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Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2017

Und der Preis geht an…. Dana Lixenberg. Für ihr Projekt „Imperial Courts, 1993-2015“ hat die Künstlerin dieses Jahr den Deutsche Börse Photography Foundation Prize erhalten. Annekathrin Müller von der Deutsche Börse Photography Foundation war bei der Preisverleihung in London dabei und berichtet auf MMK Notes von ihrer Begegnung mit Dana Lixenberg und ihrem Werk:

Eindringliche Blicke von den Wänden ringsum – so mein erster Eindruck beim Betreten des Ausstellungsraums, der das Projekt „Imperial Courts“ von Dana Lixenberg in der Londoner Photographers‘ Gallery zeigt. Kuratorin Anna Dannemann hat die großformatigen Schwarzweißporträts von Lixenberg so gruppiert, dass man sich als Ausstellungsbesucher wie von einer großen Familie umgeben fühlt. Die Dynamik der Bildkompositionen dieser Fotografien sowie die konsequente Struktur, in der die Porträtsituationen angelegt sind, faszinieren mich vom ersten Augenblick an.

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Dana Lixenberg, Award Night 18 Mai 2017, Foto und Copyright Heather Shuker

Die Porträts zeigen die vornehmlich afroamerikanischen Bewohner des Wohnviertels Imperial Courts in Watts, einem südlichen Stadtteil von Los Angeles. Wenige Bilder verraten näheres über diesen Ort, einem Sozialwohnungsprojekt mit funktionaler Wohnblockarchitektur, der als sozialer Brennpunkt gilt. Der Fokus der Fotografin liegt vor allem auf Gesichtsausdruck und Körpersprache der Menschen, auf die sie dort getroffen ist. Auf diesen Gesichtern lassen sich die Spuren der Zeit ablesen – eine Generation löst die andere ab. Ich sehe schwangere Frauen von den Wänden schauen, daneben Kinder in verschiedenem Alter sowie erwachsene Menschen, die in Imperial Courts aufgewachsen sind und zum Teil bereits vor 20 Jahren von Dana Lixenberg dort fotografiert wurden. An einer Stelle wird die Ansicht eines Grabmals direkt neben dem Porträt eines Jungen präsentiert. In meinem Kopf entsteht dadurch sofort eine Geschichte. Und Tatsache ist, dass einige derjenigen, die 1993 von Dana Lixenberg fotografiert wurden, inzwischen verschwunden oder sehr jung gestorben sind. Darum ist das Projekt zugleich auch ein Vermächtnis für Imperial Courts.

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Links: Dana Lixenberg: Fresh, Real, Flave and 4Doe, 2008; rechts: Dana Lixenberg: J 50, 2008
Courtesy of the artist and Grimm, Amsterdam

Dana Lixenberg ist zum ersten Mal 1992 im Auftrag eines Magazins nach Los Angeles gefahren, um in den Bezirken zu fotografieren, die von den Rodney-King-Unruhen betroffen waren – vier weiße Polizeibeamte aus Los Angeles wurden freigesprochen, obwohl sie nachweislich Rodney King, einen afroamerikanischen US-Bürger, brutal traktiert hatten. Der Vorfall sorgte damals für Aufruhr. Im Folgejahr kehrte die niederländische Fotografin (*1964) aus eigenem Interesse zurück. Sie begann, das Viertel zu erkunden und Fotos von seinen Bewohnern zu machen. Diesmal wollte sie sich auf die Ausstrahlung der Menschen einlassen, Details ihrer Persönlichkeiten erfassen und bei alldem das Tempo aus dem Prozess nehmen, mit dem die Presse noch im Vorjahr Bilder zu dem Rodney-King-Vorfall für die aktuelle Berichterstattung gesammelt hatte. Statt im Vorübergehen schnelle Eindrücke einzufangen, erarbeitete sie sich zunächst das Vertrauen ihres jeweiligen Gegenübers. Dabei schaffte sie es, enge Kontakte zur Community von Imperial Courts zu knüpfen, die sie bis heute pflegt. 2008 bis 2015 kehrte Lixenberg nach Imperial Courts zurück und setzte ihre Porträtreihe fort. Der Ort war weiterhin geprägt von Armut und Kriminalität. 2015 publizierte sie ihr Projekt bei Roma Publications. Das hervorragend aufgebaute Buch „Imperial Courts. 1993-2015“ ist die künstlerische Arbeit, für die Dana Lixenberg von der diesjährigen Jury für den Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2017 nominiert wurde und mit der sie den mit 30.000 Britischen Pfund dotierten Preis gewonnen hat.

