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Tagungsbericht „Museen ohne Wände“

Die Etablierung der ersten Museen geht auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Dass sie seitdem einem kontinuierlichen Wandel unterworfen sind, der insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren Impulse von künstlerischer Seite erfahren hat, machte am 2. Juli 2016 die Tagung Museen ohne Wände am MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt deutlich. Sie fand im Rahmen der dort bis zum 4. September 2016 laufenden Ausstellung Das imaginäre Museum. Werke aus dem Centre Pompidou, der Tate und dem MMK statt und wurde durch das Kunstgeschichtliche Institut der Goethe Universität, den Studiengang Curatorial Studies und das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main organisiert.

Gastbeitrag von Benedikt Seerieder und Katrina Weissenborn

Die Ausstellungs- und Tagungstitel gehen auf den 1947 erschienenen Essay Musée imaginaire von André Malraux zurück, der in der englischen Übersetzung Museum Without Walls (1949) lautet. Von den neuen Möglichkeiten der Fotografie beflügelt entwarf Malraux darin die Idee eines Museums in Papierform, das ein jeder anhand einer individuellen Fotosammlung erstellen kann. Die historischen, politisch-geografischen, baulichen oder materiellen Grenzen, welche die Arbeit in einem realen Museum bedingen, sind in Malraux’ Entwurf nicht mehr gegeben. Sein Konzept des imaginären Museums regt dazu an, visuelle Verwandtschaften und universelle Zusammenhänge einer alle Zeiten und Kulturen umschließenden Kunst darzulegen.

Malraux

André Malraux, 1954, Foto: Maurice Jarnoux/Paris Match

Bereits zwischen 1935 und 1941 nahm Marcel Duchamp das Konzept des „Museums ohne Wände“ gewissermaßen vorweg mit seinem monografischen Miniaturmuseum im Koffer, die Boîte-en-Valise. Es versammelt Reproduktionen seiner Hauptwerke, darunter auch Versionen seiner gefundenen Alltagsobjekte, sogenannte Readymades.

Malraux’ und Duchamps Museumsfiktionen können als Gegenmodell zur etablierten Institution gelesen werden und bereiten auf die institutionskritischen Ansätze zahlreicher Künstlerinnen und Künstler ab den 1960er Jahren vor, die durch Happenings und konzeptuelle Arbeiten das Betriebssystem Museum zu durchleuchten begannen.

Nach einer Einführung durch Prof. Christian Spies und Stefanie Heraeus (Goethe Universität) nahm Prof. Dieter Daniels (Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig) in seinem Vortrag „The imaginary readymadeBezug auf Marcel Duchamp. Daniels legte dar, dass Duchamp das Readymade anfänglich weder als Kunstwerk präsentierte, noch seine Rezeption als ein solches beabsichtigt hatte. Was in Duchamps Atelier 1914 als privates Experiment und Gedankenspiel begann, fand erst über Umwege mit einem zeitlichen Abstand von etwa 50 Jahren eine breite Rezeption im Kunstkontext. Bis auf den Kamm (1916) sind die originalen Readymades nicht mehr vorhanden. Stattdessen zirkulieren heute teils aufwendig gefertigte Nachbildungen der Readymades, die Duchamp in den 1960er Jahren auf Grundlage von Fotografien der Originale oder aber anhand der Miniaturen aus seinem Koffermuseum produzieren ließ. Sie erwecken den Anschein, es handle sich bei ihnen um ursprünglich gefundene Alltagsobjekte der 1920er Jahre, sie sind aber in Wahrheit Multiples und Remakes. Daniels plädierte daher dafür, die zeitlichen und materiellen Differenzen der Readymades sowie deren Genese in den Ausstellungen für die Besucher sichtbar zu machen.

