knowing

Ein Parcours durch die Geschichte der Minimal Art

Teil 3:

Dan Flavins wegweisende Licht-Installation „Two primary series and one secondary“ (1968), die aktuell im MMK 2 in der rekonstruierten Architektur der Galerie Heiner Friedrich in München präsentiert wird, ist eines der wichtigsten Werke für die Rezeption der Minimal Art in Deutschland.

„‚Flavin, wir bezahlen Sie nicht dafür, Künstler zu sein’, warnte mich der verantwortliche Kustode.“ – Um seinen Unterhalt zu verdienen, war Dan Flavin Ende der 1950er-Jahre als Museumsaufsicht tätig, beschäftigte sich jedoch während der Arbeitszeit lieber mit seiner eigenen Kunst. In Verbindung mit den atmosphärischen Lichtinstallationen ist der Name Dan Flavin vielen bekannt. Seine autobiografischen Skizzen zeigen eine weniger bekannte Seite von ihm: Humorvoll, selbstironisch und unprätentiös schildert er sein bewegtes Leben.

Dan Flavin

Dan Flavin: Two primary series and one secondary, 1968, Ausstellungsansicht MMK, Foto: Axel Schneider, © Estate of Dan Flavin/ VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Dan Flavin
„… in Tageslicht oder kühlem Weiß.“ – Eine autobiograpische Skizze 

Mein Name ist Dan Flavin. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, übergewichtig und unterprevilegiert, ein Kaukasier im Jahr des Negers.
Ich erblickte das Licht der Welt (schreiend) als zweieiiger Zwiling, vierundzwanzig Minuten vor meinem Bruder David im Mary Immaculate Hospital, Jamaica, New York, um ungefähr sieben Uhr morgens an einem regnerischen Samstag, dem 1. April 1933, als Sohn eines asketischen, wenig männlichen irisch-katholischen Drückeberger-Offiziers, dessen Junior ich bin, und eines dummen, dickfleischigen Tyranns von Frau, einem Abkömmling aus dem bayrischen Königshaus ohne jede Spur von Vornehmheit. […]

DAN-FLAVIN-PORTRAIT

Dan Flavin

Im Februar 1959, als meine persönlichen Angelegenheiten in ziemlicher Unordnung waren, brach ich von der Columbia University aus zu einer verspäteten ‚full-time’-Affäre mit der Kunst auf. Zuerst gab ich mich mit den Arbeiten all der anderen ab – mit Guston, Motherwell, Kline, Gorky, Pollock, Rothko, Jasper Johns und dem ‚Was hast Du in der neuen Art News gesehen?’.

Mein Freund Ward Jackson schickte mir inspirierende Postkaten, auf denen Reproduktionen von zehn Jahren alten Bildern von Motherwell abgebildet waren, die in auffallender Weise wie meine Arbeiten aus der vorigen Woche aussahen. Aber trotz allem machte ich weiter, da es für mich inzwischen keine andere Art zu leben gab. Ich dachte ständig an meine Arbeiten.
Für die Dauer eines Jahres, oder auch länger, zelebrierte ich so ungefähr alles: eine grobe Selbstporträt-Maske von Cézanne, veredelt durch einen Kohlewirbel; triste Mietshäuser am Ufer, in Öl – siena, umbra, ocker, schwarz und weiß – profiliert; Güterzüge im Regen, wiedergegeben durch mit Fingern verschmierte Tusche; vergeudete einsame Ejakulationen von Wasserfarbe und Tinte […].

Um diese Zeit hatte ich mein erstes Atelier eingerichtet […] in der Mitte des alten Großhandels-Fleischmarkt auf der Westseite Manhattens […]. Dieser Ort war schnell überfüllt mit Kuriositäten – ein Tanz von aneinandergereihten Objekten –, die arrangiert waren wie eine seltsame, schmutzige, anwachsende Komposition, aber mit einem Anschein von Willkür. Alle dort ausgebreiteten Materialien fand ich bei Spaziergängen am Ufer.
Als Dick Bellamy mich das erste Mal dort besuchte, schritt er eine Zeitlang mit sichtlicher Wonne von Raum zu Raum und verkündete dann, er wünschte die gesamte Wohnung in seine neue Green Gallery abtransportieren zu können. Es war mir niemals in den Sinn gekommen, daß die Art, in der ich leben wollte, ein verkäufliches Kunstwerk werden könnte.
Um 1961 wurde ich meiner drei Jahre alten Romanze mit der Kunst als tragischer Praxis überdrüssig. Ich stellte fest, daß all meine kleinen Konstruktionen, mit Ausnahme von „Mira, Mira“, wie Erinnerungstafeln waren und daß die zahlreichen Seiten und Alben mit Aquarellen und Gedichten, die ich gemacht hatte, in düsterer schwarzer Tinte ertranken.

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Dan Flavin: Two primary series and one secondary, 1968, Ausstellungsansicht MMK, Foto: Axel Schneider, © Estate of Dan Flavin/ VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Meine 4-Zimmer-Wohnung hatte sich zu einem geistigen Gefängnis zusammengezogen. Es gab zu viele Dinge, die an alte Gefühle erinnerten. Ich mußte sie aufgeben. Meine mir frisch angetraute Ehefrau Sonja und ich legten unsere Einkünfte zusammen, damit wir ein großes Loft draußen in Williamsburg, Brooklyn, mieten konnten, wo ich von vorne anfangen konnte, aus diesen kleinen „Zelebrierungen“ etwas Größeres zu machen – intelligentere und persönlichere Arbeiten.

Während ich die Gänge im American Museum of Natural History in meiner Funktion als Aufseher abschritt, stopfte ich mir die Taschen meiner Uniform voll mit Notizen zu einer Kunst mit elektrischem Licht. ‚Flavin, wir bezahlen Sie nicht dafür, Künstler zu sein’, warnte mich der verantwortliche Kustode. Ich stimmte zu und quittierte den Job. Diese Notizen begannen im Herbst eine strukturierte Form anzunehmen. Meine Frau und ich waren glücklich, Licht und Farbe vereint an der Wand vor uns zu sehen. Für die nächsten drei Jahre war ich dann mit der Arbeit an einer Serie von elektrischen Licht-‚Ikonen’ beschäftigt.

Einige Freunde, die vorher von mir angetan waren, waren von einem derart einfachen Einsatz von elektrischem Licht auf einer bemalten viereckigen Konstruktion befremdet. ‚Du hast Deinen kleinen Zauber eingebüßt’, wurde ich gewarnt. Ja, für etwas Größeres […].

Fortsetzung folgt.

 

Auszüge aus: Flavin, Dan: „… in Tageslicht oder kühlem Weiß.“ Eine autobiograpische Skizze, in: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Dresden 1998.

Von Julia Haecker.

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