Primary Structures/talking

Ein Parcours durch die Geschichte der Minimal Art

Teil 2:

Skulptur definierte er nicht länger nur über Form und Struktur, sondern Material und Ort erhielten die zentrale Bedeutung. Die Arbeiten des Mitbegründers der Minimal Art in den U.S.A., Carl Andre (*1935), sind auf eindringliche Art und Weise mit dem Raum verbunden, – sie gestalten, zerschneiden, durchlaufen den Raum, – sie irritieren auf subtile Art und Weise. Zugleich sind seine Arbeiten leise, diskret, bisweilen auf den ersten Blick unauffällig. Geometrische Grundformen und Maßstäbe in einfachen Zahlenverhältnissen lassen die Besucher die Werke schnell erfassen oder sogar – im wahrsten Sinne des Wortes – „übergehen“.

In der aktuellen Ausstellung „Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“ im MMK 2 sind drei Werke zentraler Werkgruppen von Carl Andre zu sehen: „144 Steel Square“, „22 Steel Row“, „35 Timber Line“. Seine Arbeitsweise sowie seine Sicht auf Skulptur, Maße und Raum werden im eindrücklichen Interview, das die amerikanische Kritikerin Phyllis Tuchman mit Carl Andre 1970 führte, besonders deutlich:

 

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Carl Andre

Tuchman: Machen Sie Ihre Skulpturen, ohne an einen bestimmten Ort zu denken?

Andre: Nein, denn ich arbeite nie derart abstrakt. Ich war nie jemand, der, sagen wir, an einer Zeichnung arbeitet, dann ein Modell macht, dann das Modell immer weiter vergrößert und schließlich die eigentliche Arbeit macht. Mein Klischeebild von mir selbst ist, daß ich der erste Post-Studio-Künstler bin (das stimmt wahrscheinlich nicht.) Aber meine Sachen entstehen aus der Begegnung mit der Welt. Für mich beginnen sie in der Welt und die Welt ist voll von verschiedenen Arten von Raum, verschiedenen Raumgattungen; Räume in Galerien, Räume in privaten Wohnbereichen, Räume in Museen, öffentliche Innenräume und auch Außenräume verschiedenster Art. Man denkt immer an irgendeinen Ort, nicht unbedingt an einen bestimmten, sondern eher an eine bestimmte Raumgröße. […]

Tuchman: Wie bestimmten Sie Ihre Arrangements?

Andre: Ich habe herausgefunden, daß meine Arrangements eigentlich die einfachsten sind, zu denen ich bei gegebenem Material und Ort kommen kann, die unauffälligsten. Vieles davon orientiert sich am Beispiel Frank Stellas und dessen frühen Arbeiten – an den schwarzen Bildern und sogar den noch früheren Streifenbildern, in denen er versucht, eine kompositorische Lösung für die Malerei zu finden, die nicht von dem ganzen Theater mit dem Platzieren abhängig ist, dem zentrumsbetonten und gegen das Zentrum gerichteten Platzieren und solchen Dingen. So kam ich, sicher durch das Beispiel und die Lehre Frank Stellas, zu etwas, was ich nicht-axiale Symmetrie nenne. Man kann sagen, daß ist die Symmetrie des Himmels – wenn man hinauf schaut, ist keine sichtbare Symmetrie erkennbar, aber man kann jeden einzelnen Stern mit einem anderen austauschen, ohne den Effekt des Ganzen zu beeinträchtigen. (Das ist eigentlich eine falsche Analogie. Besser wäre vielleicht der Vergleich mit den Molekülen in einem Glas Wasser, die ja als symmetrisch bezeichnet werden können. Man kann jedes Wasseratom mit einem anderen vertauschen. Das hat nichts zu tun mit links oder rechts, oben oder unten. Es ist zentral, nicht-axial, ohne Achse.) […]

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Vordergrund: Carl Andre: 35 Timber Line, 1968
Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Tuchman: Welche Beziehung haben in Ihren Arbeiten der Maßstab und der Betrachter zueinander?

Andre: Ich bin zu dem Schluss gekommen, daß vielleicht das einzige, was Kunst ausmacht, der Maßstab ist – etwas, das überhaupt nichts mit Größe zu tun hat. Es hat damit zu tun, daß das Ganze innerlich in Einklang mit seinen Einzelteilen steht. Nehmen wir einen Bildhauer wie John Chamberlain, der sicher einer der größten Meister des Maßes ist – ich habe von ihm schon Arbeiten gesehen, die nicht größer waren, als eine Streichholzschachtel, aber völlig konsequent in der inneren Beziehung der Teile. Das ist überhaupt nicht auf die Skulptur beschränkt. Ich glaube, es trifft ebenso sehr auf die Malerei zu. Ein großartiges Bild hat einen großartigen Maßstab. Man kann sogar bei der Farbe von Maßstab sprechen, genauso wie bei den Proportionen der Teile. In der Skulptur gibt es eine ganz konkrete Beziehung zwischen der Größe und/oder Masse der eigenen Person und der Masse der Skulptur. Das Maß aller Dinge ist der Mensch, den wir sind Menschen, die Menschheit. Und wir sind gänzlich bestimmt durch unsere eigenen Körpermaße und unsere eigenen Ansprüche, die Dinge an unseren Maßen abzumessen, besonders materielle Dinge. […]

Tuchman: Haben Ihre Skulpturen einen Inhalt?

