feeling

Zwischen Kraftakt und medita- tivem Eintauchen

Knittern, knüllen und feinfühlig stapeln – so entsteht aus einem Block Papier ein leichter Papierhaufen, der durch Lufträume an Volumen gewinnt. Für die Reduzierung auf das Material als Form und die Hinwendung zu unkonventionellen Materialien aus der Alltagswelt ist der deutsche Bildhauer und Konzeptkünstler Reiner Ruthenbeck bekannt.

Die neue Sammlungspräsentation im MMK 1 widmet dem Künstler, der im Juni 80 Jahre alt geworden wäre, einen eigenen Raum, in dem auch sein bekannter „Schwarzer Papierhaufen“ zu sehen ist. In Anlehnung an das von Ruthenbeck im Jahr 1970 entworfene Konzept gestaltete Pia Gamon, Kuratorin des Archivs für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, aus 600 schwarzen Papierbögen den bekannten „Haufen“. Was hierbei zu beachten ist und wie sich solch ein Künstlernachlass gestaltet berichtet Pia Gamon auf MMK Notes:

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Pia Gamon beim Aufbau der Arbeit „Schwarzer Papierhaufen, 1970“ von Reiner Ruthenbeck, Courtesy Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Aus einem großen Packen festen schwarzen Papiers ein Kunstwerk namens „Schwarzer Papierhaufen“ von Reiner Ruthenbeck entstehen zu lassen, klingt einfach, bietet aber viele Möglichkeiten und damit zugleich eine große Herausforderung. Der Künstler hinterließ in seinem 1970 entworfenen Konzept zwar einerseits sehr genaue technische Instruktionen, anderseits im Großen und Ganzen eine eher gefühlte Anleitung zum Aufbau des Werks wie auch zum Umgang mit seiner Kunst allgemein:

Ich mache einfach Kunst, und dann schaue ich natürlich, wie das bei den Menschen ankommt. Und ich sehe, dass es sehr oft genauso ankommt, wie ich es meine. Die Leute stehen vor meinen Werken, und wenn sie richtig sehen, ist darüber gar nicht mehr viel zu reden. Es gibt Objekte von mir, da ist praktisch nichts zu sehen. Dass man von etwas berührt werden kann, das fast gar nicht da ist, interessiert mich sehr.“
(Interview 2.10.1993 mit Kirsten Voigt im Badischen Tagblatt, abgedruckt in: Reiner Ruthenbeck, Werkverzeichnis, Duisburg, Verlag Walther König, Köln 2008, S. 20ff)

Als Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds bewahren wir neben zahlreichen Werken Ruthenbecks aus allen Phasen seines Schaffens auch die Konzepte des Künstlers und bemühen uns um möglichst authentische Umsetzungen seiner künstlerischen Ideen. Ungefragt schauen wir auch mal Werkinhabern auf die Finger und versenden Tipps zum richtigen Umgang, wenn uns Abweichungen zum Originalzustand auffallen. Eine Masterarbeit im Fach Restaurierung, die durch das Künstlerarchiv in Kooperation mit der TH Köln 2012 entstand, definierte auf penible Art und Weise Fadendicke, Nahtverläufe und mögliche Farbnummern der vorher schlicht als „dunkelroter Stoff“ vom Künstler beschriebenen Werkserie. Das Unterfangen einer präzisen Formulierung seiner Konzepte gestaltete sich für Reiner Ruthenbeck als zwiespältig. Sich festlegen zu lassen auf technische Umschreibungen entsprach nicht dem, was seine Werke beim Betrachter als eher empfundene Wahrnehmung auslösen sollten. Einmal durchformuliert können die fixierten Angaben jedoch auf Dauer sicherstellen, dass Ruthenbecks Installationsanleitungen richtig verstanden werden und auf andere Werke des Künstlers mit ähnlicher Intention und Materialität übertragbar sind.

