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Das Archiv Peter Roehr. Eine persönliche Begegnung

Über Jahre hinweg hat sie sich intensiv mit seinem Leben, seiner Arbeit und seinem Werk beschäftigt, hat zahlreiche Briefe und Notizen gelesen und Fotos von ihm unter der Lupe studiert. Doch persönlich getroffen hat sie ihn nie. Nadine Hahn, Mitarbeiterin am MMK, hat von 2014 bis 2016 das Archiv des Frankfurter Minimal- und Pop-Art-Künstlers Peter Roehr (1944-1968) aufgearbeitet. Nun kann an den Ergebnissen dieser Recherche jeder teilhaben, denn die digitalisierten Unterlagen sind jetzt über das Online-Archiv http://www.archiv-peter-roehr.mmk-frankfurt.de einzusehen.

Auf MMK Notes gibt uns Nadine Hahn einen Einblick in das Leben des Menschen Peter Roehr, den sie in den letzten Jahren so intensiv kennengelernt hat wie einen engen Freund:

Nadine Hahn im Archiv

Nadine Hahn im Archiv, Foto: Thomas Schröder

Als ich im Mai 2014 mit dem Digitalisierungsprojekt zum Archiv von Peter Roehr begann, hatte ich gerade meine Magisterarbeit zum Thema „Das Motiv der Wiederholung bei Peter Roehr“ abgeschlossen. In den vorherigen sechs Monaten drehte sich alles um Roehrs Konzept der „unvariierten Wiederholung“ und wie dieses, auf unterschiedliche Materialien angewandt, verschiedenartige Kunstwerke hervorgebracht hat. Bei meiner Recherche näherte ich mich natürlich auch an die Person Peter Roehr an. Dabei begeisterte mich, wie kontinuierlich er sein Prinzip verfolgte. Eine Konsequenz, wie man sie sich schwer bei einem 23-jährigen Ende der 1960er vorstellen kann. Dieses Bild einer zielstrebigen, selbstkritischen, humorvollen und formgewandten Person verdeutlichte sich während meiner Arbeit an dem Archiv immer mehr und steigerte über Jahre meine Faszination.
Im Frühjahr 1965 produzierte Roehr gemeinsam mit dem damaligen Werbegrafiker Paul Maenz (*1939, heute Galerist und Kunstsammler) eine Mappe, mit der er sich und seine Arbeit bei verschiedensten Galerien, Museen, Kunstkritikern und Journalisten vorstellte. Die Antworten auf seine Mappen sammelte Roehr überaus sorgfältig. So eröffnet das Archivkonvolut durch die Archivierung und Digitalisierung nun detaillierte Einblicke in Roehrs Ziele und Vorgehensweisen. Er selbst notierte in seinen Aufzeichnungen: „Ich möchte, daß meine Arbeiten mal wertvoll werden.“ Roehr erhielt sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Übersendung seiner Mappe, doch er gab auf jede einzelne eine Rückmeldung. In seinen Formulierungen achtete er dabei stets auf professionelle Seriosität. Auf eine forsche, eher freche Ablehnung seiner Arbeiten entgegnete Roehr beispielsweise: „Ich nehme Ihnen also nicht die Ablehnung übel, sondern die Form und die Argumente der Ablehnung.“ Unter den europäischen Zeitgenossen wurde Roehr mit seiner strengen Fokussierung auf sein Konzept immer wieder mit Missbilligung konfrontiert. Erst in der Begegnung mit der Minimal Art konnte Roehr die Bestätigung seiner eigenen Arbeitsweise finden. Seine puristisch anmutenden Werke wurden nun erstmals als Ergebnis komplexer Gedankengänge wahrgenommen.

Besonders die persönlichen Notizen von Peter Roehr haben mein Interesse geweckt, denn in genau 111 Dokumenten kommentiert Roehr selber sein künstlerisches Schaffen. Sie sind gespickt mit Hinweisen auf konkrete Arbeiten, aber auch voll von tiefergehenden Erläuterungen zu seinem künstlerischen Konzept. Dabei bezog er deutlich Position zur Kunst seiner Zeit und äußerte seine Meinung zu Werken anderer Künstler. So tippte er beispielsweise die Zeilen „Bazon Brock ist klasse, und Andy Warhol und Judd und LeWitt, und Handke ist langweilig und Piene schlecht.“ Dem Leser erscheint Roehr durch diese Aufzeichnungen näher und direkter, denn er ließ die Höflichkeit weg, die er in seinen Briefen stets an den Tag legte.
Aber auch seine eigene Arbeit nahm er in den Notizen kritisch in den Blick. Stets beobachtete er die Entwicklung und die Resonanz auf sein Schaffen: „Die Arbeiten, die ich heute nicht mehr machen würde, waren nötig. Die Arbeiten, die ich heute nicht mehr machen will, gefallen den Leuten inzwischen.“ Dies führt soweit, dass er im Frühjahr 1968 beschließt, nicht mehr künstlerisch tätig zu sein. Die Erfahrung der Wirkungslosigkeit seiner Arbeit als Künstler verband ihn mit seiner guten Künstlerfreundin Charlotte Posenenske. Ihre Entscheidung zur Absage an die Kunst, die sie im Mai 1968 als Manifest in der „Art International“ verkündete, reifte in vielen Gesprächen mit Roehr. Dieser veröffentlichte zwar kein Manifest, erläuterte seine Entscheidung aber in Briefen und Notizen.

