feeling

Fiona Tans „Nellie“

Zeit, Erinnerung und Identität – diese essenziellen Themen bestimmen das Œuvre der indonesischen Künstlerin Fiona Tan, in deren Bildwelten sich Grenzen zwischen persönlichem und kollektiven Gedächtnis, Fiktion und Wirklichkeit auflösen. In direkter Begegnung mit ihrem Werk „Nellie“ (2013) lässt sich Kulturwissenschaftsstudentin Anjuli Spieker auf Fragen nach dem Individuum und der Verflechtung von persönlicher Identität und kultureller Prägung ein.

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Fiona Tan, Nellie, 2013, Still, Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London

Eine junge Frau, allein in einem Raum. Sie trägt ein blau-weiß-gemustertes Kleid mit eng geschnürtem Korsett, das Haar ist streng zurückgekämmt und am Hinterkopf durch eine Haube verdeckt. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, als würde sie versonnen einen Lichtfleck auf dem dunklen Holzboden des Raumes betrachten. Das Szenario wirkt, als wäre es aus einer anderen Zeit gefallen. Durch ein Fenster fällt helles Tageslicht herein, Staub tanzt in den Strahlen und durch die scheinbar von draußen herein wehende Vogelstimmen entsteht beim Betrachter der lebhafte Eindruck, vor dem Fenster des Raumes erstrecke sich ein tropischer Urwald. Die Szene wechselt, die junge Frau steht nun am Fenster und schaut hinaus in jene imaginierte, üppig grüne Szenerie, die sich dem Auge des Betrachters entzieht. Dann sieht man sie an einem Schreibtisch aus schwerem, dunklen Holz sitzend, das Haar fällt ihr gelöst über den Rücken. Sie hat den Kopf auf einen Arm gelegt und malt – wie ein Kind in Erwartung des erlösenden Pausenklingelns – lustlos Kringel auf ein Blatt Papier. Kurz darauf sitzt sie auf dem Boden, den Rücken gegen die Wand gelehnt, die bloßen Füße von sich gestreckt, der Körper ohne jede Spannung. In den Klang schweren Atems mischen sich Urwaldgeräusche. Nächste Szene: Die junge Frau liegt offensichtlich krank im Bett. Fiebrig wirft sie den Kopf hin und her, murmelt Unverständliches im Schlaf, das Gesicht ist gerötet und von einem Schweißfilm bedeckt. Der Betrachter begleitet sie weiter – durch eine Szene scheinbarer innerer Getriebenheit, in der sie unruhig vor einer Wand auf- und abschreitet, und eine weitere, in der sie ausgestreckt auf einem Tagesbett liegt und gedankenverloren an der Verschnürung ihres Korsetts herumnestelt.

Die stille Magie der Augenblicke, die sich vor vielen Jahren in einem fernen, tropischen Land ereignet haben könnten, und die dennoch hier und jetzt vor unseren Augen lebendig werden, nimmt einen sofort gefangen. Unsere Gedanken machen sich auf die Reise durch Zeit und Raum und vollziehen damit genau den Weg, den Fiona Tan in ihrer Ausstellung „Geografie der Zeit“ als Bestandteil individueller Identitätssuche in einer zunehmend komplexen, globalisierten Welt thematisiert. „I like the notion, that life is a story being told. Like a child who whishes the same tale told over and over, I repeat in my head my favourit scenes.“, so bemerkt die Künstlerin.

Identität formt sich durch die Art und Weise, wie wir erinnern. Welche Szenen aus bestimmten Lebensabschnitten uns im Gedächtnis bleiben ist entscheidend dafür, wer wir in unseren eignen Augen gestern waren und wer wir heute sein können. Für die Künstlerin ist die Auseinandersetzung mit dieser Thematik von großer persönlicher Bedeutung. Sie wurde 1966 in Indonesien geboren und verbrachte ihre Jugend in Australien. Später studierte sie in Deutschland und in den Niederlanden, heute lebt sie in Amsterdam. Die Frage, wie sich ein komplexer kultureller Hintergrund auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Frage nach der eigenen Identität auswirkt, beschäftigte sie über viele Jahre immer wieder. Die Videoinstallation „Nellie“ stellt einen Aspekt der Antwort dar, die sie für sich selbst gefunden hat.

