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Beuys

Joseph Beuys jetzt auf der Leinwand! In seinem Dokumentationsfilm „Beuys“ widmet sich der deutsche Film- und Theaterregisseur Andres Veiel dem Aktionskünstler, Bildhauer und Theoretiker auf sehr individuelle Weise und lässt diesen posthum in Bild- und Tondokumenten sprechen. Als Experte hat Dr. Mario Kramer, Sammlungsleiter des MMK, zum Schaffen Joseph Beuys‘ Mitte der 1980er-Jahre ein längeres Interview mit dem Künstler geführt. Teile der Audio-Aufnahmen finden nun Verwendung im Film. Auf MMK Notes verrät uns Dr. Mario Kramer wie es ist einen Nachmittag mit Beuys im Atelier zu verbringen.

BEUYS von hinten

Joseph Beuys, Holland, 1975. © zeroonefilm/ Caroline Tisdall

Vor 31 Jahren starb Joseph Beuys. Er gilt als die zentrale Künstlerfigur nach 1945 in Deutschland. Und es schien in den letzten Jahren als würde sein Werk in Vergessenheit geraten. Für eine jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern und Studierenden der Kunstgeschichte etwa scheint sein Werk mittlerweile soweit zurück zu liegen, wie das von Albrecht Dürer. Im aktuellen Dokumentarfilm von Andres Veiel mit dem konzentrierten Titel „BEUYS“ wird dieser Künstler nun mit einer ungeheuren Präsenz diesem Vergessen entrissen.

Durch die freundliche Vermittlung von Harald Szeemann durfte ich Joseph Beuys anlässlich der legendären Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ in Zürich 1983 kennenlernen. Ich hatte mich bereits seit längerem mit einem seiner letzten monumentalen Hauptwerke der 1970er-Jahre beschäftigt und war in der Vorbereitungsphase meiner Magisterarbeit über „DAS KAPITAL RAUM 1970-1977“. Und genau dieses Werk bildete den Abschluss und Höhepunkt dieser Ausstellung in Zürich, die das Phänomen europäischer Utopien seit 1800 von Karl Friedrich Schinkel und Richard Wagner über Antoni Gaudí, Rudolf Steiner, Wassily Kandinsky und Arnold Schönberg bis hin zu Marcel Duchamp, John Cage und schließlich zu Joseph Beuys untersuchte. Beuys war zwar an diesem Tag sehr konzentriert mit dem Aufbau beschäftigt aber überaus aufgeschlossen für meine Fragen. Doch es wurde sehr schnell im persönlichen Gespräch klar, dass ich viel zu viele Fragen vorbereitet hatte und dass dies nicht der rechte Zeitpunkt sein konnte, um ein wirklich eingehendes Gespräch zu führen. Die Presse war bereits anwesend und die Eröffnung der Ausstellung stand unmittelbar bevor. Beuys lud mich schließlich zu sich nach Düsseldorf in sein Atelier ein, um das Gespräch dort fortzuführen. Er gab mir seine Telefonnummer und ich sollte ihn wenige Wochen später anrufen, um mit ihm einen Termin zu vereinbaren. Ausgerüstet mit einem Uher-Tonbandgerät und ausreichendem Bandmaterial bin ich dann an einem Sonntag bei ihm am Drakeplatz in Düsseldorf Oberkassel eingetroffen. Ein schönes Zitat von Beuys lautet entsprechend: „ich kenne kein Weekend“. Ich hatte eine komplette Fotodokumentation des vielteiligen Werkes dabei und es entwickelte sich ein fünfstündiges Gespräch, in dem er mit unglaublicher Geduld und sehr viel Humor alle meine Fragen beantwortete. Zwischendurch gab es zum Mittagessen von Eva Beuys zubereitete Spaghetti Miracoli und wir saßen am Tisch mit den Kindern Jessika und Wenzel, die ihren Vater „Beuys“ nannten. In mehreren Pausen des weiteren Verlaufs des Gesprächs bereitete Beuys im Atelier auch noch Nescafé zu, mit kochendem Wasser aus einem kleinen Wasserboiler. Alles in allem ganz auf Praktikabilität angelegt und zeiteffizient. Die ganze Konzentration galt der Kunst und dem Gespräch. Schließlich wählte Beuys noch die Abbildungen aus, die ihm für meinen Bildband am geeignetsten erschienen, um das sehr komplexe Werk zu repräsentieren. Aus der späteren Abschrift des Interviews und der Fotodokumentation entstand schließlich das Begleitmaterial meiner Magisterarbeit. Das Fazit unseres Gesprächs lautete: KUNST = KAPITAL. Und Beuys bezeichnete ganz allgemein die menschlichen Fähigkeiten als unser eigentliches Kapital. Er sprach von der sozialen Plastik, dem Mensch als Wärmewesen mit mindestens 25 Sinnen und ganz generell von einem anthropologischen Kunstbegriff.

Beuys Katalog

Mario Kramer, Joseph Beuys „DAS KAPITAL RAUM 1070-1977“, Edition Staek, Heidelberg 1991, Umschlaggestaltung und Buchausstattung: Klaus Staeck und Gerhard Steidl, Foto: Verfasser

Mein Fachbereich der Kunstgeschichte in Hamburg tat sich zunächst sehr schwer mit meinem Thema. Es galt grundsätzlich als unseriös über einen noch lebenden Künstler eine Magisterarbeit zu schreiben und noch dazu ein persönliches Interview für Forschungszwecke heranzuziehen. Auch schien das Werk von Joseph Beuys zu diesem Zeitpunkt durchaus noch nicht in den Kanon der Kunstgeschichte eingegangen. Doch meine Entscheidung stand fest auch noch eine Promotion mit dem erweiterten Thema über das Verhältnis von Klang und Skulptur im Werk von Beuys anzuschließen. Und es ist meinem Doktorvater Martin Warnke zu verdanken, der immer, trotz aller Kritik, schützend seine Fittiche über dieses Projekt ausbreitete.

Meine fast zehnjährige Forschungsarbeit zum Werk von Joseph Beuys sehe ich heute im nachhinein betrachtet als eine einmalige Gelegenheit sich exemplarisch mit einem Künstler und seinem Werk zu beschäftigen. Dies hat meinen weiteren Berufsweg überaus geprägt.

Der Dokumentarfilm von Andres Veiel zeigt vor allem originale Film- und Tondokumente und dabei fanden auch Ausschnitte aus meinem damaligen Gespräch mit Joseph Beuys Eingang. Der Film porträtiert Beuys nicht nur als Künstler, sondern als Visionär, der seiner Zeit weit voraus war. Der Film macht uns schmerzlich bewusst, dass uns heute eine solch streitbare Figur, ein l’uomo universale mit einem derart hohen politischen Bewusstsein und gesellschaftlichem Engagement fehlt. Wir sehen sein entwaffnendes Lachen, seine fast übermenschliche Tatkraft nach dem Motto „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“ und seine völlig angstfreie Art auch zu scheitern. Wir sehen Beuys auch als einen sehr verletzlichen Menschen. Eine Beuys Aktion wie die von 1974 mit dem Titel „I like America and America likes me“, die in Ausschnitten in der Dokumentation zu sehen ist, erschien selten aktueller als in unserer heutigen Zeit.

Mario Kramer, Sammlungsleiter MMK

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