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Marcel Duchamp, Boîte, Paris 1964, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Axel Schneider

Prof. Sebastian Egenhofer (Universität Wien) sprach in seinem Vortrag über Marcel Broodthaers Musée d’Art Moderne, Département des Aigles. Von 1968 bis 1972 entwickelte Broodthaers in mehreren Ausstellungen diese frühe Museumsfiktion und wies damit auf die Rolle und die Bedeutung der Institution Museum für das kulturelle Gedächtnis hin. Indem er traditionelle Museumspraktiken mittels Appropriation und Variation in seinem selbst gegründeten, fiktiven Museum übernahm, reflektierte er die Institution in seiner multifunktionalen Rolle als Künstler, Kurator, Kustos und Museumsgründer. So adaptierte er beispielsweise den schützenden Archivcharakter der Museen, um hervorzuheben, dass er die darin versammelten Kunstwerke nicht als Handelsware verstand. Das Museum sei keine „Flaschenpost“ – darunter verstehe Broodthaers, laut Egenhofer, das nicht-musealisierte Kunstwerk, das ungeschützt der fragilen Zirkulation des Kunstmarktes ausgesetzt sei. Egenhofer legte in seinem Vortrag eine Betrachtung von Broodthaers als Museumsverfechter nahe und stellte damit die geläufige Zuschreibung Broodthaers’ als Institutionskritiker in Frage.

Wie bei Broodthaers lösten sich viele künstlerische Positionen ab den 1960er Jahren von tradierten Formen und fanden neue Ausdrucksmöglichkeiten, unter anderem in sozialer Plastik, Performance oder Happening. In diesem Kontext betrachtete Dirk Hildebrandt (Goethe Universität) das Museum im Zeichen der Entgrenzung und Immaterialisierung der Künste in seinem Vortrag „Das Museum als Funktion. Allan Kaprow und die Genese des Happening”. Hildebrandt machte deutlich, dass Kaprow den Kunstmarkt unterwanderte und sich den Ort des Museums aneignete: Im Happening löst der Ausstellungsraum das Atelier ab, Produktion und Präsentation finden gleichzeitig statt und sind somit immateriell und ephemer. Das Happening kann nur dort für die Zeit der Aktion erlebt werden und stellte zum Zeitpunkt seiner Genese das Museum in seiner Grundidee in Frage. Wie können heute diese Aktionen im musealen Kontext visuell erinnert und für die Nachwelt aufbereitet werden? Was passiert, wenn diese einmaligen, orts- und zeitgebundenen Ereignisse re-inszeniert werden? Seit den 1990er Jahren führen Kunstmuseen Kaprows Aktionen erneut auf. Sie entfremden die Aktionen zwar von ihrem Entstehungskontext, machen sie aber nochmals erfahrbar. Hildebrandts Analyse veranschaulichte somit den Prozess zwischen zeitbasierter Erfahrung des Kunstwerks und seiner Musealisierung.

Die Vortragsreihe schloss Prof. Anne-Marie Bonnet (Universität Bonn) mit einem Statement über „Das Museum meiner Träume“ ab. Was als kritische und durchaus polemische Bestandsaufnahme begann, wandelte sich zu einem zukunftsgerichteten Wunsch nach einem Wandel tradierter Museumsformen hin zu öffentlichen Orten des Austauschs, der Transparenz und der Selbstreflexivität.

Aus den Vorträgen ergaben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Ausstellung Das imaginäre Museum, durch die Peter Gorschlüter (MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main) zum Abschluss der Tagung führte. Vor den dort präsentierten Originalen, wie Marcel Broodthaers’ La Soupe de Daguerre, der Boîte von Marcel Duchamp sowie den künstlerischen Museums- und Ausstellungsfiktionen von Robert Filliou, Mark Brusse und Reg Butler, wurden die Tagungsergebnisse diskutiert und vertieft. Wie divers und vielgestaltig ein Museum sein kann, machten diese künstlerischen Reflektionen deutlich und so das Tagungsthema konkret erfahrbar.

 

 

 

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