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Aus der Rolle fallen – „Corpsing-Momente“ auf der Bühne und im Museum

In einem Gespräch über „Corpsing“ – Momente, in denen etwas oder jemand aus einer vorgegebenen Rolle fällt ­– gehen die Schauspieler Sina Martens und Lukas Rüppel (Schauspiel Frankfurt) mit Stella Coersmeier(MMK Museum für Moderne Kunst) der Frage nach, wohin Digitalisierung und Technisierung führen, und stellen dabei auch fest, dass Selfies zwar vom Wesentlichen ablenken, aber am Ende auch Spaß machen können.

Stella Coersmeier: „Corpsing“ ­– der Titel von Ed Atkins’ Ausstellung bezieht sich auf eine Redewendung aus dem Bereich des Theaters und beschreibt den irritierenden Augenblick, in dem die Differenz zwischen Schauspieler und Rolle deutlich zutage tritt, wenn dieser zum Beispiel seinen Text vergisst oder lachen muss.

Lukas Rüppel: Auf der Bühne sind diese „Corpsing-Momente“ sogar auch etwas, das wir aktiv suchen und beabsichtigen. Doch ernsthaft lachen, so dass ich rauskomme, musste ich zum Glück noch nie in einer Vorstellung.

Sina Martens: In „Ich, ein Anfang“ gibt es eine Szene, in der Lukas einen Monolog hält, den er bei jeder Vorstellung ein wenig verändert, und mich damit immer überrascht. Dadurch erwarte ich schon diesen Moment und denke: „Na, was kommt jetzt? Erwischt es mich gleich so, dass ich wirklich lachen muss?!“ Die Suche nach einem „Corpsing-Moment“ ist durch ihre Unvorhersehbarkeit unkontrollierbar und dadurch sehr befreiend. Es entstehen Augenblicke, in denen das Publikum die Lebendigkeit und Echtheit des Schauspiels extrem spürt und erkennt, dass gerade auf der Bühne etwas passiert, das vorher nicht geplant und tausendmal durchchoreografiert wurde.

Bühne

„Ich, ein Anfang“, Regie: Bernadette Sonnenbichler; Schauspieler: Lukas Rüppel, Sina Martens, Yodit Tarikwa, Foto: Birgit Hupfeld

LR: Wir hatten mal eine Vorstellung, bei der eine Schulklasse mit einigen türkischen Kindern im Publikum saß. Deswegen habe ich vorher noch schnell einige türkische Schimpfwörter und Rap-Texte gegoogelt, um diese in meinen Text zu integrieren. Dadurch hat die Gruppe gleich gemerkt, dass das Theater auf sie zugeht und eben nicht so eine vorgefertigte Nummer abgespielt wird. Es ist dabei nicht die Rolle des Schauspielers, sondern dessen Intellekt, der auf den Zuschauer zutritt. Mal mehr, mal weniger camoufliert. Mal mehr, mal weniger improvisiert.

SM: Selbst wenn wir nicht die Möglichkeit haben zu improvisieren und wir uns strikt an den Text halten sollen, ist das eben so. Darum geht es auch nicht. Wenn ich vorgegebene Texte sehr oft gesagt habe, kann es passieren, dass ich nicht mehr aktiv dabei bin. Dann ist das wie Lateinvokabeln aufsagen. Wir wollen auf der Bühne aber hellwach sein und uns gegenseitig überraschen – das passiert oft schon durch eine neue Wortbetonung, einen anderen Blick oder eine neu gesetzte Pause.

SC: Dann besteht also immer eine gewisse Differenz, die es euch erlaubt, die Rolle permanent zu reflektieren?

LR: Ja genau, aber es gibt bestimmt Kollegen, die das verneinen würden. Diese Form des Theaters ist aus meiner Sicht jedoch etwas überholt. Wenn man sein Selbst an der Garderobe abgibt und das „Ich“ erst nach der Vorstellung wieder annimmt, erscheint mir das fahrlässig.

SM: Es kommt aber auch immer auf die Art des Theaterstücks an. Ich nehme jede Rolle erst mal sehr ernst und versuche die Differenz gering zu halten. Aber es ist nicht so, dass man sein Selbst abgibt.

SC: Aber hattet ihr wirklich noch nie solch’ einen Moment, in dem ihr eins mit der Rolle geworden seid?

SM: Doch, das gibt es schon partiell. Auch das ist ein spannender Moment. In einem Stück sollte ich mal einen Menschen spielen, der sich enthäutet. Ich habe mich in einer Probe vollkommen verloren und überall zerkratzt. Selbst habe ich das gar nicht gemerkt, so mussten meine Kollegen spielerisch eingreifen. Dies hat auch etwas mit Kontrollverlust zu tun, der nur in einem guten Team möglich ist.

SC: Beim Stichwort „Enthäuten“ muss ich gleich an Ed Atkins’ Arbeit „Safe Conduct“ denken, bei der sich ein animierter Mann am Fließband einer Sicherheitskontrolle befindet und sich seiner Reiseutensilien und Bekleidung entledigt, bis er schließlich dazu übergeht, auch seine Körperteile in die Aufbewahrungsbox zu legen, und sich Schicht für Schicht die Gesichtshaut abzieht.

