Primary Structures

20 Pieces of Frankfurt

Staub, kalter Wasserdampf und eine rotierende Fräswalze – Auf der Basis von Santiago Sierras Werkanweisung „20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground” (1992) halten 20 je einen Quadratmeter große gefräste Asphaltplatten aus dem Stadtraum Frankfurt Einzug ins MMK 2. Besucher der dort aktuell zu sehenden Ausstellung „Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“ (bis 13. August 2017) suchen ihren Weg behutsam durch die auf dem Boden ausgelegten Asphaltblöcke. Die vor kurzem noch viel befahrenen Elemente dürfen jedoch nicht betreten werden.  

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Was steckt hinter Santiago Sierras Arbeit? Und welche Bedeutung hat diese für die Minimal Art? Sergey Harutoonian, Kunsthistoriker und Assistent der Sammlungsleitung geht diesen Fragen auf MMK Notes genauer nach:

Eine der jüngsten Neuerwerbungen des MMK für seine Sammlung ist die Arbeit „20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground“ des spanischen Künstlers Santiago Sierra. Der nüchterne Titel ist dabei Werkbeschreibung und Aufbauanweisung zugleich: Zwanzig 1 Quadratmeter große Asphaltblöcke sollen aus einer Straße herausgerissen und im jeweiligen Ausstellungsraum in der Form eines Gitters angeordnet werden. Für die Herstellung sollen dabei Bauarbeiter beauftragt werden, die die Blöcke passgenau nach den Angaben des Künstlers anfertigen. Die ausführende Kraft hinter der Realisierung des Werks ist demnach nicht der Künstler selbst, sondern es sind Personen, die ihre Arbeitskraft in den Dienst des Künstlers und dessen Anweisungen stellen.

Ursprünglich wurde die Arbeit im Jahr 1992 vom Künstler erdacht und erstmalig in einer Madrider Galerie realisiert. Die nun vorliegende Präsentation in der Ausstellung „Primary Structures“ im MMK2 ist als ortspezifische Installation gedacht, denn die Asphaltplatten stammen allesamt von Baustellen aus dem Frankfurter Stadtraum. Die Spuren der Herstellung sind auch noch innerhalb des Ausstellungsraums sichtbar. Dort sind die Asphaltblöcke und der umgebende Untergrund mit kleineren Bruchstücken und Schmutz bedeckt, während sich die Werke der Minimal-Künstler Donald Judd und Walter De Maria gerade durch eine makellose Oberflächenbeschaffenheit auszeichnen. An diesem Aspekt zeigt sich Sierras eigenwillige Interpretation der „Primary Structures“: So sehr seine Arbeit in seiner symmetrischen Anordnung und der quadratischen Form der Objekte Erinnerungen an die historische Minimal Art weckt, sosehr wird an der Präsenz der genannten Spuren der kräftezehrende Einsatz der Bauarbeiter, und damit auch die Prozesshaftigkeit der Werkproduktion, ersichtlich. Der Einsatz von schwerem Gerät und menschlicher Kraft, wie im Ausstellungsfilm dokumentiert, hallt demnach durch die Präsentation der Objekte nach.

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Wie so oft bei Santiago Sierras Arbeiten, wird die Werkbeauftragung selbst zu einem künstlerischen Statement erhoben, denn die physische Präsenz der Asphaltplatten und deren ästhetische Nähe zu der Formensprache der Minimal Art stellt lediglich eine Facette seines Werks dar. Abseits dieser formalästhetischen Reminiszenzen an Künstler wie Donald Judd, Carl Andre und Walter De Maria ist es vor allem die gesellschaftskritische Komponente, die Sierras Schaffen seit seinen künstlerischen Anfängen prägt und ihm im Laufe seiner Karriere oftmals Kritik eingebracht hat. Die Infragestellung kapitalistischer Wirkmechanismen setzt der Künstler mit einer kompromisslosen künstlerischen Stringenz um, die sich jener systeminhärenten Mittel bedient, die er eigentlich anprangert. Die Käuflichkeit des Menschen und dessen Ausbeutung in der modernen Gesellschaft zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk, das in seiner künstlerischen Vorgehensweise eine große Wiederkennbarkeit im Aufbau aufweist: Eindeutige Instruktionen im Titel verweisen oftmals auf festgelegte Parameter, wie beispielsweise Mengenangaben, Anzahl der eingesetzten Personen, Stundenzeiten oder Details zur Bezahlung. Genannte Angaben wecken Erinnerungen an die Dienstleistungsgesellschaft, die sich gerade durch eine Überprüfbarkeit des Geleisteten auszeichnet und in dieser vermeintlichen marktwirtschaftlichen Transparenz den Menschen zu einer käuflichen Arbeitseinheit degradiert. Der Frage nach der moralischen Vertretbarkeit einer derartigen Vorgehensweise entgegnet Sierra mit der Aussage: „…was in der Welt der Kunst erlaubt ist, deckt sich natürlich mit dem, was im Kapitalismus erlaubt ist. Wir teilen uns ein und dieselbe Wirklichkeit“. Damit sieht der Künstler sein eigenes Schaffen als Spiegelbild der Gesellschaft, das in seiner Drastik lediglich die tatsächlichen Zustände gleichsam offenlegt und anprangert.

 

Trailer zur Ausstellung: 

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