Das imaginäre Museum/knowing

Liebe, Mond und Schwarzblende

Zum fulminanten Abschluss der Ausstellung „Das imaginäre Museum“ sind alle Kunstwerke entfernt und durch Personen ersetzt, die die Exponate auf ihre persönliche Weise beschreiben, nacherzählen, wiedergeben oder darstellen und sie auf diese Weise zurück ins Bewusstsein rufen. Die Autoren Tilman Rammstedt und Teresa Präauer haben Kurztexte zu einzelnen Werken der Ausstellung verfasst, die sie im Rahmen der zurückliegenden Veranstaltung „Acht Betrachtungen“ erstmals dem Publikum vorgestellt haben. An dieser Stelle stellen wir euch die Anfangssequenzen der beiden Geschichten vor, die von Isa Genzkens „OIL XV & OIL XVI“ und dem Film „Der Lauf der Dinge“ von Fischli/Weiss inspiriert sind.

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Auszug aus „Die Strecke zwischen Zehn und Null“ von Tilman Rammstedt – inspiriert von Isa Genzkens „OIL XV & OIL XVI“

Natürlich wollten wir auf den Mond. Was soll man auch sonst wollen? Alle anderen Wünsche sind doch kleinlich, Trostpreise, Nebenschauplätze, alles andere ist doch nur Vorbereitung und, wenn man genau hinsieht, vollkommen falsch. Ich glaube niemandem, der von sich behauptet, nicht auf den Mond zu wollen, auch wenn man sich das vielleicht selbst längst glaubt, auch wenn man sich gründlich eingeredet hat, es gäbe doch wirklich Wichtigeres und das mit dem Mond sei nur eine fixe Idee, die kurz aufflackert, wenn er groß und gelb und mahnend über einem hängt und man das, womit man gerade noch zu tun hatte, auf einmal nicht mehr richtig versteht. Aber wir wollten wirklich auf den Mond. Der Commander und ich. So schnell wie möglich. Wir wollten nichts Unverständliches mehr.
Und natürlich hatten wir schon alles geplant. Also noch nicht wirklich alles, noch nicht die Details, aber zumindest das Schlussbild stand fest. Wie wir dort stehen würden, verliebt wie nie, am Ende unserer Fußabdrücke. Vor uns die Erde, die zwischen Daumen und Zeigefinger passt, und um uns herum nichts oder nichts, was der Rede wert wäre. Und wir wollten gemeinsam Hand in Hand vom Mond hinunterspucken, und ja, wir wussten natürlich, dass das unmöglich war, wir waren ja nicht blöd, aber wir wollten es zumindest versuchen und dann lachen, wenn es nicht gelang, Hand in Hand. Man kann aber nicht einfach so zum Mond fliegen, zum Glück, denn sonst wäre er ja auch nur irgendein Ort. So ein Mondflug braucht Vorbereitung und Planung und Entschlossenheit, vor allem Entschlossenheit. Man muss entschlossene Listen schreiben und sie Punkt für Punkt entschlossen abarbeiten. Und auf unserer Liste stand als erster Punkt „Verlieben“.


Auszug aus „Der Lauf der Dinge“ von Teresa Präauer – inspiriert von Fischli/Weiss „Der Lauf der Dinge“

Der Lauf der Dinge im Leben zweier Menschen ist doch, verdammt nochmal, immer der gleiche: Sie treffen aufeinander, es kommt zur chemischen Reaktion, unmittelbar, und etwas dreht sich, etwas bewegt sich, etwas explodiert. Und wozu das Ganze? Ja, wozu das Ganze. Am Ende übrig bleiben Rauch und Nebel, als wäre eben der Teufel durchs Szenenbild spaziert, und wenn dann die Schwarzblende einsetzt, ist das beinah eine Erlösung. Die meisten Filme enden mit einer Schwarzblende, und das bedeutet schlicht, dass das letzte Bild mit einem harten Schnitt abtritt und mit dem darauffolgenden schwarzen Bild schon der Nachspann einsetzt. Es kann auch ein weicher Übergang sein, bei dem das Schlussbild langsam ausfadet und das Schwarz dadurch langsam, dennoch immer mehr, in den Vordergrund tritt, doch auch dieser weiche Schnitt ist eine sogenannte Schwarzblende und bedeutet damit das Ende.

Rauch, Nebel, Schwarz und Ende: Das klingt so pessimistisch wie der Satz, den man so oft zu hören bekommt: Ihre Beziehung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Eine Phrase, so oft und oft wiederholt, bis endlich, endlich ihre Richtigkeit unter Beweis gestellt sein wird: Ihre Beziehung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei werden so viele Fragen nicht gestellt: Wo genau ist der Anfang eigentlich gewesen? Wer urteilt und verurteilt? Und was ist Scheitern? »Scheitern im Sinne von Fischli/Weiss bedeutet den Fortlauf der Dinge, das Weiterdrehen, Weiterbewegen, Explodieren. Geht ein Ding zu Bruch, setzt es erst dadurch das nächste in Gang.
Die vollständigen Texte gibt es nachzulesen in dem Sammelband “Acht Betrachtungen II. 8 Autoren. 8 Kunstwerke”, erschienen bei Henrich Editionen und erhältlich im MMK Shop. ISBN: 978-3-943407-64-8

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