Croissant. Absolventen der Städelschule

Wachsen und Gedeihen #2

Die Ausstellung der Absolventen der Städelschule (2016) steht unter dem willkürlich gewählten, aber sehr passenden Titel: „Croissant“. Als halb scherzhafte Metapher fürs Wachsen und Gedeihen wurde der Titel von den Absolventen selbst ausgesucht.

Die Vielfalt ihrer künstlerischen Ansätze und Themen ist groß: In den Räumen des MMK 3 sind Arbeiten in unterschiedlichsten Medien wie Malerei, Video, Installation, Performance sowie Skulptur zu sehen. Es lohnt sich diese heranwachsende Künstlergeneration zu entdecken und ihr beim Wachsen zuzuschauen.

 

Chloé Malcotti „A l’est, ailleurs, sans fil.“ (2016)

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Die alte Textilfabrik Rhodiacéta in Besançon wurde nach dem Tod des Dokumentarfilmers Chris Marker, der mit den dortigen Arbeitern mehrere Filme gedreht hatte, zu einem symbolischen Ort. Nun wird die Anlage niedergerissen, um etwas Neues aufzubauen. Der Abriss wirft einige Fragen auf: Sollten wir etwas vor der Zerstörung bewahren und wie? Während dieses Prozesses verändern sich die Erinnerungen an diesen Ort und versteinern zu neuen Formen, zu Architektur, zu Spuren, zu heimischen Formen. Der Film-Essay beobachtet besonders die Gesten und ihre Bedeutung, im Einsatz, innerhalb dieser Kristallisation.

The old Rhodiacéta factory in Besançon became an emblematic site after the passing of Chris Marker and his collaboration with the workers in the making of various films there. Today the site will be demolished in order to create something new. The demolition raises some questions: Should we keep something?, what?, and how ?  During this process, the memories that are attached to the site are morphing, and fossilizing themselves into different shapes. Into architecture, into signs, and into vernacular forms. The film-essai focuses on the gestures and their meanings, in action, within this crystallization.

 

Xerxes Oakman „Untitled“, „It’s Been Emojinal“, „Untitled (Schmetterling)“ (2016)

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Für Xerxes Oakman geht es in der Kunst in erster Linie um Freiheit. Kunst ist ein Bereich, in dem eine Person die Regeln und Vorschriften des alltäglichen Lebens umgehen kann. Aus einer Entscheidung heraus, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu dieser Freiheit steht, hat Oakman seine eigene Kunst Fabrik gegründet. Diese Fabrik produziert hauptsächlich Gemälde, aber auch andere Kunstgegenstände.

Die Fabrik wird jedoch nicht nach dem Beispiel des Fordismus geführt, sondern gibt den Mitarbeitern große Freiheit in der Art und Weise ihre Arbeit auszuführen. Dennoch neigt Herr Oakman von Zeit zu Zeit dazu, seinen Mitarbeitern eine inspirierende Rede zu halten: Oakman sagt seinen Mitarbeitern, dass jedes Kunstwerk wie ein Leuchtturm und/oder eine Batterie sein sollte, die Energie für den Betrachter bereithält. Oakman sagt seinen Mitarbeitern, dass sie versuchen sollen, die Farben in den Arbeiten wie elektromagnetische Wellen schwingen zu lassen. Oakman sagt seinen Mitarbeitern, dass Kunstwerke wie Fisch seien; wenn sie zu trocken gerieten, würden sie vertrocknen und sterben. Oakman sagt seinen Mitarbeitern auch, dass Kunstwerke wie Pflaumen seien; wenn sie frisch und saftig seien, wären sie besonders schmackhaft. Momentan ist Xerxes Oakman der einzige Mitarbeiter, der in Xerxes Oakmans Kunstfabrik beschäftigt ist.

For Xerxes Oakman art is first and foremost about freedom. Art is an area where a person can circumvent the rules and regulation of ordinary everyday life. In a move that at first glance may look to be contrary to that of freedom, Oakman has started his own art factory. This factory mainly produces paintings but also other art objects. The factory is not run according to the Fordist model, but instead it gives its workers a great deal of freedom in how to carry out their work. Although Mr. Oakman likes, from time to time, to give his workers an inspirational speech:

Oakman tells his workers that each artwork should be like a beacon and/or a battery, that is storing energy ready for transfer to a viewer. Oakman tells his workers that they should try and make the colors in the works vibrate at an ultra-high frequency. Oakman tells his workers that artworks are like fish; if they get too dry they wither and die. Oakman also tells his workers that artworks are like plums; if they are fresh and juicy they are really tasty. At the moment the only worker hired at the Xerxes Oakman Art Factory is; Xerxes Oakman.