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Reiner Ruthenbeck: Schwarzer Papierhaufen, 1970, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Axel Schneider

Nach Übergabe von Reiner Ruthenbecks Werke erreichten das Archiv für Künstlernachlässe schnell zahlreiche nationale und internationale Leihgesuche, die zunächst noch zusammen mit dem Künstler und im Sinne einer nachhaltigen öffentlichen Sichtbarmachung seiner Kunst erfüllt wurden. Die ersten Papierhaufen – schwarze wie weiße – hat das Archiv im Sommer 2014 in einer großen Einzelausstellung im Maison de la Culture in Amiens in enger Absprache mit dem Künstler installiert. Neben einer unerwartet sportlichen Komponente angesichts der soliden Sperrigkeit des festen Papiers enthält bereits der Aufbau einen kontemplativen Anteil, den zu transportieren dann gelingt, wenn die fertige Installation als perfekt gesehen und in dergleichen Weise empfunden werden kann. Beim Aufbau des Papierhaufens haben wir festgestellt, dass es am Einfachsten ist, zunächst von einer Ecke des quadratischen Blatts ausgehend mit dem Knüllen anzufangen, um von dort immer mehr Papier in beide Handflächen einzuknautschen, bis ein rundliches Knäuel entstanden ist. Maß und Dichte des Papiers erlauben nicht, es in einer einzigen durchgehenden komplett Bewegung zusammenzuballen. Versuche einer Abkürzung, die Papierfläche schrittweise einzuknüllen bieten immer die Gefahr, zu falten oder zu drehen statt zu knüllen. In der Tat gibt es überraschend viele Möglichkeiten der Ausführung und insbesondere einer falschverstandenen Umsetzung der Künstleridee, wenn eher Papierflieger-Module, Origami-Muster oder backsteinhart geformte Kanonenkugeln geformt werden als die vom Künstler gedachten Knülle.

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Pia Gamon beim Aufbau der Arbeit „Schwarzer Papierhaufen, 1970“ von Reiner Ruthenbeck, Courtesy Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Reiner Ruthenbeck gefielen meine Art der Knülle und die Kegelform der Papierhäufelung in Amiens 2013. Deshalb engagierte er mich auch zum Papierhaufenaufbau 2014 in der Serpentine Gallery in London, wo in einer großen Einzelausstellung zahlreiche seiner Werke aus dem Künstlerarchiv und Leihgaben aus anderen Sammlungen zu sehen waren. Seine Witwe Erika Ruthenbeck verlängerte nach seinem Tod diesen ehrenhaften Auftrag, indem sie bei der aktuellen Anfrage des MMK erneut mich um den Aufbau bat. Für mich ist es eine Auszeichnung und der schriftliche Ruf Reiner Ruthenbecks, dass ich diese wunderbare künstlerische Idee für ihn umsetzen darf, ziert bis heute wie ein Diplomzeugnis meinen Schreibtisch. Mir macht es Spaß und auf mich wirkt es nachgerade entspannend, einen ganzen Tag nur an das jeweilige Papier in Händen zu denken. Zum Abschluss der Fleißarbeit des Knüllens und der Konzentration auf jedes einzelne Blatt steigt mit wachsendem Papierhaufen dann die Herausforderung einer möglichst perfekten Gesamtform, so dass die Entspannung langsam der Anspannung weicht. Wird es auch diesmal gelingen, einen von allen Seiten symmetrischen Kegel aus den überaus beweglichen, teils auch störrischen Einzelpapieren zu formen? Oft sind mehrere Korrekturen nötig, da einzelne Knäule doch nicht so schön aussehen oder sich wieder entfalten. Dann liegt eine flachere Kugel an der Stelle, wo aufgefüllt werden müsste, mehrere Ecken staksen noch frech hervor oder eine Seite fällt flacher ab als die Andere. Und wenn er dann dasteht, der Papierhaufen von Reiner Ruthenbeck, dann erfreut mich dieser Anblick jedes Mal aufs Neue und ich bin glücklich, dass der Künstler diese wunderbare Idee mit uns teilt.

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Reiner Ruthenbeck, Ausstellungsansicht MMK, Courtesy Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Axel Schneider

Reiner Ruthenbeck studierte nach einer Fotografenlehre und mehreren Jahren freier fotografischer Tätigkeit von 1962 bis 1968 Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys. Nach einer Gastdozentur an der Hochschule für Künste in Hamburg war er ab 1980 bis 2000 Professor an der Kunstakademie Münster. Reiner Ruthenbecks Kunst wurde durch die verschiedenen Schaffensphasen hinweg zunehmend minimalistischer, konzeptueller und vielschichtiger. Zu Fotografien und Zeichnungen kamen Plastiken, Installationen und Soundskulpturen hinzu. Häufig verwendete er Alltagsgegenstände und -materialien wie Stoff, Asche, Metall oder Papier, aber auch Möbelstücke. Diese arrangierte er in präzise ausbalancierten und teils raumgreifenden Installationen häufig auf der Basis von farblichen oder materialbezogenen Gegensatzpaaren. Seine Werke sind in zahlreichen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten und er zählt zu den wichtigsten Bildhauern deutscher Gegenwartskunst.

 

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