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Dana Lixenberg: Imperial Courts. 1993-2015

Über zwei Jahrzehnte hinweg hat Lixenberg intensiv am Leben der Imperial Courts Bewohner Anteil genommen. Sie hat sich dafür interessiert, wie es mit den Familien weitergegangen ist und was aus verschiedenen Leuten geworden ist. Dafür braucht es Geduld und Einfühlvermögen, das richtige Auftreten und eine Einstellung als Fotografin, die im Resultat des Projekts nicht zu Archetypen, sondern zu sensiblen Porträts führt, die den Menschen gerecht werden. All das ist ihr gelungen. Als ich sie in London getroffen habe, fiel mir sofort ihre unkomplizierte und aufgeschlossene Art auf, die sie so sympathisch macht. Sie wirkt gelassen und selbstbewusst und ich konnte mir gut vorstellen, wie sie ohne Umschweife auf die Imperial Courts Community zugegangen ist und dort als sympathische junge weiße Fotografin wahrgenommen wurde. Dana Lixenberg hat lange in den USA gelebt, erst kürzlich hat sie wieder eine Wohnung in Amsterdam bezogen. Dadurch sowie über ihre Tätigkeit für verschiedene amerikanische Magazine kennt sie die amerikanische Gesellschaft und ihre Probleme. Auch in früheren Projekten ist sie bereits couragiert auf politische Themen in den USA eingegangen und hat unterrepräsentierten Gemeinschaften eine Stimme und mehr Visibilität verliehen.

Für ihren Standpunkt, die fotografische Qualität und den innovativen Charakter ihrer Arbeit erhält Dana Lixenberg den Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2017. Damit zeichnet die Jury in diesem Jahr wieder eine klassische fotografische Herangehensweise aus, was in Zeiten der unablässigen Erweiterung des Mediums in besonderer Weise für das Potenzial der Schwarzweißfotografie spricht. Diese Entscheidung der Jury kommt beim Publikum der Preisverleihung am 18. Mai in der Londoner Photographers‘ Gallery bestens an. Das Haus ist an dem Abend mit mindestens der halben Kunst- und Fotoszene Europas zum Überquellen gefüllt. Als Moderator und Schriftsteller Ekow Eshun auf der kleinen Bühne verkündet, wer den Preis gewinnt, bricht großer Jubel los. Die ausgelassene Stimmung geht nicht nur auf die vielen eigens angereisten Freunde von Dana Lixenberg und die Leute, mit denen sie arbeitet, zurück. Es freuen sich alle Anwesenden. Und die Gewinnerin verkündet strahlend, dass sie mit dem Preisgeld mindestens eine große Party in Imperial Courts veranstalten wird.

Wer sich weiter mit dem Thema „Imperial Courts“ beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Onlinedokumentation, die Dana Lixenberg zusammen mit Eefje Blankevoort erstellt hat. Dort finden sich neben den Fotos auch Ton- und Filmaufnahmen von den Bewohnern, über die der schwierige Alltag des Viertels noch anschaulicher vermittelt wird. www.imperialcourtsproject.com

Mehr Infos zum Deutsche Börse Photography Foundation Prize, der in diesem Jahr sein 20. Jubiläum feiert, gibt es hier: https://www.deutscheboersephotographyfoundation.org/de/foerdern/photography-prize.php

 

 

 

 

 

 

 

 

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