 

Ikue Higuchi „Someones Portrait“ (2016)

Ikue Higuchi Someones Portrait2Ich mache Porträts, die das Subjekt nicht eindeutig wiedergeben. Mir ist wichtig, nicht zu zeigen, um wen es sich handelt, weil mich der Moment interessiert, an dem die Fantasie des Betrachters einsetzt und das hängt von den Betrachtern und ihrer Persönlichkeit ab. Wenn die Betrachter auf ihre Fantasie vertrauen, ist es unwichtig, welches Bild sie sich am Ende vorstellen, da es keine richtige Definition gibt und es davon abhängt , was sie in ihrem bisherigen Leben gesehen und erlebt haben. Fantasie ist etwas sehr persönliches – darum finde ich es interessant, die Betrachter dazu zu bringen, ihre Vorstellungskraft zu nutzen, indem ich sie mit meinen mehrdeutigen Bildern konfrontiere.
Ich verbinde die Porträts mit Kleidungsstücken, was auf der Idee basiert, dass Menschen je nach Kleidung, die sie tragen, bewusst oder unbewusst unterschiedlich wahrgenommen werden. Kleidung kann dazu genutzt werden, das eigene Aussehen zu verändern, das Selbstbewusstsein zu steigern oder Unterlegenheit zu kaschieren. Diese beiden Aspekte meiner Arbeit stehen im Widerspruch zueinander, sind aber beide dem Prozess des „Imaginierens“ zuzuordnen. Ich möchte herausfinden, wie sie zusammenhängen und was das für mich persönlich bedeutet.

I’ve been working on portraits that don’t give clear descriptions of the subject. It is important for me not to show who it is because I’m interested in the point the viewer’s imagination takes over and this depends on the viewer and their personality.
When the viewer relies on their imagination, it doesn’t matter what kind of image they create as there is no correct definition because each viewer relies on what they have seen or experienced in their own lives. As the imagination is very personal, I think it’s interesting to make viewers use their imaginations by making these ambiguous portraits.  I combine this with pieces of garment based on the concept that wearing clothing changes how the wearer is perceived, either intentionally or unintentionally. Clothing can be used in many ways   to change appearance to enhance confidence or hide inferiorities. I think these two elements in my work are opposite to each other but connected to the act of “imagining”. I want to find out how they are related and what it means to me personally.

 

Franziska Wildt „Ruin“, „Verlorene Form“, „Gold“, „Marmor“ (2016)

Franziska Wildt Performance

Die Videoinstallation Verlorene Form, die Installation Gold und Marmor und auch die dazugehörige Performance Last, die ich gemeinsam mit der Tänzerin Nama Miwa entwickelt habe, sind in Auseinandersetzung mit den tänzerischen und bildhauerischen Produktionen der Künstlerin Oda Schottmüller und dem literarischen Werk von Peter Weiss entstanden.

Peter Weiss’ Buch Ästhetik des Widerstands beginnt mit einer Ekphrase, die den Fries des Pergamon Altars in Berlin beschreibt. Weiss’ Protagonist, ein junger Kommunist und Anhänger des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, trifft im Jahr 1937 seine Freunde im Pergamon Museum, um mit ihnen über den Fries zu diskutieren. In der Unterwerfung der Giganten durch die Olympischen Götter sehen sie die Unterdrückung der Sklaven, die den Altar erbauten und erkennen darin auch ihren eigenen Kampf wieder. Wenn sie in die zerschlagenen Gesichter der Ge und ihrer Kinder schauen, erblicken sie also letztlich sich selbst.

Arthur Danto hätte diesen Prozess vermutlich folgender Maßen beschrieben: “The not unfamiliar experience of being taken out of oneself by art … is virtually the enactment of a metaphoric transformation with oneself as subject: you are what the work ultimately is about, a commonplace person transfigured…” Die Transfiguration, die durch diese Weise der Betrachtung erfolgt, bedeutet einerseits das Kunstwerk von jener Herrschaft zu befreien, die zu repräsentieren es erschaffen wurde, andererseits wird es dabei zugleich Teil eines breiteren Widerstands gegen solche Unterwerfung.  

Gegenwärtig sind autoritäre Ideologien offenbar so populär, wie seit siebzig Jahren nicht mehr. In Deutschland und anderen europäischen Ländern, in den USA und in der Türkei, wo der Pergamon Fries ursprünglich erbaut wurde, sind antidemokratische, nationalistische und rassistische Ideen auf dem Vormarsch. Wenn ich heute die Ästhetik des Widerstands lese und ein 3D-Modell des Pergamon Frieses im Internet betrachte, kommt es daher zu einer ähnlichen Transfiguration: In den Handlungen und Gedanken der Romanfiguren, jener Studenten, Intellektuellen, Künstler und Arbeiter, die Widerstand leisteten gegen den Nationalsozialismus, erblicke ich jetzt die Sorgen und Kämpfe unserer Zeit.