Andre: Ich glaube, daß Kunst etwas zum Ausdruck bringt – aber sie drückt das aus, was man nicht ausdrücken kann. Also, zu sagen, daß Kunst eine Bedeutung hat, ist falsch, denn dann glaubt man ja, die Kunst würde irgendeine Botschaft befördern, ähnlich einem Telegramm, wie Noel Coward sagt. Ja, Kunst ist expressiv – aber sie drückt aus, was man auf keine andere Art sagen kann. Man kann also nicht behaupten, daß Kunst eine Bedeutung hätte, die man von ihrer Existenz in der Welt trennen kann. Nein, ich denke an keine explizite Bedeutung, wenn ich an etwas arbeite, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, ich finde, daß es meine größte Schwierigkeit und der aufreibendste und schwierigste Teil meiner Arbeit ist, meinen Geist von der Bürde der Bedeutung, die ich durch die Kultur aufgenommen habe, zu säubern und zu befreien – Dinge, die scheinbar etwas mit Kunst zu tun haben, in Wirklichkeit aber gar nichts damit zu tun haben. Das ist der Aspekt der Bezeichnung „Minimal Art“, den ich immer geschätzt habe, und ich habe mich in dieser Hinsicht immer für einen Minimalisten gehalten. Wenn die Leute über „Minimal Art“ redeten, ist mir entgangen, daß sie über Skulpturen und die Arbeit redeten. Ich glaubte immer, sie redeten von den Künstlern. Denn für mich bedeutet „Minimal Art“, daß sich der Künstler von der Last der Bedeutung befreit hat, von der kulturellen Überbürdung, die die die Kunst überschattet und verdeckt. Die Aufgabe des Künstlers ist es, sich von dieser Bürde zu befreien. Ich glaube, das ist sehr schwierig. Ich würde nicht sagen, daß ich es erreicht habe, denn jedesmal, wenn man arbeitet, muss man von neuem damit beginnen, sich von dieser Schlacke zu befreien. Ich glaube, für jemanden, der kein Künstler ist oder keine Kunst anstrebt ist es keine Schlacke, kein Abfall, sondern der normale Austausch des täglichen Lebens. Aber ich glaube, daß Kunst weit davon entfernt ist, und daß man sich von diesen Sicherheiten und Gewissheiten und Annahmen wirklich lösen und zu etwas kommen muss, das näher ist und einer Art Leere ähnelt. Dann muss man aus diesen reduzierten Umständen heraus neu konstruieren. Das ist vielleicht eine andere Art von Kunst-Armut; man muss seinen Geist verarmen lassen. Das ist keine Zurückweisung der Vergangenheit oder so etwas, sondern eine echte Befreiung von dem, was ich als Schlacke beschreibe.

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Carl Andre: 22 Steel Row, 1968
Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Tuchman: Sie sehen sich als Konzeptkünstler, oder?

Andre: Ich bin ganz sicher kein Konzeptkünstler, weil die physische Existenz meiner Arbeit nicht von einer Idee getrennt werden kann. Deshalb sagte ich auch, ich habe keine Kunst-Idee, nur Kunst-Wünsche. […] Deshalb möchte ich mich vollkommen von jeder Konzeptkunst und sogar von der Kunstidee distanzieren. Meine Kunst entsteht aus meinem Begehren, Dinge in der Welt zu haben, die sonst nicht da wären. Ich bin von Natur aus Materialist, ein Bewunderer des Lucretius. Genau diese Auswirkungen auf unseren Tastsinn und ähnliches interessieren mich. Das Gefühl, daß man auf der Welt ist, bestätigt durch die Existenz von Dingen und anderen Menschen in dieser Welt. Das ist für mich wesentlich mehr als eine Idee. Es ist eine Erkenntnis, ein Seinszustand, ein Bewusstseinszustand. Aber ich möchte deswegen nicht als Mystiker beschrieben werden. Ich glaube überhaupt nicht, daß irgendetwas mystisch ist. Ich glaube, es ist ein echtes Bewusstsein, daß nichts mit Mystik oder Religion zu tun hat. Es hat mit Leben im Gegensatz zu Tod zu tun und mit dem Gefühl der wahren Existenz in einem selbst. Das ist keine Idee. Eine Idee ist eine viel niedrigere Kategorie auf meiner Bewusstseinsskala. […]

Tuchman: Sehen Sie Ihre 3,6 m x 3,6 m Metallarbeiten als flache Skulpturen?

Andre: Ich finde sie überhaupt nicht flach. Ich glaube, irgendwie trägt jede Arbeit eine Säule aus Luft die bis zum oberen Rand der Atmosphäre reicht. Es sind Zonen. Ich finde sie wirklich nicht flach, genauso wenig, wie man ein Stück Land für flach hält, nur weil es auf der Karte flach aussieht. Natürlich sind sie offensichtlich flach, aber komischerweise habe ich nicht das Gefühl, daß sie flach sind.

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Carl Andre: 144 Steel Square, 1967
MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Courtesy VG Bild-Kunst, Bonn 2017;     Foto: Axel Schneider

Auszüge aus: Tuchman, Phyllis: Ein Interview mit Carl Andre, in: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Dresden 1998.

Von Julia Haecker.

 

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