Das imaginäre Museum/knowing

Spiegelungen der Imagination

In seinem Gastbeitrag zur Ausstellung „Das imaginäre Museum“ untersucht Martin Seel – Professor für Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt und Gründungsmitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ – die scheinbaren Gegensätze im Konzept der Ausstellung und Denkpfade, die zeigen wie ein reales Museum gleichzeitig auch ein imaginäres sein kann.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Martin Seel

Eine Ausstellung unter dem Titel „Das imaginäre Museum“ ist eine paradoxe Angelegenheit. Denn das, was in der aktuellen Ausstellung des MMK 2 zu sehen ist, sind ja höchst reale Objekte. Die Ausstellung führt in ein Spiegelkabinett der Imagination, das gerade die bildenden Künste auf eine spektakuläre Weise eröffnen können.

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Joseph Kusoth, Clock (One and Five), 1965, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Axel Schneider

Um dieses zu betreten, müssen Betrachterinnen und Betrachter bereit sein, die zur Schau gestellten Werke selbst als imaginative Objekte anzuerkennen. Sie bieten etwas dar, was nur in ihrer Gegenwart zu vernehmen ist. Hierfür ist eine imaginative Aneignung auf Seiten der Betrachter verlangt: die Fähigkeit, den Impulsen der Objekte aus eigenem Antrieb zu folgen. Objekte der Kunst aber leben nicht nur von, sie leben auch in der Imagination ihrer Betrachter – und sie leben dort fort. Sie infizieren unsere Wahrnehmung und unser Denken durch bildgestützte Erinnerungen oder Vorstellungen. Gleichzeitig machen sie ein ums andere Mal vor, wie eng Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination im menschlichen Bewusstsein miteinander verschwistert sind.

Jedoch gibt es Künstler, von denen es heißt, sie hätten der Kunst zusammen mit dem sinnlichen Erscheinen auch die Imagination ausgetrieben. Es gibt sogar Künstler, die dergleichen zu ihrem Programm erhoben zu haben scheinen. Joseph Kosuth beispielsweise, einer der Heroen der Conceptual Art, ließ 1969 verlauten, der Weg „from ‚appearance‘ to ‚conception‘ was the beginning of ‚modern‘ art and the beginning of conceptual art. All art (after Duchamp) is conceptual (in nature) because it only exists conceptually.“ Dass das weniger als die halbe Wahrheit ist, demonstriert aufs Schönste Kosuths eigene Installation Clock (One and Five) aus dem Jahr 1965. Nebeneinander aufgereiht sieht man eine Uhr, ein Foto derselben und drei stark vergrößerte Lexikonartikel zu den Stichworten „Zeit“, „Maschine“ und „Objekt“. Nichts davon existiert nur begrifflich, schon gar nicht die Texttafeln, die in der Vergrößerung aussehen, als seien sie von Hand gemalt. Entfacht wird ein Spiel mit dem Verhältnis von Darstellung und Dargestelltem, Bild und Text, Zeichen und Zeichnung, Gesagtem und Gezeigtem, das nur in Gang bleibt, solange man in der Anschauung dieses Arrangements verweilt. Mit nochmals gesteigerter Ironie inszeniert Marcel Duchamp im Jahr 1963 ein sinnenfreudiges Spiel den Stationen seiner eigenen künstlerischen Entwicklung in Gestalt minimaler Reproduktionen. In seiner Boîte („Schachtel“) ließ sich – frei nach dem Motto „omnia mea mecum porto“ („Alles Meinige trage ich mit mir.“) – alles zusammengefaltet unterbringen und auf eine Wanderausstellung mitnehmen. Dieses imaginäre Museum im Aktentaschenformat ist nichts Geringeres als eine vorweggenommene Parodie der Lehren, die aus seinem Werk gezogen wurden.

