Claudia Andujar

Meeting Claudia Andujar

English version below

Persönliches und Politisches, Gegenwart und Vergangenheit verbindend berichtet Claudia Andujar im Austausch mit der Kuratorin Carolin Köchling von ihrem Leben und den Menschen, die sie porträtiert. Nach einem Treffen in São Paulo verabredeten sich beide über einen Zeitraum von sechs Monaten regelmäßig bei Skype. Der folgende Ausschnitt der Gespräche spiegelt den angeregten Gedankenaustausch wider. Mehr davon ist im Katalog zur aktuellen Ausstellung im MMK 1 „Claudia Andujar. Morgen darf nicht gestern sein“ zu finden.

Claudia_Andujar_Ausstellungsansicht

Claudia Andujar, from the series Marcados, 1981–1983
Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

Carolin Köchling: Ich würde gerne als Erstes über die Umstände sprechen, unter denen du die Serie „Marcados“ (Markiert) produziert hast. Wann bist du das erste Mal in das Amazonasgebiet gereist? Und wie kam es zur Gründung der Comissão Pró-Yanomami (Kommission Pro-Yanomami), an der du 1978 maßgeblich beteiligt warst?

Claudia Andujar: Als ich 1971 anfing mit den Yanomami zu arbeiten, hatte ich ein Stipendium von der John Guggenheim Foundation, das mir erlaubte, zunächst für ein Jahr, dann für ein zweites und dann für ein drittes Jahr bei den Yanomami zu leben. Ich war nicht nur da, um Fotografien zu machen. Ich engagierte mich politisch, nachdem ich die Konsequenzen der Militärdiktatur für das Amazonasgebiet und die Yanomami sah. Das Gebiet der Yanomami ist sehr groß. Ein Teil der Yanomami lebt in Brasilien, ein anderer in Venezuela. Es ist eine riesige Nation. Während der Militärdiktatur fing ich an mit ihnen zu arbeiten. Die brasilianische Regierung behauptete, das Amazonasgebiet sei unbewohnt. Sie sahen die indigene Bevölkerung nicht als Menschen an und wollten durch Ansiedlung aus dem Süden die Entwicklung des Gebiets vorantreiben.

Die indigene Bevölkerung Catrimanis hatte bis zu dieser Zeit keinen oder nur wenig Kontakt mit Menschen außerhalb ihrer Nation. Die Regierung begann mit dem Bau einer Autobahn, die quer durch ihr Lebensgebiet angelegt werden sollte. Und ich war da, als das geschah. Sie schickten Arbeiter dorthin, welche die Wälder rodeten, um die Straße zu bauen. Die Ankunft dieser Arbeiter brachte viele Krankheiten und Probleme mit sich. Viele Yanomami, ja ganze Dörfer, starben.

1978 entschieden wir – Bruce Albert, Carlo Zacquini und ich –, eine nicht staatliche Organisation zu gründen, um die Yanomami offiziell zu schützen und ihren Lebensraum zu verteidigen. […] Es gab keine Ärzte, nichts im Yanomami-Gebiet, um sie zu schützen. Viele der Menschen starben. Zwei Ärzte aus São Paulo unterstützten uns. Wir machten einen Plan und organisierten eine Impfkampagne. Wir gingen von Dorf zu Dorf, um den Gesundheitszustand der einzelnen Menschen zu dokumentieren und mit den Impfungen zu beginnen. So ist die Serie „Marcados“ entstanden. Als ich mich mit den zwei Ärzten auf den Weg machte, war ich zunächst nur daran interessiert, das Gesundheitsprojekt voranzutreiben. Es war damals nicht meine Intention, die Aufnahmen als Serie zu produzieren und in Ausstellungen zu zeigen.

CK: Was bedeuten die Nummern in den Bildern?

CA: Die Yanomami tragen kulturell bedingt keine Namen. Sie leben in großen Familien und nennen sich nach ihren familiären Beziehungen: Vater, Mutter, Bruder. Wir erstellten Gesundheitskarten, für die ich die Fotos machte. Um die Porträtierten darauf zu identifizieren, benutzten wir Schilder mit Nummern, die bei der Aufnahme um ihren Hals hingen. So entstand diese Serie.

CK: Deine Fotografien sind mehr als eine bloße Dokumentation. Obwohl du die Aufnahmen für diesen konkreten Zweck gemacht hast, zeigen sie dein Interesse am Individuellen.