Fragmente der Lebensrealität einer ungewöhnlichen, historischen Frauengestalt werden darin nachgestellt und zu einer lebendigen Collage zusammengefügt. Bei der Porträtierten handelt sich um Cornelia van Rijn – genannt „Nellie“. Sie war eine illegitime Tochter des niederländischen Malers Rembrandt und einer Frau namens Henrickje Stoffels. Cornelia wurde 1654 geboren und lebte bis zum Tod ihres Vaters 1669 gemeinsam mit ihm in Amsterdam. Ein Jahr später – im Alter von 16 Jahren – heiratete sie den Maler Cornelis Suythof und emigrierte gemeinsam mit ihm in die niederländische Kolonie Batavia, heute Jakarta in Indonesien. 1689 verstarb sie dort bei der Geburt ihres dritten Kindes. Mehr ist historisch nicht überliefert über diese Frau, die einen für die damalige Zeit unglaublichen Sprung ins Ungewisse wagte und einen Großteil ihres Lebens in einer Umgebung verbrachte, die sich in jeglicher Hinsicht vollkommen von der unterschied, in der sie geboren und aufgewachsen war. Zwischen einigen wenigen Eckpunkten ist ihre Lebensgeschichte aufgespannt wie eine leere Leinwand. Fiona Tan füllt sie mit Leben, indem sie eine Schauspielerin in der Rolle von „Nellie“ alltägliche Momente nachstellen lässt.

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Fiona Tan, Nellie, 2013, Still, Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London

Jeder von uns hat sie schon erlebt: Momente des Innenhaltens, der Langeweile, der Rastlosigkeit. Durch die Auswahl, das Herauslösen aus dem Kontext, vermitteln die Szenen ein bestimmtes übergeordnetes Gefühl, changierend zwischen Einsamkeit und Melancholie, manchmal fast erdrückend – und doch auf poetische Weise schön. Ich lasse mich von dieser Schönheit gefangen nehmen, bleibe lange versunken auf der Bank vor der Videoinstallation sitzen und fühle ganz bewusst mit „Nellie“. Die schwüle Luft, die durch das offene Fenster herein dringt, die kühlen Holzdielen unter den nackten Füßen, das Verlangen, den Raum zu verlassen und nach draußen zu gehen, die folgende Resignation angesichts der Erkenntnis, dass dort eine Welt liegt, deren Regeln ich nicht kenne und die mir deshalb verschlossen ist. Aufkommende Langeweile und Ungeduld, die sich bis zu einem Fieber steigern und das anschließende zur Ruhe kommen.

Beim Durchleben dieser Emotionen beginnt „Nellie“ für mich lebendig zu werden. Ich fühlte gleichzeitig Mitleid, Bewunderung und eine gewisse Verbundenheit mit dieser ungewöhnlichen Frau, die zum Zeitpunkt der nachgestellten Szenerien etwa in meinem Alter gewesen sein dürfte. Erst beim Verlassen des dunklen, von Waldgeräuschen erfüllten Raumes, wird mir bewusst, dass ich gerade das lebendige Beispiel für den Effekt geliefert habe, den Fiona Tans Arbeit thematisiert: das Formen von Identität durch die Auswahl von Erinnerungen. Denn natürlich habe ich in Wahrheit keine Ahnung, wie sich „Nellies“ Leben in Batavia gestaltet hat, ob sie vielleicht eine ganz andere Persönlichkeit gewesen ist als die, in die ich mich eben noch eingefühlt habe.

Vielleicht war die historische „Nellie“ quirlig und stets aktiv, ausgefüllt mit der Organisation eines repräsentativen Haushaltes und der Erziehung ihrer Kinder. Vielleicht blieb ihr in Wahrheit wenig Zeit, um müßig aus dem Fenster zu sehen und vielleicht träumte sie auch nicht davon, hinaus ins Freie zu gehen und die neue Welt dort draußen zu erkunden. Oder vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. „Vielleicht“ ist ein Begriff, den wir in Bezug auf Identität, sowohl unserer eigenen als auch die unseres Gegenübers, nur schwer ertragen. Wir suchen klare Kategorien, um einordnen, um verstehen, zu können.

Aus den Bruchstücken der Realität, die unsere Erinnerung liefert, konstruieren wir deshalb ein kontinuierliches Narrativ. Wir werden gleichsam zu Protagonisten unserer eigenen Geschichten, mit deren Handlungsweisen wir uns rückblickend identifizieren oder von denen wir uns abgrenzen. Identifikation und Abgrenzung – wichtige Begriffe im Kontext der Frage: „Wer bin ich eigentlich?“

Meist sind es kleine, stille Momente, die uns der Antwort auf diese Frage näher bringen. Momente, in denen wir ganz für uns sind und keine soziale Rolle spielen. Momente wie jene, die Fiona Tan uns aus „Nellies“ Leben zeigt. Vielleicht berührt das Kunstwerk deshalb so sehr – weil es eine bekannte Frage stellt und einen authentischen Antwortversuch wagt.

 

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