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Marcel Duchamp, Boîte, Paris 1964, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto/photo: Axel Schneider

Ein anderer Slogan, der seinerzeit Furore machte, stammt von Frank Stella: „What you see is what you see.“ Beim Wort genommen, zielt dieser Satz aus einer entgegengesetzten Richtung auf dieselbe Konsequenz wie das Statement von Kosuth: Nur das im Bild Sichtbare ist da; es – das Bild – imaginiert so wenig wie die Betrachter vor ihm zu einer imaginativen Einlassung aufgefordert sind. Stella äußerte diesen Satz als Kommentar zu seinen „Black Paintings“. Diese zeigen geometrische Konfigurationen, die sich aus der durchscheinenden Leinwand zwischen schwarzen Pinselstrichen ergeben. Die bekanntesten unter ihnen jedoch tragen Titel wie „Die Fahne hoch“ und „Arbeit macht frei“, die auf die Gräuel der Nazi-Zeit hinweisen. Das allein zeigt schon, dass Stellas Selbstkommentar über sich hinaus weist. Denn durch die schmalen Spalten zwischen den dunklen Farbbahnen erzeugen die „Black Paintings” eine beunruhigende Raumtiefe, die ihren Betrachtern ein Eingedenken des Raums der Geschichte und der Undarstellbarkeit des absoluten Schreckens zumutet.

Mit Werken wie „Rabat“ aus dem Jahr 1964 hat Stella seine lebenslange Erkundung des Bildraums ins Helle und Leuchtende überführt. Sieht man das Gemälde von Weitem, so scheinen sich die gelben und blauen Streifen auf der rechten Bildhälfte in ihrem asymmetrischen Zulaufen auf diejenigen auf der linken Seite nach innen zu wenden. Das Bild wölbt sich gleichsam in sich selbst hinein. Auf seiner zweidimensionalen Fläche imaginiert es einen virtuellen Raum, deren Besetzung der Imagination seiner Betrachter überlassen bleibt.

Nicht primär die Bewegung des Raums, sondern die der Zeit dramatisieren die beiden ebenfalls, wie es der Fachjargon will. „Konzeptualistischen“ Werke von On Kawara in der Ausstellung. Aber auch sie leben von der Signifikanz ihres Erscheinens. Für seine Serie der „Date Paintings“ hat sich der Künstler ein ums andere Mal der Übung unterzogen, an unterschiedlichen Orten der Welt an jeweils einem Tag mit größter Sorgfalt ein Bild zu malen, das in einer anonymen Schrift auf schwarzem Grund nichts als das Datum des betreffenden Tages zeigt. Das in der Ausstellung vertretene Exemplar trägt die Inschrift „JAN.1.1984“. Mit meditativer Geste beschränkt es sich auf die Nennung des bloßen kalendarischen Namens dieses einen Tages. Es zitiert diesen herbei, ohne auch nur das Geringste der damaligen Geschehnisse wiederzugeben. Durch diesen Verzicht bezieht sich das Bild aber auf alles, was an diesem Tag wirklich und möglich war. Es lässt die Fülle dieses vergangenen Weltaugenblicks in seiner Abwesenheit anwesend sein.

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On Kawara, One Million Years, 1999, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © On Kawara, Foto/photo: Axel Schneider

Auf eine andere Weise ruft Kawaras Projekt One Million Years – Past/Future die Dimension einer weit in Vergangenheit und Zukunft sich erstreckenden Zeitreihe ins Gedächtnis. Obwohl dies ein Werk ist, das für alle, die überhaupt zählen können, überaus leicht memorierbar ist, evoziert es die Unfasslichkeit der geschichtlichen Verläufe, inmitten derer sich die kurze Weile menschlichen Erlebens vollzieht. Zumal in seiner Vertonung als ein nicht enden wollendes, einem unerbittlichen Rhythmus folgendes Oratorium führt es seine Hörer an die Grenzen ihrer bildlichen Vorstellungskraft. Dieser nichts erzählende, sondern allein zählende Sprechgesang ist und verlangt eine Imagination der Zeit selbst.

So gesehen, betreten wir in den Räumen dieser Ausstellung zwar nicht wirklich ein imaginäres Museum, aber doch – auch und gerade angesichts seiner vermeintlich sprödesten Objekte – ein imaginierendes Museum, das sein Spiel mit den Spielen unserer Einbildungskraft spielt.

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