feeling

Foto-Dialog

Über Fotos zu kommunizieren und von anderen Kulturen zu lernen ist das Ziel des aktuellen Projektes der Kunstvermittlung des MMK. Auf MMK Notes geben die Projektleiterinnen Carolin Rothmund und Eugenia Teixeira Einblick in diesen außergewöhnlichen Austausch:

„Was bedeutet es für euch jung zu sein?“, „Nehmt ihr an einer politischen Bewegung teil?“. Diese und viele weitere Fragen stellen sich Jugendliche im Rahmen eines Fotoprojekts zwischen dem MMK in Frankfurt am Main und dem Museum für Zeitgenössische Kunst Inhotim in Brumadinho, Brasilien. Am Projekt sind zwei Gruppen beteiligt: Eine 9. Klasse aus der Schillerschule und Jugendliche aus Brumadinho, die sich regelmäßig für Workshops in Inhotim treffen. Da die Jugendlichen sich weder über die Sprachen Deutsch, Englisch oder Portugiesisch verständigen können, erfolgt die Kommunikation vor allem über persönliche Fotografien. Vereinzelt übersetzen wir Fragen, auf die fotografische Antworten folgen, doch der Foto-Dialog, in dem die Jugendlichen visuell von sich und ihrem Leben erzählen, steht im Zentrum.

 

 

Die Projektidee, durch einen Austausch von Fotos einen Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen herzustellen und so ein Kennenlernen zu initiieren, ist durch die Ausstellung „Claudia Andujar. Morgen darf nicht gestern sein“ im MMK 1 entstanden. Als Claudia Andujar, in der Schweiz geboren, 1955 nach Brasilien emigrierte, nutze sie die Fotokamera als Kommunikationsmittel, um mit Menschen in Kontakt zu treten und sich das für sie unbekannte Land zu erschließen. Das Fotografieren war ihre erste „Sprache“, bevor sie sich in Portugiesisch verständigen konnte. Die bewegte Biografie der Künstlerin prägt stark ihr Werk, in dem Fragen zu Alterität und Identität, Vertrauen und Fremdsein bedeutende Rollen spielen. Da sowohl im MMK als auch in Inhotim, in einem eigens dafür gewidmeten Pavillon, die Arbeiten von Claudia Andujar zu sehen sind, bildete die Auseinandersetzung mit den Fotografien an beiden Orten den Ausgangspunkt für die intensive Zusammenarbeit.

Auf Fragen zur Herkunft und Lebenssituation folgen Überlegungen zur Identität und zu Dingen, die einen persönlich bewegen. In einem letzten Schritt setzen wir uns mit dem Thema „Porträt“ und den Fragen: „Was hat mich geprägt?“, „Was wünsche ich mir für die Zukunft?“ auseinander. Ausgehend von den Porträtaufnahmen der Yanomami, die Claudia Andujar im Rahmen einer Impfkampagne aufgenommen hat, diskutieren wir, wie eindeutig oder uneindeutig sich Emotionen im Gesicht wiederspiegeln und ablesen lassen. Dementsprechend erproben wir fotografisch, ob das Erinnern an ein Erlebnis oder die intensive Vorstellung eines Wunsches durch unseren Gesichtsausdruck sichtbar wird. Das heißt, dass die Jugendlichen die Gesichter erst jetzt zum Ende des Projekts sehen.

Unser erster Bilderaustausch zum jeweiligen Standort und der Umgebung zeigt Einblicke, die sich stark unterscheiden. Die Innenaufnahmen des Museums für Moderne Kunst mit postmodernen Architekturdetails kontrastieren die üppige Natur und organischen Formen des tropischen Parks, von dem Inhotim umgeben ist. Die Frankfurter Jugendlichen haben daraufhin die Archive ihrer Smartphones durchsucht, um einen möglichst vielfältigen Eindruck von Frankfurt zu vermitteln.

Die Kommunikation in diesem Projekt erfolgt verlangsamt und assoziativ. Der Dialog geschieht immer dann, wenn wir uns wöchentlich im Workshop treffen und zeigen, was wir geschickt bekommen haben und zusammen entscheiden, wie wir darauf reagieren. Das Projekt wird von den Museen noch bis zum Ausstellungsende des MMK betreut. Danach wird sich zeigen, ob und wie der Austausch zwischen den Jugendlichen weiter geht. Aufgrund der Zeitverschiebung von fünf Stunden ist es nicht immer einfach sich telefonisch zu verabreden und da die Jugendlichen in Brumadinho keine private Internetverbindung haben, sind die Möglichkeiten der Kommunikation etwas eingeschränkt.

Das Projekt stellt den Versuch dar, ein erstes Kennenlernen zu initiieren, von dem ausgehend die Jugendlichen durch eigene Kommunikationswege den Kontakt fortführen können. Inwiefern sich Vorstellungen von der brasilianischen bzw. deutschen Kultur bewahrheiten, sie gemeinsame Interessen und Wünsche haben, sie voneinander lernen können oder eine Beziehung ohne eine gemeinsame gesprochene Sprache möglich ist, wird sich mit der Zeit zeigen.

Auf die Frage aus Brasilien „Was bedeutet für euch jung zu sein?“ hat Jule geantwortet, dass sie sich diese Frage gar nicht stellt und sich eben darin das „jung sein“ zeigt. Wie sie das visuell umsetzen wird, zeigt sich diese Woche.

 

 

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