CA: Die Ärzte waren immer der Meinung, dass ich zu viel Zeit für das Fotografieren verwendete. Manchmal brauchte ich einen ganzen Film nur für ein einziges Porträt. Aber so arbeite ich. Ich wollte die Intimität zeigen, die sich zwischen uns entwickelte. Für mich ist das immer sehr wichtig: zu versuchen, etwas von dem Charakter einer Person einzufangen. Erst Anfang 2000 sah ich alle diese Fotografien zusammen und fand, dass sie es wert sind, öffentlich gezeigt zu werden. Ich traf eine Auswahl und nannte sie „Marcados“. Sie wurden erstmalig 2006 auf der Biennale von São Paulo gezeigt. Und dann wurde diese Arbeit sehr wichtig. […]

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Vordergrund: Claudia Andujar, from the series Fiscail, 2010, Ausstellungsansicht MMK 2017, Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

CK: In deiner jüngsten Serie „Fiscais“ (Wächter) sind die jungen Männer sehr viel distanzierter. Wie unterscheidet sich der Kontext ihrer Entstehung?

CA: Die „Fiscais“ habe ich 2010 fotografiert, in einer ganz anderen Zeit. Sie entstanden während eines Treffens in Toototobi. Es war die Versammlung einer Organisation, die Davi Kopenawa Yanomami 2005 gegründet hat. Die Treffen finden alle zwei Jahre statt, und sie versuchen dabei so viele Dörfer wie möglich zusammenzubringen. Wie gesagt, das Yanomami-Gebiet ist riesig, und bis heute gibt es keine Straßen. Die Straße, die in den 1970er-Jahren gebaut werden sollte, wurde niemals fertiggestellt. Die Yanomami können nur zu den Dörfern Verbindung aufbauen, die zu Fuß erreichbar sind. Sie müssen durch den Wald von einem Dorf zum anderen laufen. Die Organisation Hutukara wurde mit dem Ziel gegründet, das Wachstum der Nation zu unterstützen und sich gegen den Einfall illegaler Goldminenarbeiter zu schützen. Es ist eine Initiative zur gemeinsamen Verteidigung der Nation. Und das ist gegenwärtig wahrscheinlich die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe. Dessen sind sich die Yanomami sehr bewusst und so sammeln sie Gelder, um diese großen Treffen zu organisieren. Sie wollen Helikopterlandeplätze bauen, die es ihnen ermöglichen, Distanzen zu überbrücken und als Nation zusammenzuwachsen. Als ich 2010 an der Versammlung teilnahm, waren auch Vertreter von Regierungsorganisationen eingeladen. Um für den friedlichen Ablauf des Treffens zu sorgen, stellten die Yanomami eine Gruppe von jungen Männern zusammen, denen sie vertrauten und die als Friedenswächter fungierten. Dies hat einen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Daher wollte ich Fotografien von diesen Wächtern machen. Ich wollte zeigen, wie sie sich verhalten …

CK: Das ist ganz anders als die „Marcados“ …

CA: Und was ich vermitteln wollte, ist etwas vollkommen anderes. Das gesamte Treffen dauerte nur ungefähr vier oder fünf Tage. Es war eine ganz besondere Atmosphäre. Die jungen Männer liefen die ganze Zeit mit einer „Borduna“ herum, einem hölzernen Stab, und sie waren die ganze Zeit über sehr ernst.

CK: Zwischen den beiden Serien liegen 30 Jahre. Das wird auch im Medium deutlich. „Marcados“ sind schwarz-weiße, analoge Fotografien; „Fiscais“ sind farbige Digitalfotos.

CA: Während des Treffens hatte ich nur wenig Zeit, deshalb entschied ich mich, eine digitale Kamera zu verwenden. Eine digitale Kamera war für mich jedoch nie ein Medium, mit dem ich etwas Intimes entwickeln konnte. […]

Ausst.kat., Claudia Andujar. Morgen darf nicht gestern sein, Frankfurt am Main (Museum für Moderne Kunst), Susanne Gaensheimer (Hg.), Kerber Verlag, Bielefeld 2017.

Der Katalog zur Ausstellung ist im Shop des MMK 1 zu erhalten.

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Meeting Claudia Andujar

While skipping from the personal to the political, from the present to the past Claudia Andujar talks with the curator Carolin Köchling about her work, her life and the people she portrayed. After a meeting in São Paulo they arranged meetings via Skype over a period of six months. The following section of the conversations reflects the inspiring exchange of ideas. More of this you can find in the catalog of the current exhibition at the MMK 1 „Claudia Andujar. Tomorrow must not be like yesterday“.

