Kader Attia

Das Konzept der „Reparatur“ bei Kader Attia

Kader Attia nutzt in seinen Werken die Erfahrung, in zwei unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen zu sein. Dabei konzentriert sich seine künstlerische Praxis seit einigen Jahren auf das Konzept der „Reparatur“ als Grundzug der menschlichen Kultur und Natur. In seiner Auseinandersetzung mit verschiedenen Bereichen der westlichen und nichtwestlichen Kultur kommt er zu dem Schluss, dass jedes System des Lebens ein unendlicher Prozess von Reparaturen ist. Weltweite Anerkennung erlangte er mit der Installation The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures, die er auf der dOCUMENTA 13 präsentierte. Klaus Görner, Kurator der Ausstellung Sacrifice and Harmony, erklärt das Konzept:

Ausgehend von Fundstücken in ethnologischen Museen, die von ihren ursprünglichen Besitzern repariert wurden und deshalb meist nicht ausgestellt werden, veranschaulicht Kader Attia zwei unterschiedliche Modelle der Reparatur. Die geflickten Gefäße, Statuetten oder Schrifttafeln zeigen ganz offensichtlich die Nähte und Klammern und damit die Geschichte des jeweiligen Gegenstands. Die westliche Vorstellung dagegen verfolgt das Ideal der spurlosen Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Die beiden Modelle werden nun in einer Fülle von weiteren Exponaten auf die verschiedensten Wissensgebiete und Techniken übertragen und dabei gleichzeitig ihrer eindeutigen Zuordnung entzogen, indem Attia auf parallele Phänomene im jeweils anderen Kulturbereichen rekurriert. Er verfolgt damit eine Wiederaneignung, eine Reappropriation, die sich sowohl auf das Fremde der anderen Kultur als auch auf das Abgespaltene und Verdrängte in der eigenen Kultur bezieht. Es geht ihm dabei nicht um eine Versöhnung der Differenzen, sondern um eine geschärfte Wahrnehmung der je eigenen Pluralität.

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Kader Attia, Repair Analysis, 2013, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Für die auf die erste Ebene des MMK konzipierte Ausstellung entwickelt Kader Attia eine neue Gruppe von Werken. Die Ausstellung Sacrifice and Harmony beschreibt einen Parcours der Erfahrung und einen Parcours der Erkenntnis. Sehr sorgfältig wurden die einzelnen Werke und Positionen im Rundgang erwogen und immer wieder geändert. Ihre Abfolge ist für Kader Attia sehr wichtig. Die Architektur des MMK stellt in dieser Hinsicht eine Herausforderung dar, eine strenge Abfolge der Räume ist nicht vorgesehen. Allein in der zentralen Halle bietet die Architektur den Besuchern sieben Möglichkeiten, ihren Weg fortzusetzen. Wie im gesamten Haus, so wird auch hierdie Idee einer Chronologie nicht unterstützt – die offene Struktur folgt einem anderen Prinzip.

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Kader Attia, J’Accuse, 2016, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy Kader Attia and Galerie Nagel Draxler, Foto: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Warum dieses Beharren auf einer Abfolge? Der Grund dafür liegt im Kerngedanken des Werkes von Kader Attia, der Idee der Reparatur. Jede Reparatur, und der Begriff ist hier in seiner weitesten Bedeutung zu nehmen, impliziert eine nicht beliebige Abfolge, ist eine „Erzählung“, ist Zeichen einer Geschichte. Sie indiziert einen (ersten) Zustand, der einen Bruch erfährt, eine Störung oder Verletzung, ein Trauma. Durch den Akt der Reparatur wird ein neuer Zustand erreicht. Attias Interesse für Verfahren der Reparatur, die die Zeichen des Reparierens nicht zu tilgen suchen, gründet im Interesse an der „Geschichte“. Die meisten seiner Werke haben einen offenen oder verborgenen Bezug zu historischen Fakten und Artefakten.

Reparatur als Prozess bezeichnet also eine Entwicklung. Die Änderungen, welche die Reparatur zeitigen, verknüpfen zwei Zustände miteinander, sie stellen einen evolutionären Prozess dar. Für Attia ist nicht der Begriff der Anpassung zentral, sondern jener der Reparatur. Da er die Evolution der Arten, der Gesellschaften, ja die Entwicklung der Zivilisation und Kulturen als einen unendlichen Prozess der Schöpfung, der Zerstörung und der Reparatur begreift, ist es gerechtfertigt, von einem Kontinuum der Reparatur zu sprechen.

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Kader Attia, Chaos + Repair = Universe, 2014, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy Kader Attia and Galeria Continua, Foto: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

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