Unter den Künstlern, die sich im sozialistischen Widerstand engagierten und die Peter Weiss in seinem Roman wieder aufleben lässt, war auch Oda Schottmüller, eine Tänzerin und Bildhauerin, die ihre beiden Begabungen in performativen Tänzen auf ungewöhnliche Weise zusammen führte. Sie verwendete dabei Objekt und Masken, sodass es den Anschein hatte, die Bildhauerin werde zur Skulptur und die Skulptur zu Bewegung.

Sie war gegen die Diktatur und den Krieg, gegen den Hass und die Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten, sie war außerdem kritisch gegenüber dem kapitalistischen Wirtschaften und seinen Auswirkungen auf die Kunst. Im Laufe des Krieges wurden auch ihre künstlerischen Arbeiten immer politischer. In einer ihrer letzten Performances, 1942, zeigte sie zwei Tanzminiaturen mit dem Titel „Gold“ und „Der Letzte“, in denen sie ihre Kritik sehr offen zum Ausdruck brachte.

1943 wurde Oda Schottmüller, auf Grund ihres politischen Engagements, von den Nazis ermordet. Ihre Arbeiten wurden nicht Teil des Kanons, denn sie starb als ihre künstlerische Karriere gerade erst begonnen hatte. Ich habe deshalb versucht einige ihrer ästhetischen Ideen in meiner eigenen künstlerischen Praxis wiederaufzugreifen und hoffe sie dadurch auch für den heutigen Diskurs zugänglich zu machen.

Dieses Bestreben war jedoch ein negativer Prozess, denn Oda Schottmüllers Werk bleibt unwiederbringlich verloren, kann nicht wiederhergestellt, sondern nur indirekt erschlossen werden. So ist schließlich eine verlorene Form entstanden, eine negative Form, die im bildhauerischen Arbeiten, beim Reproduzieren des Positiv eines Objektes erzeugt wird. Die negative Form funktioniert teilweise wie eine Maske, die das Bild des 3D-Modells des Pergamon Frieses verdeckt, während sein Schatten zum Fragment im Bild des Frieses wird.

The video installation Verlorene Form (Lost Form), the installation Gold und Marmor (Gold And Marble), and the corresponding performance Last, developed together with the dancer Nami Miwa, were influenced by the writing of Peter Weiss and the art works of Oda Schottmüller.

The video in Verlorene Form starts with a fragment of an ekphrasis from Peter Weiss novel The Aesthetics Of Resistance. The scene takes place in the Pergamon museum in Berlin, 1937, where the narrator, a young communist, meets with his friends to discuss their perceptions of the frieze. In the Giants, crushed by the Olympian Gods, they see the embodiment of the slaves who build it, and in turn, recognize their own political struggle in the oppression of these slaves, who might have looked at the frieze with the same urge for liberation.

Arthur Danto has described this process as “The not unfamiliar experience of being taken out of oneself by art … (it) is virtually the enactment of a metaphoric transformation with oneself as subject: you are what the work ultimately is about, a commonplace person transfigured…” By looking at the artwork in this particular way, it is reclaimed from the sovereign power, which it was meant to represent, and through this transfiguration, it becomes part of a broader struggle for liberation.

Today, authoritarian ideologies are on the rise again. In Germany and other European countries, in the United States, and of course in Turkey, where the origin of Pergamon frieze lies, antidemocratic, nationalist and racist ideas are propagated and gain influence. When I am reading Peter Weiss‘ novel today, when I’m look a 3d model of the frieze in the internet, I therefore experience a similar transfiguration: In the thoughts and actions of the figures in the book, of these students, intellectuals, artists and workers who were resisting against the oppression of national socialism, I see the concerns and struggles of our time reflected.

One of the artists, who were active in the resistance, and who Peter Weiss describes in his novel, was Oda Schottmüller. She was a dancer and sculptor, who fused her two talents through her performative dances, using objects and masks, turning the sculptor into sculpture and transforming the sculpture into movement.

She was against the dictatorship and the war, against the hatred and the persecution of Jews and other minorities, also she was critical of capitalism and it’s effects on art. Throughout the war her work became more political. In one of her last performances 1942, she presented two dance miniatures called Gold, and The Last, in which she very openly expressed her criticism.

In 1943, Oda Schottmüller was murdered by the Nazis, due to her political engagement in a socialist resistance network, often referred to as the „Red Chapel“. Her work, did not become part of the canon because she was killed in the beginning of her artistic career. What I tried, was to reclaim some of her aesthetic ideas for my own art practice, and through this hopefully also for contemporary discourse.

This endeavor was, however, a negative process, because her work still remains irretrievably lost. What finally emerged was therefore a negative from, which, in a certain sculpture making processes, results when one tries to reproduce a positive of an object. This negative form partly functions like a mask, obscuring the video images of the 3d model of the Pergamon frieze, while at the same time, its shadow becomes a fragment within the image of the frieze.

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