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ICH RELOADED – Das Subjekt im digitalen Netz

Klick, Klick, Klick – Wo man geht und steht, wird es hochgeladen und in die weite Welt verschickt: Das Selfie. Die auf Armlänge aufgenommenen und mit Freunden geteilten Selbstporträts treffen den Nerv der Zeit. Denn im Selfie wird weitaus mehr sichtbar als ein vermeintlich egozentrischer Selbstentwurf; in ihm zeigen sich grundlegende Themen, die Philosophie, Wirtschaft, Politik und Kunst gleichermaßen herausfordern. Kann man dem digitalen Datenprofil mit seinem wirklichen „Ich“ noch entgegentreten oder ist das eigene Selbstbild unglaubwürdig geworden? Ist das Internet nur die schöne neue Welt der Kommunikation, die unbestreitbar viele Vorteile mit sich gebracht hat, oder verbirgt sich dahinter auch eine Grauzone
mit Umwälzungen, die sich der Kenntnis und der
Mitwirkung des Einzelnen entziehen?

Das Festival „Frankfurter Positionen 2017“ widmet sich dem Phänomen des Selfies und stellt die Frage, was die Smartphone-Generation dazu antreibt, sich fortlaufend selbst darzustellen und öffentlich zu präsentieren. Im zweijährigem Turnus präsentieren die Frankfurter Positionen Uraufführungen der von der BHF-BANK-Stiftung in Auftrag gegebenen Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler mehrerer Sparten zu einem Leitthema. Unter dem Motto „ICH RELOADED – Das Subjekt im digitalen Netz“ kommen Künstler und Wissenschaftler dem Selbst und dem Subjekt im digitalen Zeitalter auf die Spur. Insgesamt siebzehn Kulturinstitutionen arbeiten in diesem Jahr bei dem interdisziplinären Festival zusammen.

Ein Beitrag von Wilhelm Burmester, Mitglied des Vorstandes der BHF-Bank-Stiftung:

ICH BIN ON. Das große Andere im digitalen Netz

Auch Selbstbilder haben ihre Geschichte, und diese ist bekanntlich nie ganz vergangen. Aus der Perspektive des Ich ist die Welt ,das große Andere‘: ein Universum nicht nur von Naturgewalten, sondern auch umfassenden symbolischen Räumen, seien es Riten, religiöse Ordnungen, Gesetze, ja die Sprachen selbst. Am Anfang der modernen Selbstgewissheit steht Descartes’ Cogito: „Ich denke, also bin ich.“ Es hat somit lange gebraucht, bis der Mensch sich vom ,das große Andere‘ überhaupt als ein Selbst separiert hat, seine Seinsweise nicht unmittelbar mit göttlichen und weltlichen Ordnungen gleichsetzte.Gleichwohl erfährt sich das Ich heute wie früher über ,das große Andere‘, jeweils spezifische symbolische Ordnungen, in denen es interagiert. Welche Rolle spielt hier das digitale Netz? Wie verändert es die Balance zwischen Autonomie und Einbindung, Freiheit und Kontrolle, Transparenz und Verschließung?

Kränkungen
Diese Balance war und ist fragil: Das erhabene moralische Bewusstsein des Menschen, „Herr im eigenen Hause“ zu sein, hat viele Desillusionierungen und Kränkungen erlebt. Lange vorbei sind die Zeiten der Aufklärung, in denen die westliche Zivilisation sich aufmachte, nur noch auf die Kraft der Vernunft zu bauen (bauen zu wollen). Die Psychoanalyse setzte dem heroischen Ich ein Paradigma entgegen, mit dem die menschliche Psyche ein Kampffeld von unterdrückten Verletzungen, Begierden, Selbsttäuschungen wurde. Das Ich und die Welt sind prinzipiell „Nicht-Alles“, niemals vollständig (Lacan).

Zugleich bauten die großen Erzählungen des 20. Jahrhunderts aber auf politische Großprojekte auch mit der Erwartung, dass sich hiermit ein neues Ich, der „Neue Mensch“ verwirklichen ließe. Auch diese Versuche kollektiver Abhilfe sind letztlich – mit hohen Kosten – gescheitert. Der „Neue Mensch“ war/wurde Trugbild und Ideologie.

Auch heutzutage ist die Selbstermächtigung des zeitgenössischen Ich durch Ideologien und Phantasmen potentiell und faktisch immer noch „auf dem Sprung“: „kulturelle Identitäten“, völkische Kollektivprojekte, religiöser Fanatismus…

Das digitale „große Andere“
Diese scheinbar aus der Zeit gefallenen Projekte kollektiver Selbstdefinition korrelieren nunmehr mit einer Struktur von ,Welthaltigkeit‘, das dem einzelnen Ich virtuell alle Wege öffnet und (fast) alle Inhalte zulässt: der digitalen Vernetzung der Welt. Anders als die großen ideologischen Systeme des 20. Jahrhunderts ist das Netz das ,große Andere‘ als Form, in die ,Alles‘ (alles Partikulare dieser Welt) gegossen werden kann und so zu einer eigenständigen Entität wird. Online zu sein, heißt potentiell alle personalen Gegenüber zu finden, alle anderen Ichs, alle Angebote und Nachfragen, alle Hilfestellungen, alle Projektionsflächen. Ich bin, weil ich online bin.

