Das imaginäre Museum

Ein Museum ohne Mauern

Stell dir vor, in 36 Jahren ist alles verschwunden, was einmal Kunst war. Das Museum als Ort der Kunst wird dann nur noch in deinem Kopf existieren und es liegt an dir, dieses Erbe zu bewahren. In unserer Ausstellung „Das imaginäre Museum“ wird dieses dystopische Szenario Wirklichkeit. Bereits der französische Politiker und Schriftsteller André Malraux hat mit diesem Gedanken experimentiert und sein Konzept des „Musée imaginaire“ entworfen. Fotografische Reproduzierbarkeit spielte dabei die entscheidende Rolle, sie war zur damaligen Zeit eine echte Sensation und stellte die Kunstwelt regelrecht auf den Kopf.

Malraux

André Malraux, 1954, Foto: Maurice Jarnoux / Paris Match

Malraux war nicht nur Schriftsteller, neben seiner Beschäftigung mit Kunst setzte er sich als Mitglied der kommunistischen Partei auch aktiv gegen den Faschismus ein. Später engagierte er sich im Spanischen Bürgerkrieg für die Republikaner und schloss sich der Regierung von Charles de Gaulle an. Nachdem er sich aus der Politik zurückgezogen hatte, widmete er sich wieder seiner Leidenschaft der Kunst und publizierte unter anderem seine Trilogie „Le Musée imaginaire.“

In diesem Werk verknüpft er jeweils auf Doppelseiten angeordnet Abbildungen von Kunstwerken. Die fotografischen Aufnahmen gelten ihm als Repräsentanten der Kunst an sich. Ausgangspunkt für Malrauxs Konzept ist die Rolle der Museen für die Kunstbetrachtung im 20. Jahrhundert. Dabei sei zentral, dass die Kunstwerke im Museum dekontextualisiert würden,um in neue Zusammenhänge gestellt zu werden.

Malraux verweist zudem auf die Beschränktheit der Museen. Nicht alle Kunstwerke, wie nicht transportierbare Fresken oder Monumente, können ausgestellt werden. Kunstinteressierte sind gezwungen beschwerliche Reisen auf sich zu nehmen, um weit entfernte Kunstwerke zu sehen. Als Lösung bietet Malraux hier die fotografische Reproduktion, mit der sich Kunstwerke losgelöst von Raum und Zeit zu einer umfassenden Gesamtschau vereinen lassen. Geographisch, historisch und kulturell weit voneinander entfernte Werke können so ein Archiv bilden, das kein reales Museum bieten kann. Durch das Medium der Fotografie werden die Funktion und die Wahrnehmung von Kunstwerken grundlegend neu bestimmt. Während der Kunsttheoretiker Walter Benjamin in der Fotografie einen Verlust von künstlerischem Wert sieht, begreift Malraux die Entwicklung als einen Fortschritt, mit dem die Kunst in der Moderne ankommt.

So sind wir wieder in der Gegenwart und bei der Frage, wie wichtig heutzutage Bilder als Kommunikationsmedium geworden sind. Für uns ist es selbstverständlich, dass wir eine memorierbare Vergangenheit schaffen, indem wir unsere Gegenwart fotografieren. Social Networks setzen verstärkt auf die Kommunikation von Inhalten über das Teilen von Bildern. Instagram oder Pinterest sind Beispiele dafür, wie wir unsere eigenen Bilderdatenbanken anlegen, um Erinnerungen oder Inspirationen bewusst zu inszenieren. Wir werden so zu Kuratoren in unserem privaten Bildermuseum. Wie wir mit der Gegenwart umgehen, verändert die Art, wie wir in Zukunft Dinge erinnern werden. Die permanente Verfügbarkeit der Bilder birgt die Gefahr den authentischen Moment des Erlebens nicht mit allen Sinnen in unserer Erinnerung zu verankern.

Gastbeitrag von Laura Gerth

 

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