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Ed Atkins, Safe Conduct, 2016
Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown’s Enterprise, New York

SM: Jetzt kommt aber die letzte Anekdote, die auch an unser aktuelles Stück und die Themen Identität und Kontrollverlust angelehnt ist. In diesem Stück bin ich viel über Videoübertragung zu sehen. Vor einer der Vorstellungen hatten wir plötzlich Angst, dass das Handy, mit dem ich mich filme, ausfällt. Zum Glück ist das vorher noch nie passiert, doch prompt zur zehnten Vorstellung beginne ich meinen zweiten Monolog und sehe auf dem Handy nur dieses Verbindungszeichen. Das war ein wirklich interessanter „Corpsing-Moment“, da ich schnell schalten und improvisieren musste: „Diese Scheiß Skype-Verbindung…“ Ausgerechnet bei der Vorstellung hatte ich zwei Freunde dabei, die später kaum glauben konnten, dass an der Szene etwas ungeplant war: „Leute, das Handy-Video ist ausgefallen!“

LR: Da war nicht nur kein Video, sondern auf der ganzen Bühne leuchtete diese hässliche türkisfarbene Grafik – überall.

SC: Das Ich im digitalen Zeitalter – funktioniert einmal die Internetverbindung nicht und schon bist du weg. Ein Teil deiner Identität löst sich auf. In seinen Videoarbeiten kreiert Ed Atkins einen virtuellen Protagonisten – eine Art Alter Ego des Künstlers. Gibt es eine Rolle, die ihr einmal gespielt habt, die ihr mit einem „Alter Ego“ verbindet?

SM: Ich frage mich, ob das nicht immer bzw. in vielen Fällen so ist? Es gibt zwar einige Schauspieler, die über das Imitieren funktionieren, aber sobald ich versuche, meine Rolle mit mir selbst zu verbinden, und das versuche ich eigentlich immer, ist es stets eine Art Alter Ego von mir.

LR: Ich suche immer genau nach dieser Schnittstelle: Was ist mir ähnlich oder auch unähnlich an der Rolle? Wie würde eine hysterischere Version von mir reagieren? Völlig uninteressant ist die Frage, wie ich in einer Situation reagieren würde, das ist privat. Uninteressant ist es auch, die Rolle als fremden Menschen zu betrachten. Es gibt immer diese eine Verbindung zu einer Version von mir.

SC: Ed Atkins geht in seinen Arbeiten der Frage nach, welchen Einfluss Technisierung und Digitalisierung auf unsere individuelle Lebenswirklichkeit haben und inwiefern sich die Selbstwahrnehmung durch digitale Medien verändert. Ist das „Ich“ als Identität in der heutigen Zeit noch greifbar?

LR: Die Menschen inszenieren sich immer mehr, man denke nur an die vielen Selfies und Blogs. Jeder kann plötzlich „Schauspieler“ auf einer digitalen Bühne sein. Das wird in Zukunft schwierig für uns, denn das Theater erhält immer weniger das Moment des Besonderen. Doch gerade dieser Corpsing- und Live-Moment auf der Bühne muss bewahrt werden.

SM: Durch die Technisierung und Medialisierung nimmt die Konzentrationsfähigkeit in der Gesellschaft immer mehr ab. Deswegen ist gerade jetzt der Moment, wenn ein Stück beginnt, und sich die Geschwindigkeit und das Zeitgefühl verändern, für mich so besonders. Wenn ich sowas höre, wie Theater-Live-Übertragung, dann schüttelt es mich. Das Theater muss diese kleine Welt, auf die man sich einlassen kann, bleiben. Sie hält gegen die dauerhafte Ablenkung und Informationsflut und zwingt einen, sich auf das Stück zu fokussieren.

SC: Die Digitalisierung hat natürlich auch im Bereich des Theaters eine direkte Auswirkung auf Inszenierungen, so zum Beispiel die Skype-Übertragung in „Ich, ein Anfang“.

SM: Es ist wichtig, dass diese als ein wesentlicher Aspekt thematisiert wird. Doch ich sehne mich oft danach, dass es einfach mal nicht mit Technik zu tun hat. Ich will meine Kollegen auf der Bühne mit allen Sinnen wahrnehmen und spüren.

LR: Da muss ich an die Emoticons denken. Dass die so erfolgreich sind, hat doch etwas mit dem Urmenschlichen zu tun. Ironie und Sarkasmus sind per SMS ja kaum möglich; es ist etwas Zusätzliches notwendig, das in dieser abgehackten Schriftsprache fehlt.

SM: In „Ich, ein Anfang“ geht es um die Suche nach dem „Ich“. Den dort zu sehenden jungen Leuten ist auf ihrer Reise etwas verloren gegangen und sie fragen sich, warum sie auf einmal so abgestumpft sind.

SC: Wie wird eine Figur wie Re, deren Identität zerbrechlich wird, inszeniert?

SM: Wenn bei Ed Atkins’ Arbeit „Hisser“ das Schlafzimmer einstürzt, wird der animierte Protagonist vom Erdboden verschluckt. Es gibt ja auch bei uns ein Loch auf der Bühne, das den Akt des Zerfallens visuell deutlich macht. Eine absolute Leere – im digitalen Raum – entsteht. So sagt auch Re: „Ich zerfalle in meine Einzelteile und alles fliegt um mich herum.“

SinaLukas

Lukas Rüppel und Sina Martens

Im Rahmen der Frankfurter Positionen 2017 wird Sasha Mariannas Stück „Ich, ein Anfang“, in dem die Rollen von Sina und Lukas auf der Suche nach einem Platz im Leben und einer Ordnung der Unordnung sind, im Schauspiel Frankfurt gezeigt. Die aktuelle Ausstellung „Ed Atkins. Corpsing“ im MMK 1 weist nicht nur durch den Titel spannende Parallelen zum Thema „Identität im digitalen Zeitalter“ auf. Hier geht es zum Trailer der Ausstellung „Ed Atkins. Corpsing“ sowie des Theaterstücks „Ich, ein Anfang“.

Ein Beitrag von Stella Coersmeier in Kooperation mit dem Schauspiel Frankfurt. Auch zu sehen auf dem Blog des Schauspiel Frankfurt: blog.schauspielfrankfurt.de

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