Allgemein

Ausstellungsfilme – Eine Kunst für sich

Ob Kinder oder international bekannte Künstler, sie verwickelt jeden in ein anregendes Gespräch über Kunst und Kultur. Währenddessen läuft die Kamera. Dr. Angela Schmidt-Gläser fängt mit ihrem Feingefühl die perfekten Kommentare und Momentaufnahmen ein und kreiert aus ihrem teilweise mehrstündigen Filmmaterial bündige Trailer, Ausstellungsfilme und weitere Filmformate für das MMK. Als Creative Direktor von „Filme und mehr“ ist Angela seit Jahren mit ihrem Team bei Ausstellungen und MMK Talks stets präsent. Der Agenturname „Filme und mehr“ trifft es genau. Für den Trailer zur Ausstellung „Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“ hat sie zum Beispiel die Vorbereitungen der Arbeit „20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground” (1992) von Santiago Sierra mit der Kamera verfolgt. Hierfür wurden 20 je einen Quadratmeter große Asphaltplatten im Vorfeld der Ausstellung in Frankfurt aus der Straße gefräßt. Wie poetisch solche “Straßenarbeiten” filmisch wirken können, zeigt der Trailer zur Ausstellung.

Was steckt hinter den Filmen? Und wie ist die Zusammenarbeit mit den Künstlern? Angela nimmt uns in ihrem Beitrag für MMK Notes mit in ihre Arbeitswelt hinter der Kamera.

 

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Dreharbeiten mit Ed Atkins im MMK 1.

17 Filme habe ich bis jetzt für Ausstellungen im MMK gedreht. Oft spreche ich persönlich mit den Künstlern. Wie jetzt gerade mit Ed Atkins. Er ist gerade mein Held, der großartigste Künstler, den ich je interviewt habe. Seine Video-Installationen funktionieren wie Kurzgeschichten. Atkins verarbeitet eine alltägliche Erfahrung und schafft aus diesem Nucleus bombastische, erschütternde und verrückte Geschichten. Dabei ist er bescheiden, fröhlich, sehr klug und was seine Kunst angeht, völlig unaufgeregt.

Hier könnt ihr den Ausstellungsfilm zu „Ed Atkins. Corpsing“ sehen: https://www.youtube.com/watch?v=MmznfJd5jaY

Manchmal kann ich die Künster nicht mehr treffen, weil sie nicht mehr leben. Wie zum Beispiel Blinky Palermo. Sein Werk „grün / grün“ (1967) liebe ich. Es ist einfach vollkommen. Blinky Palermo, Charlotte Posenenske, Richard Serra, William Forsythe und weitere Götter der Minimal Art sind bis 13. August 2017 im MMK 2 zu sehen. Einen ersten Einblick gibt unser Trailer zur
Ausstellung: https://www.youtube.com/watch?v=HgiVWu04pYY

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Dreharbeiten mit Jonas Weichsel im MMK 2.

Zum Teil lerne ich die Künstler aber auch nicht kennen, weil sie im Film nicht persönlich auftreten wollen. So ein Fall war zum Beipsiel Rineke Dijkstra, die 2013 eine große Ausstellung im MMK hatte. Sie wollte damals nicht. Ich war enttäuscht. Ihr Kunstwerk „The Weeping Woman“ ist eines der anrührenden, komischsten und traurigsten Videoarbeiten, die ich kenne. Es zeigt eine Gruppe von jungen, englischen Schülern in Schuluniform. Sie schauen direkt in die Kamera und beschreiben offensichtlich ein Bild. Nur der Titel der Arbeit verrät, dass sie in der Tate Liverpool vor Picassos „Weeping Woman“ von 1937 stehen. Am Anfang können sie nichts mit dem kubistisch verzerrten Gesicht der Frau anfangen. Am Ende sprudelt es aus den Kindern nur so heraus. Über die Beschreibung von Picassos Geliebten Dora Maar öffnen sie sich und verknüpfen ihre persönlichen Familiendramen mit fantasievollen, intensiven Interpretationen des Porträts.

Toll an dieser Videoarbeit ist Dijkstras grenzenloses Vertrauen in die Idee, dass die Konfrontation von Kindern mit Picassos Frauenporträt zu einem außergewöhnlichen Kunstwerk führen würde. Mit großer technischer Präzision muss sie den Set aufgebaut haben. Offensichtlich sehen die Kinder genau auf Picassos Gemälde und eben nicht in die Kamera. Konzept, Casting, Aufbau, Dramaturgie und Schnitt – alles stimmt. Mit der Perfektion der künstlerischen Installation hat Dijkstra dem Zufall den Raum gegeben, den es braucht, um die Kinder aus der Rolle des Betrachters in die des echten Erlebens zu führen. Ich war also traurig, dass ich Rineke Dijkstra nicht zu ihrer Arbeit befragen konnte. Aber sie ist die einzige, die mich je in Frankfurt besucht hat. Das kam so.

Wochen vor den Eröffnungen überlegen wir immer, wie ein Trailer Neugierde wecken kann für die neue Ausstellung. Für Dijkstra hatten wir einen kurzen Kompilationsfilm produziert, der Ausschnitte aus unterschiedlichen Videoarbeiten von ihr über Schnitt und Rhythmus verband. Alle waren happy. Bis Dijkstra selbst nach Frankfurt kam. Sie hatte bei einer Besprechung im MMK den Klingelton eines alten schnurlosen Bürotelefons gehört, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Eine sehr eindringliche Tonfolge. Sie hat das Klingeln sofort aufgenommen. Genau der richtige Soundtrack für den Trailer, fand sie.

Aber es gab keine Chance, die Rechte bei dem Mobilfunkanbieter zu kaufen. Wir mussten eine andere Lösung finden. Rineke Dijkstra wollte selbst im Schneideraum mitsuchen. Ich war aufgeregt, als sie dann vor mir stand: Eine große, sehr wache Frau. Scheu zwar, aber mit einer enormen Präsenz. Wirklich nett. Sie trug einen Rock mit einer schwarzen Strumpfhose und klassische Derby-Lederschuhe.

Zuerst setzte sie sich neben den Cutter und reduzierte die Bildfolge auf ein Minimum. Dann durchforsteten wir den ganzen Tag Sound-Libraries nach ähnlichen Tonläufen. Die merkwürdigsten Tönen piepsten, klirrten und schepperten durch den Raum. Hatten wir einen Soundtrack gefunden, der uns gefiel, legten wir ihn sofort auf den Trailer an. Wir lachten, wenn der Sound völlig daneben war. Wir waren unsicher, überlegten. Wir schüttelten den Kopf. Nichts passte wirklich. Nichts machte Rineke Dijkstra glücklich. Schließlich hat Rineke Dijkstra eine Melodie für den Trailer komponieren lassen. Sie passt wunderbar. Hier könnt Ihr den Trailer anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=EoRSRCbBiIQ

P.s.: Ein einzige Mal noch habe ich den Klingelton gehört. Kurze Zeit später läuft der Fernsehfilm einer Freundin. Am Anfang ruft die Hauptfigur seine Schwester an, mit genau dem lange gesuchten Klingelton. Wenn Ihr das Original hören wollt, spult auf Sekunde 00:27.

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