Carolin Köchling: I would first of all like to talk about the circumstances under which you produced the series of „Marcados“ (Marked). When did you go to the Amazonas region for the first time? What were the beginnings of the Comissão Pró-Yanomami (Commission Pro-Yanomami) that you founded in 1978?

Claudia Andujar: When I began working with the Yanomami in 1971, I received scholarships from the John Simon Guggenheim Foundation, which initially allowed me to stay with them for one year, then for a second and a third. I did not only go there to take photographs. I got engaged politically after witnessing the consequences that the military dictatorship had on their territory and their lives. Half of the Yanomami live in Brazil, the other half in Venezuela. It is a large nation. I started working with them during the military dictatorship in Brazil. The government claimed that the region was unpopulated. They did not regard the indigenous population as people and wanted to bring in settlers from the south for the purpose of developing the area.

During that time, the indigenous people in Catrimani had not had any contact with other people outside their nation before, or at least very little. The government started to build a highway that would traverse their territory, and I was there when this happened. They hired workers to cut down the forest who brought in a lot of diseases and problems. Many of the Yanomami died, even entire villages were wiped out.

It was in 1978 that we – Bruce Albert, Carlo Zacquini, and myself – decided to create an NGO to be able to formally defend the Yanomami. […] There were no doctors, nothing in the Yanomami land to defend them from disease. They were just dying off. Two doctors from São Paulo volunteered to come to the region, and we forged plans for an immunization campaign. We went from village to village to gather information about the population’s health conditions and began administering vaccines. This is how the “Marcados” were born. I initially had no intention of producing them as a series or presenting them in an exhibition. When I went there with the two doctors, I was only interested in launching this health project.

CK: What do the numbers in the images stand for?

CA: The Yanomami do not use names. They have large families, and so everyone is referred to by their family relationship: father, mother, brother, and so on. We created health cards, and I took their pictures. We hung signs with numbers around their necks to be able to identify each of them on the health cards. This is how all of this originated.

CK: Your photographs turned out to be more than mere documentation. Although you shot the series for medical purposes, the images reveal your interest in the individual.

CA: The doctors thought that I was spending too much time taking photographs. Sometimes I used an entire roll of film for one person. But this is the way I work. I wanted to show the intimacy that developed between us. To me this is always very important. It means trying to capture a bit of the character of the person. It was not until early 2000 that I went through all of these pictures and thought it would be worth showing them to the public. I made a selection of the photographs and named the series “Marcados”. It was shown for the first time at the Bienal de São Paulo in 2006. […]

CK: In your recent series “Fiscais” (Guardians) the young men seem to be more distant. How do you perceive the distinction between the two series and the circumstances surrounding their production?

CA: The “Fiscais” were produced in 2010, a totally different time. I went to a place called Toototobi. I was invited to a meeting, an assembly held by an organization that was founded by Davi Kopenawa Yanomami in 2005. The meetings take place on a biannual basis and involve as many villages as possible. As I said before, the Yanomami region is extremely large, and even today there are no roads. The road that was to be built in the 1970s was never finished. They can only connect with those villages that are accessible on foot. So they have to walk the paths through the forest to get from one village to the other. This organization, which is called Hutukara, was founded with the goal of helping the Yanomami to grow and to resist the invasion of illegal gold miners. And this is probably the most important and difficult part of today’s work. The Yanomami are very aware of this, and that is why they try to raise funds to organize these meetings. They are trying to build helicopter ports to be able to become one nation that holds together. People from governmental organizations had also been invited to the meeting in 2010. To make sure that everything took place in a peaceful manner, the Yanomami decided to select a group of young men whom they could trust and who would serve as guardians. This was what struck me the most. I had never seen anything like this before. So I was interested in taking photographs of these guardians and conveying their behavior …

CK: It is an entirely different relationship in comparison to the people in “Marcados”.

CA: What I wanted to relate is very different. The meeting lasted only four or five days. It was a special atmosphere. They always walked around with a “borduna” which is a wooden stick, in their hands, and always in a very serious way.

CK: There is a 30-year gap between the two series. This is also visible in the medium. “Marcados” are black-and-white analog photographs, and “Fiscais” are color digital photographs.

CA: I had little time to work on the series during this meeting, which is why I opted for a digital camera. I have never been able to develop anything intimate with a digital camera. […]

 

 

 

 

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