Untertitel: Brief von Peter Roehr an Adrian van Ravesteijn (Art & Project), Frankfurt am Main, 28.05.1968, Inv.-Nr.: 2014/75.402; © Archiv Peter Roehr, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Brief von Peter Roehr an Adrian van Ravesteijn (Art & Project), Frankfurt am Main, 28.05.1968, Inv.-Nr.: 2014/75.402; © Archiv Peter Roehr, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Roehr brachte seinen Werkkorpus zu einem Abschluss, der so vollendet scheint, dass man sich fragen kann, ob sein Abschied von der Kunst nicht in seinem Werk selbst angelegt war. 1967 kulminierte sein Schaffen in vier außergewöhnlichen Ausstellungen, an deren Konzept er selbst intensiv mitgearbeitet hatte. Roehrs Krebserkrankung, die 1966 diagnostiziert und 1967 als unheilbar eingestuft wurde, schwächten ihn zunehmend, sodass nur die gemeinsame Organisation und die Vorbereitung zusammen mit Maenz ihm ein solch produktives Jahr ermöglichte. Die Ausstellungen „Serielle Formationen“ und „Dies alles Herzchen wird einmal dir gehören“ gelten heute als legendär und nehmen eine zentrale Rolle in der Forschung um die Kunst der 1960er-Jahre in Deutschland ein. Die Vorbereitungen verlangten ihm einiges ab, auch weil er sehr hohe Ansprüche an sich stellte: „Die Zusammenstellung dieser Ausstellung war eine Schweinearbeit. Umsonst mache ich das nicht nochmal.“ Übrigens sieht man Roehrs Perfektionismus und seine eigene Unzufriedenheit mit den von ihm kuratierten Ausstellungen daran, dass er nur mit seiner Einzelausstellung im März 1967 bei Adam Seide „rundum zufrieden“ war.

Vorbereitungen zu der Ausstellung „Dies alles Herzchen wird einmal dir gehören“, aus: 19:45-21:55. September 9th 1967 Frankfurt Germany, hrsg. von Paul Maenz, Frankfurt am Main, 1968, Blatt 3v und 17v, Inv.-Nr.: 2015/32.2; © Archiv Peter Roehr, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Vorbereitungen zu der Ausstellung „Dies alles Herzchen wird einmal dir gehören“, aus: 19:45-21:55. September 9th 1967 Frankfurt Germany, hrsg. von Paul Maenz, Frankfurt am Main, 1968, Blatt 3v und 17v, Inv.-Nr.: 2015/32.2; © Archiv Peter Roehr, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Neben der thematischen Auseinandersetzung mit den Archivmaterialien gehört auch die rechtliche Klärung zum Digitalisierungsprozess, da das Urheberrecht eines jeden Briefes beim Verfasser des Schreibens liegt. Um die Nutzungsrechte für die Onlinedatenbank einzuholen, musste ich zahlreiche von Roehrs Kontakten oder deren Erben ausfindig machen. Da die Briefe mittlerweile vor etwa 50 Jahren verfasst wurden, sind bereits einige deren Urheber verstorben. Doch diejenigen, mit denen ich telefoniert habe, erinnerten sich gerne an Roehr zurück. Ich hörte gerne zu, wenn sie mir Anekdoten berichteten, aber ich musste auch stets eine Grenze ziehen, damit meine Arbeit am Archiv nicht ausufert. Das Potenzial, das darin liegt, ist enorm. Es macht mich stolz, dass meine Arbeit dazu führt, Erinnerungen an Peter Roehr zu wecken und gleichzeitig, durch den digitalen Zugriff, erste Begegnungen mit seinem Werk für Menschen ermöglicht, die ihn bisher noch nicht oder nicht genauer kennen.

 

(Alle Zitate stammen aus den persönlichen Notizen von Peter Roehr.)

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