Ed Atkins

Grauzone zwischen Realität und Illusion

Wohin führt uns das Internet und was kommt eigentlich danach? Wird es bald noch eine Grenze zwischen Virtualität und Realität geben? In Anlehnung an die Ausstellung „Ed Atkins. Corpsing“ im MMK 1 setzt Helen-Sophie Mayr, Studentin der Museologie, an diesem Punkt an und zeigt auf, wie verwirrend und emotional die Begegnung mit einem virtuellen und zugleich vollkommen menschlichen Gegenüber sein kann.

„Ja, und dann hab ich sie halt eingemauert und gewartet, bis sie einfach gestorben ist.“ Ungläubig starre ich meine Mitbewohnerin an, die mir soeben erklärt hat, wie sie damals in den 2000ern, als sie, wie beinahe alle anderen Teenager auch, Tag ein Tag aus Die Sims gespielt hat, eine unliebsame Haushälterin, die ihr Grundstück aus unerfindlichen Gründen nicht mehr verlassen wollte, losgeworden ist: Per Knopfdruck in den Bau-Modus, Sims-Szenario eingefroren und – zack – eiskalt die Hausdame mit der Standardwand auf einem der grünen Sim-Quadratmeter eingemauert, wo sie dann ihr trauriges Ende fristen durfte. Kurze Erklärung, für alle, die mit dem Begriff Die Sims nichts anfangen können: Es handelt sich um ein Computerspiel, in dem der Spieler ein frei kreiertes Alter Ego zwischen Klo, Kühlschrank und Chaos hin und her schickt. Ohne die Befehle des Spielers passiert recht wenig im Leben eines Sim. Das Konzept erinnert an Second Life, einer virtuellen Realität in der sich live rund 60.000 Avatare gleichzeitig bewegen.
Zum Leben erwachen die Avatare also durch uns. Eine Form des Ichs schimmert durch ihre animierte Haut hindurch. Vielleicht ist das der Grund, warum wir nicht verhindern können schockiert zu sein, wenn eine dieser kleinen irgendwie kaum als existent zu bezeichnenden Figuren eingemauert wird. Wahrscheinlich aber hat dieses Gefühlschaos weniger mit dem zu tun, was sich hinter den Avataren verbirgt, als viel mehr mit dem, was wir selber auf diese Marionetten projizieren.

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Ed Atkins, Hisser, 2015/2017, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York and dépendance, Brussels, Foto: Axel Schneider

Mit einem ähnlichen Gedanken hat sich der britische Künstler Ed Atkins beschäftigt, der mit seinen Videoinstallationen „Hisser“ und „Safe Conduct“ momentan im MMK1 in Frankfurt ausgestellt ist. „Hisser“ besteht aus fünf Projektionsflächen unterschiedlicher Größe, auf denen ein digital generiertes Video abläuft. Dieses Video zu beschreiben bringt mich bereits an meine Grenzen, denn Wörter wie „leben“, „wohnen“, „sein“ sind in diesem Fall mit äußerster Vorsicht zu verwenden. Genau da setzt Atkins nämlich an: In einer Grauzone irgendwo zwischen Realität und Illusion. Vorsichtig herantastend würde ich jetzt mal behaupten: In dem Video wird ein Mann gezeigt, der in einem hässlich eingerichteten Schlafzimmer eine Art von Dasein fristet. Manchmal singt er, verfällt in eine Salve von Entschuldigungen, spaziert durch ein weißes Nichts, hat Schlafprobleme oder befriedigt sich selbst. Häufig hört man komische Schmatz-Geräusche. Alles digital generiert natürlich, bis auf die Stimme des Avatars. Die hat Atkins selber eingesprochen.

Zur Ausstellung „Corpsing“ hatte ich einen Freund mitgebracht, damit ich meine Eindrücke später mit jemandem besprechen konnte. Nährt man sich dem Ausstellungsbereich, vernimmt man schon recht deutlich den Sound der Werke: Jemand singt, ein Murmeln, eine kleine Melodie, die an das Anschalten alter Windows-Rechner erinnert. Komische Kombi. Wir folgten den Geräuschen und fanden uns wieder in einem der spitz zulaufenden, riesigen Räumen des MMK. Es war dunkel, das einzige Licht kam von einer großen Projektion am Ende des Raumes. Hin also. Dort erbot sich uns Atkins’ Schöpfung in all ihrer Pracht. Mein erster Eindruck: „Was für 1 weirder Dude.“ Ich wollte ihn am liebsten packen, schütteln und sagen: „Junge, komm mal klar. Warum bist du so komisch? Mach doch mal was aus deinem Leben.“ Gerne hätte ich ihn aus seinem verkorksten Dasein befreit. Ob Atkins sich diese Reaktion erhofft, indem er unser Mitgefühl zum Teil seiner Arbeit macht? Mitgefühl, das wir beim Anblick einer so bedauernswerten Person empfinden. Aber das ist die Crux: „Diese Person“, es gibt sie nicht. Sie ist eine Erfindung, ein Konstrukt.Wir gingen also weiter zur nächsten Wand im nächsten Raum. Sie war riesig, ging hoch bis unter die Decke und wir standen ihr klein, misstrauisch und allzeit zur Flucht bereit am Durchgang zum nächsten Raum aufgestellt gegenüber. Es dauerte eine Weile, bis wir merkten, dass dort derselbe Film lief. Irritiert liefen wir weiter nach nebenan, wo wir drei kleinere, immer noch mindestens zwei Meter hohe Projektionsflächen vorfanden. Auf ihnen lief – surprise – synchron derselbe Film wie schon auf den anderen. Die Stimmung war beklemmend. Man versuchte einen Blick auf die Mienen der anderen Besucher zu erhaschen, in der Hoffnung ihnen eine Gefühlsregung ablesen zu können. Vergebens, die Räumlichkeiten waren zu dunkel. Selten, vielleicht noch nie, hat eine Ausstellung so sehr meine Stimmung dominiert.

