante einer Ecke setzt, kann diese Ecke durch das grelle Leuchten und den doppelten Schatten aufgelöst werden. Ein Teil der Wand kann visuell vom Ganzen zu einem separaten Dreieck abgeteilt werden, indem man eine Lichtdiagonale von einer Wandkante zur anderen platziert; d.h. zum Beispiel von der Seitenkante zum Fußboden. […]

Was hat Kunst mir bedeutet?
Früher habe ich sie (hauptsächlich) als eine Folge implizierter Entscheidungen erfahren, um Traditionen von Malerei und Skulptur in der Architektur mit Wirkungen von elektrischem Licht zu verbinden, die den Raum definieren; in letzter Zeit auch als progressive strukturelle Vorschläge für diese vibrierenden Instrumente, die frühere Erkenntnisse einzeln zugänglich gemacht und zu beinahe mühelosen, aber nicht weniger eindringlichen geistigen Mustern gesteigert haben, die ich nicht vernachlässigen will. Ich rechne bei Gelegenheit mit noch mehr Leuchten – jedenfalls vorläufig.

 

Auszüge aus: Flavin, Dan: „… in Tageslicht oder kühlem Weiß.“ Eine autobiograpische Skizze, in: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Dresden 1998.

Von Julia Haecker.

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