Dieses digitale ,große Andere‘ hat mithin seine Besonderheiten: Es trägt möglicherweise tatsächlich Züge eines (post-)modernen Konzepts, nach dem Gesellschaft als Wurzelgeflecht („Rhizom“) gedacht wird, Muster einer Vergesellschaftung, die keine Hierarchien und Repräsentationen kennt, sondern die direkte nicht-lineare Verknüpfung unendlich vieler Vorhaben und Personen beinhaltet – ein grandioses Ermächtigungsprogramm für alle ,Ichs‘, um sich die Welt verfügbar zu machen. Nicht zuletzt dies könnte die Faszination des Netzes (und nebenbei die Krise der politischen Repräsentation) erklären.

Anders als von den Theoretikern (Deleuze/Guattari) intendiert, bildet diese Verknüpfungsstruktur im Netz de facto aber keine Alternative zu den herkömmlichen Aktionsmustern und normativen Ordnungen ökonomischer und politischer Institutionen, sondern deren Ergänzung und Erweiterung. Entsprechend heterogen und ambivalent ist die Netzwelt: eine Mischung aus Selbstverwirklichung, Trivialität und Wissen, Sex & Crime, Ressentiments und politischem Aktivismus, Kommerz und Kontrolle – vieles, was es schon vorher gab, aber nun quasi unbeschränkt. Aber zu welchen Kosten ist dieses ,Alles‘ zu haben?

Ambivalenzen
Die These wäre also: Das Netz schafft eine neue soziale Wirklichkeit, die nicht nur virtuell ist, sondern das menschliche Selbstbild und dessen Beziehung zur Außenwelt grundlegend neu definiert. Die Frankfurter Positionen 2017 wollen den Versuch unternehmen, Phänomene, Ausprägungen und Potentiale dieser neuen Netzgesellschaft zu beobachten, verbunden mit der Frage, ob und wie sich diese Veränderungen auf das Selbstbild des Einzelnen auswirken. Welche Aspekte erscheinen bedeutsam? Es könnte gehen um

– die Wirkungsmacht eines ,digitalen Katalysators‘ für individuelle menschliche Hoffnungen, Wünsche und Imaginationen, gleichsam nach außen gekehrte Intimitäten, die Psychologie von Usern mit ihrem in der Flut der Selbstbilder offenkundigen narzisstischen Drang zur Spiegelung, der selbstbezüglichen Inszenierung,

– die Handlungsmacht der heutigen Subjekte im politischen Feld: Das Netz gibt zum einen neuen Raum für Aktivierung und Zusammenschlüsse, die emanzipatorisches Potential haben können, bis hin zu Formen direkter Demokratie und neuer Freiheitsräume – die Eroberung eines öffentlichen Raums, der die Straßen und Plätze als kollektiven Ort der Begegnung, der Debatte und des Protests ablöst.

– zum anderen aber auch die in den sozialen Netzwerken geförderte redundante, häufig anonyme Zustimmung und Ablehnung der ,friends and followers‘, also eine politische Diskursform, die Ressentiments freien Lauf lässt und den Maßstäben der persönlichen Begegnung sowie der Intersubjektivität von Zuwendung und Kritik nicht entspricht.

– die Überwindung traditioneller kultureller Grenzen durch ein globales Medium, das (scheinbar oder tatsächlich) unmittelbare persönliche Teilhabe an Besserem ermöglicht, also auch die Psychologie von Usern, die im Sog von Bildern und Botschaften des Netzes versuchen, die existentiellen Notlagen überall dort, wo das Leben (in Kriegsgebieten, Elendszonen) unerträglich wird, durch Flucht hinter sich zu lassen.

– die systemische Notwendigkeit, bei Teilhabe am ökonomischen oder politischen Leben die Onlinemedien zu nutzen bzw. einen Zugang zu seinen Daten zu eröffnen und damit Informationen global und zeitlich unbegrenzt verfügbar zu machen, mithin die zunehmende Transparenz des Individuums, aber auch der politischen und wirtschaftlichen Institutionen.

Ist das digitale Netz also eine neue Dimension der Weltöffnung, die das Ideal moderner Subjektivität zur Verfügbarkeit der Welt in gewisser Weise realisiert?

Sind die wahren Subjekte der digitalen Vernetzung nicht Google, Facebook und Co sowie alle, die unsere Daten nutzen können/wollen, von Versicherungen bis hin zu NSA/BND/BKA? Und kann man nicht mit Industrie 4.0 ff. endlich den Menschen als zu riskantes Steuerungsmedium (immer mehr) aus dem Verkehr ziehen?

 

 

 

 

 

 

 

 

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