Noch so ein Moment: Bevor ich mir die Ausstellung ansah, wusste ich bereits, dass in der Installation „Hisser“ gezeigt wird, wie der Avatar onaniert. Ich saß auf glühenden Kohlen und dachte ständig: Ohje, ohje. All die Besucher werden gleich mit dieser Szene konfrontiert, ohne zu wissen, wie ihnen geschieht. Alle werden peinlich berührt sein und ein den Raum einnehmendes Unbehagen wird sich zu uns in den – Gott sei Dank – dunklen Raum gesellen. Aber mein Gott, warum machte ich mir so viel Stress? War ja nicht so, als würde ich tatsächlich jemandem beim Akt der Selbstbefriedigung zu sehen. Das hat Atkins geschickt gemacht: Wir tappen in eine Falle, aufgestellt von unseren Gefühlen. Unsere Gefühle, die wir so gerne als Argument dafür nutzen, dass wir besser, einmaliger und unfehlbarer sind als Roboter. Genau diese Gefühle halten uns davon ab, „Hisser“ als das zu sehen, was es ist: Ein Konstrukt.

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Ed Atkins, Safe Conduct, 2016, Ausstellungsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2017, Filmstill, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London and Gavin Brown’s Enterprise, New York, Foto: Axel Schneider

In „Safe Conduct“ macht Atkins diese Unwirklichkeit noch viel deutlicher. Die Videoinstallation greift klassische Flughafen-Szenarien auf: Sicherheitskontrolle, Screening, Fließband, Atemübungen, … Allein der Aufbau der Installation erinnert an die immer ein bisschen einschüchternde, wuchtige Umgebung an Flughäfen: Ein großer Güterkran dominiert den Raum, reicht von der einen Ecke bis zur gegenüberliegenden. Daran, mittig befestigt hängt eine Display-Traube. Drei riesige Monitore starren in unterschiedliche Richtungen in den Raum. Darauf treibt sein Unwesen: Atkins’ Avatar. Es läuft: Ravels Bolero (Diese eigentlich sehr schöne Komposition werde ich nun immer in Verbindung bringen mit dem, was nun folgt.) Der Avatar, in höchst malträtiertem Zustand pflückt sich gelassen einen Finger von der Hand, zieht wiederholt sein Antlitz wie eine labberige Maske vom seinem Gesicht, greift in seine Augenhöhle und gräbt mit schmatzendem Geräusch sein Auge heraus. Alles ohne mit der Wimper zu zucken. Alle Körperteile deren er sich entledigt und noch eine wilde Auswahl beliebiger anderer Gegenstände werden in flache Kästen gelegt, die anschließend durch den Screening-Tunnel rollen. „What the fuck“, dachten wir uns da und verließen verstört den Raum, weil wir partout nicht kapierten, wie diese Gelassenheit mit dem Zerlegen des Körpers einhergehen sollte, des vermeintlichen Körpers wohlgemerkt. Schon längst hatten wir vergessen, dass es sich doch nur um ein Konstrukt handelte. Und das obwohl, wie Atkins betont, es keine Hintergrundstory gibt, nicht mal einen Namen für das Model. Diese reflektierten Gedanken kamen mir erst nach eingehender Recherche und ausgiebiger Gedankenakrobatik, leider ohne meinen Freund. Der konnte und wollte sich angesichts der ganzen Weirdness keinen Reim auf Atkins Installationen machen.

Ist das jetzt gut oder schlecht, dass der Mensch beim Anblick eines Abbildes eines Anderen vermeidlichen Menschen anfängt vor Emotion nur so zu sprühen? Ich kann mich noch nicht entscheiden. Etwas verstörendes, nahezu gefährliches hat es allemal. Es fühlt sich so an, als müsste der Mensch neu lernen zu differenzieren. Zwischen Realität und dem ganzen anderen. Well, too bad. Wenn es nur das Differenzieren zwischen zwei Dingen wäre. Doch Atkins führt uns in unserem Glauben darin, zu wissen, was real ist, vor. So eindeutig ist es nämlich nicht. Ausgerechnet mit meiner Begleitung hatte ich noch Tage zuvor über das Phänomen der Wahrnehmung und der daraus resultierenden Existenz philosophiert. Was, wenn nur das existiert, was wir wahrnehmen? Existiert der „Hisser-Avatar“ dann vielleicht doch? Und wenn ja, in welcher Dimension und als was? Existiert er dann in unseren Gedanken und wie real ist er dann? Verfolge ich diesen Gedanken weiter, taumle ich auf eine Grundsatz-Diskussion über unser Realitäts-Verständnis zu. Klingt irgendwie zu anstrengend. Deswegen komme ich nun lieber zum Schluss. Eines steht aber fest: Dank Atkins’ Gedankenspiel haben meine Gehirnzellen nun einiges zu knabbern.

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