Das imaginäre Museum/knowing

Kunst für kommende Generationen bewahren

Museumsbesucher bekommen die ausgestellten Gemälde, Installationen oder Videos meist in einem fertigen Zustand zu sehen. Alles funktioniert, hängt oder steht an seinem Platz – kurzum: Nichts soll von der Betrachtung und Ergründung der Inhalte ablenken. Doch zeitgenössische und moderne Kunst ist häufig kompliziert im Aufbau, verwendet ausgefallene Technik und wenig haltbares Material. Sie stellt Restauratoren vor Herausforderungen: Sie müssen einfallsreich sein um Werke zu bewahren, instand zu halten und im Fall der Fälle wiederherzustellen. Davon erzählt Ulrich Lang, Restaurator am MMK: 

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Lawrence Weiner, „STONES FOUND AND BROKEN SOMETIME IN THE FUTURE“ (1994) – Installationsansicht in der aktuellen Ausstellung „Das imaginäre Museum“ im MMK 2

In der Ausstellung „Das imaginäre Museum“ geht es um das Erinnern und das Bewahren von Kunst. Viele von uns haben den im vergangenen Jahr verstorbenen ehemaligen Direktor des Museums Jean Christoph Ammann noch in guter Erinnerung. Ebenso wie seine Leistungen für das Museum. Ammann hat unter anderem zwei wichtige Werke für das Museum erworben: Lawrence Weiner „STONES FOUND AND BROKEN SOMETIME IN THE FUTURE“ (1994), und die Installation „Order and Disorder“ (1985-86) von Alighiero Boetti.

Beide Werke wurden schon mehrmals im MMK ausgestellt und jedes Mal sehen sie anders aus. Gleichzeitig haben wir am Museum den Anspruch alles so zu zeigen wie es von den Künstlern gedacht ist. Dies zur gewährleisten und umzusetzen ist eine der vielen Aufgaben eines Restaurators. Denn vieles wirkt nicht nur anders in anderen Räumen und Zusammenhängen, es ändern sich dadurch üblicherweise auch die Dimensionen, Bodenbeläge, Wandfarben, das Licht und der Klang, also die Atmosphäre eines Raumes bzw. Ortes. Nun könnte man sagen, das sei immer so, wenn der Ort wechselt und das ist richtig – ähnlich dem Geschmack von Zitronen, der auf einem Markt in der Sonne Süditaliens ein anderer ist, als in einem Restaurant in Frankfurt. Doch ebenso, wie eine Zitrone 1000 Kilometer weiter im Norden immer noch eine Zitrone ist, soll auch das Kunstwerk so bleiben, wie es von den Künstlern gedacht ist. Und so klar „definiert“, wie die Zitrone ist ein Kunstwerk oft nicht mehr, seit sich die Kunst weiterentwickelt hat, weg von der klassischen Ölmalerei mit einer goldenen Leiste gerahmt.

Ein gutes Kunstwerk kann problemlos in einem anderen Zusammenhang bestehen. Aber ab wann wird es „verfälscht“? Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass beispielsweise Altäre nicht mehr nur an Ihrem angestammten Platz in der Apsis einer Kirche, sondern selbstverständlich auch im Museum – und damit in einem völlig anderen Zusammenhang – ausgestellt werden. Und doch ist es bei Installationen und Konzeptkunst nicht immer eindeutig, wie es scheint.

Das Werk „Order and Disorder“ von Alighiero Boetti ist schnell beschrieben. Es besteht aus 199 gleich großen quadratischen Bildern, die der Künstler mit unterschiedlich gefärbten Fäden in Afghanistan sticken ließ. Die zwei Teile der Arbeit „Order“ und „Disorder“ hängen jeweils voneinander getrennt.

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Alighiero Boetti: Order and Disorder, 1985-1986, Foto: Axel Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Für den Aufbau des Teils „Order“ gibt es eine feste Reihenfolge, in der die 100 dazugehörigen Bilder angeordnet werden. Auf der Rückseite haben wir entsprechende Markierungen angebracht. Hingegen soll sich der Teil „Disorder“ gleichmäßig und „zufällig“ auf der Wand verteilen. An den Beispielen sieht man, welche Varianten bereits realisiert wurden. Um eine „gleichmäßige Zufälligkeit“ zu erreichen haben wir zu einem kleinen Trick gegriffen: Die Arbeit „Night Sky#15 “ (2000-2001) von Vija Celmins aus der Sammlung des MMK zeigt ein bestimmtes Sternbild und diese Lage der Sterne haben wir zum Vorbild für die Platzierung der 99 Teile von „Disorder“ genommen. Dies ist nun im Rahmen der Ausstellung „Das imaginäre Museum“ im MMK 2 zu sehen.

Ganz andere Fragen treten bei Lawrence Weiners Werk auf. Seine Schriftzüge werden für jede Ausstellung neu produziert und nach der Ausstellung wieder abgenommen bzw. übermalt. Als Besitzurkunde und Nachweis, dass das Museum diese Arbeit ausstellen darf, dient ein Zertifikat, das im Kunstdepot aufbewahrt wird. Auf diesem ist nicht nur das Entstehungsdatum, 1996 des Werkes vermerkt, sondern auch die Schrifttype, die Schriftgröße und die Farben, in denen das Werk produziert werden soll.

Für die aktuelle Ausstellung im MMK 2 wurde das Werk „STONES FOUND AND BROKEN SOMETIME IN THE FUTURE“ aus farbigen Folien neu erstellt und an die Museumswand gebracht. Das Besondere in diesem Fall: Im Vorfeld haben der Kurator und der Künstler sich auf eine andere Schrifttype geeinigt die von der ursprünglichen deutlich abweicht. Das ist möglich, solange man dies mit dem Künstler abspricht und von diesem autorisiert wird.

Für Museumsleute und die Kunstbetrachter stellt sich aber immer die Frage nach der Authentizität der Kunst. Oft sind die Restauratoren die Garanten dafür, dass die Werke auch in Zukunft in ihrer ursprünglichsten Form, und damit authentisch, gezeigt werden, da sie über die präzisen Dokumentationen verfügen. Wie manche Details im Einzelfall geregelt werden, ist oft das Resultat vieler Diskussionen der Restauratoren mit den Künstlern und Kuratoren. Wenn der Künstler bereits verstorben ist, wenden wir uns an deren Nachlassverwalter. Dennoch finden die einzelnen Museen oft unterschiedliche Lösungen für die Werke in ihrer Sammlung. Nach solchen Lösungen zu suchen um die Kunstwerke für die kommenden Generationen – auch über das Jahr 2052 hinaus – zu bewahren, macht einen großen Reiz der Arbeit aus.

 

Ulrich Lang

Nach seinem Studium an der HTW Berlin und diversen beruflichen Stationen unter anderem an der Staatsgalerie Stuttgart, den Hamburger Deichtorhallen, Brooklyn Museum, Martin-Gropius-Bau in Berlin, sowie der documenta X in Kassel, arbeitet Ulrich Lang seit 2001 am MMK als Restaurator und ist mitverantwortlich für den Erhalt und die Pflege der Sammlung des Museums.

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