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Von der Zeitung ins Museum

Wenige Stunden vor der Eröffnung der Ausstellung „Claudia Andujar. Morgen darf nicht gestern sein“ ist das Obergeschoss des MMK 1 noch menschenleer – wären da nicht dutzende Augenpaare, die uns aus den schwarz-weißen Porträts der Serie „Marcados“ entgegenblicken. Marcos Gallon schreitet den von Fotografien gesäumten Saal ab. „Man hat hier fast das Gefühl, umzingelt zu sein“, sagt er und seinen Mund umspielt ein zufriedenes Lächeln. Gallon betreut seit 2005 das fotografische Werk der Schweizer-Brasilianischen Künstlerin Claudia Andujar bei der international tätigen Galerie Vermelho in São Paulo. Für den Aufbau der Ausstellung reiste er nach Frankfurt am Main, um das kuratorische Team zu unterstützen und sich ein Bild von der ersten umfassenden Einzelschau von Andujars Werk in Europa zu machen. Layla Burger-Lichtenstein, kuratorische Assistentin am MMK, hat Marcos Gallon begleitet. 

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Claudia Andujar, Ausstellungsansicht MMK 2017, Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

Layla Burger-Lichtenstein: Vermelho vertritt vor allem aufstrebende Künstlerinnen und Künstler aus Südamerika, die einer konzeptuellen Arbeitsweise nachgehen. Wie kam es dazu, dass die Galerie das fotografische Werk von Claudia Andujar betreut?

Marcos Gallon: Bevor der Direktor Eduardo Brandão die Galeria Vermelho im Jahr 2002 gemeinsam mit Eliana Filkenstein gründete, arbeitete er mehrere Jahre als Bildredakteur für verschiedene überregionale Zeitungen Brasiliens. Er lernte Claudia Andujar und ihre Fotografie in den 1990er-Jahren kennen und war so begeistert, dass er eine unveröffentlichte Bildserie aus den 1970er-Jahren in der Zeitung platzierte. Claudia hatte darin das Elend Brasilianischer Familien auf dem Land portraitiert, was zur Zeit der Militärdiktatur natürlich überaus gewagt war. Seither standen sie in engem Austausch. Als Eduardo sich entschloss, eine Galerie zu eröffnen, war klar, dass Fotografie der Schwerpunkt sein würde. Sein Blick war stark durch den täglichen Umgang mit dokumentarischem Fotomaterial geprägt. Es erschien für ihn daher naheliegend, Claudias Arbeiten zu vertreten, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so sehr im Kunstkontext rezipiert wurden. Das änderte sich erst 2006, als ihre Serie „Marcados“ bei der 27. Biennale von São Paulo gezeigt wurde. Aber es stimmt, seit ihrer Gründung hat sich die Galerie sehr stark weiterentwickelt. Heute vertritt Vermelho Künstlerinnen und Künstler, die sich unterschiedlichster Medien bedienen und die Kamera lediglich als eines von vielen Instrumenten verstehen, um ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Ausgangspunkt der Galerie war jedoch die Fotografie.

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Claudia Andujar, Marcha da Família com Deus pela Liberdade, São Paulo [Marcha of the Family with God for Freedom, Sao Paulo], 1964
Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

LBL: Claudia Andujars Fotografien entstanden teilweise als Auftragsarbeiten für Zeitungen oder waren wie die „Marcados“ zunächst nicht für die Präsentation in einer Ausstellung bestimmt. Welche Besonderheiten ergeben sich daraus hinsichtlich der Betreuung des Werkes durch die Galerie?

MG: Claudias Arbeiten waren ursprünglich nicht zum Verkauf in einer Galerie vorgesehen. Sie stimmte der Repräsentation durch Vermelho nur unter der Bedingung zu, dass ein Drittel der Verkaufseinnahmen dem Verein Hutukara zukommt, der sich für die Landrechte und die medizinische Versorgung der Yanomami einsetzt. Außerdem versteht Claudia Fotografie als Medium, das beliebig oft vervielfältigt werden kann. Ihre Aufnahmen der Yanomami erscheinen daher nicht, wie bei Fotografien üblich, als limitierte Editionen. Sie werden zwar signiert, aber können beliebig oft vervielfältigt werden. Claudias Hauptanliegen ist es, die Yanomami sichtbar zu machen und möglichst viel Aufmerksamkeit für die Bedrohung ihres Lebensraumes zu schaffen. Die Idee des fotografischen Originals ist in diesem Kontext zweitrangig.

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Claudia Andujar, Ausstellungsansicht MMK 2017, Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

LBL: In der Ausstellung werden ausgewählte Arbeiten von Claudia Andujar auf den 1968 von der Architektin Lina Bo Bardi entworfenen Ausstellungsdisplays „Cavaletes“ präsentiert. Was verbindet diese beiden Positionen miteinander?

MG: Claudia stand Lina Bo Bardi und ihrem Mann Pietro Maria Bardi sehr nahe und war eng mit dem Museum MASP in São Paulo verbunden, dessen Entstehung und Konzept maßgeblich auf das Ehepaar zurückzuführen ist. Claudia realisierte mehrere Ausstellungen im von Bo Bardi konzipierten Bau des MASP und gab dort Fotografie-Workshops. Hier ist ein Dialog zwischen zwei bedeutenden Künstlerinnen entstanden, die die Brasilianische Kultur etwa zur gleichen Zeit enorm bereichert haben. Bo Bardi emigrierte gemeinsam mit ihrem Ehemann um 1940 von Italien nach São Paulo. Wie Claudia floh sie vor der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges. Brasilien war damals noch ein nahezu utopischer Ort, das Land der Zukunft. Es herrschte Aufbruchsstimmung und da es so viel zu tun gab, schien nahezu alles möglich. Mit seiner rundum verlaufenden Fensterfront und der 70 Meter langen Spanne ist das MASP ein gutes Beispiel für den utopischen Geist, der damals herrschte. Natürlich gab es auch zahlreiche Brasilianische Künstler und Architekten, die zu dieser Zeit kreativ tätig wurden und das Land stark geprägt haben. Die Tatsache, dass Claudia Andujar und Lina Bo Bardi zunächst als Fremde auf Brasilien schauten und unter dem Eindruck des Krieges standen, eröffnete ihnen möglicherweise einen Blick für das, was das Land zu bieten hatte.

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