Tuchfühlung

Mode zeigen

Die Ausstellung „Tuchfühlung“ erschließt sich in der Relation der Dinge und weniger in ihnen selbst, sagt Dr. Mahret Kupka, Kuratorin für die Bereiche Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main. Kupka geht es nicht darum, jedes Stück für sich zu betrachten – wobei das ebenso reizvoll ist – sondern das Ganze als kreativen Raum zu begreifen, der einerseits Kreativität abbildet, zugleich aber auch möglich macht.

Was bewegt Kunstmuseen dazu, Mode auszustellen? Für das MMK, als Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, ist es das zunehmende Interesse an den Grenzbereichen der Kunst Mode – als Synonym für modische Kleidung – zu zeigen. Der Fokus der Ausstellung „Tuchfühlung “ liegt dabei besonders auf den Bedingungen, unter denen die Dinge entstehen. Die Entwürfe gingen auf performative, skulpturale und konzeptuelle Fragestellungen ein. Sie würden traditionelle Standards der Modewelt unterlaufen.

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Kostas Murkudis, Ausstellungsansicht Foto: MMK

Ohne dies an dieser Stelle ausführlich zu reflektieren bedeutet das sicher, dass eine Ausstellung in einem Kunstmuseum, die sich mit Mode befasst, anders aussehen sollte als eine Präsentation von Mode in einem (eher) kommerziellen Kontext, wie beispielsweise einem Concept-Store oder einem Online-Shop, wo es darum geht, sie zu verkaufen. Mode im Museum ist nicht länger Ware, sondern zunächst einmal Objekt, das Träger diverser Bedeutungen sein kann, das sich vor allem mit der Perspektive verändert. Damit verändert sich auch die Rolle des Modemachers. Er ist nicht mehr Dienstleister, sondern Créateur, jemand, der etwas schafft, das per se keine Funktion als etwas hat, sondern in das diese erst hineingelesen werden muss.

Besonders interessant für das MMK sind auch die künstlerischen Strategien, die den Herstellungsprozess formen. Der Modemacher wird zum Ausführenden eines kreativen Prozesses. Es ist also nicht so sehr das Ding in seiner Objekthaftigkeit, vielmehr die Beziehungen, die es eingeht – sei es die zu anderen Dingen oder die zu seinem Betrachter – die interessieren. Was heißt das konkreter?

Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor die Idee des Künstlers als Genie im theoretischen Diskurs an Bedeutung. Dieser war nicht länger jemand, durch den eine göttliche Kraft wirkte, die ihn wundersam Neues, bisher nie dagewesenes ex nihilo schaffen ließ. Er wurde in der Gesellschaft mehr und mehr als ein Kreativer mit besonderer Begabung zur Neuorganisation und Rekontextualisierung betrachtet. Insofern mag eine Modeausstellung, die allein die Ergebnisse des kreativen Prozesses zeigt, beispielsweise in Form von Stoff auf Schaufensterpuppen, wie es bis heute weitgehend üblich ist, Fragen aufwerfen. Das Geisterhafte, das Stoff auf leblosen Körpern umgibt, wird verstärkt durch eine merkwürdige Idee des von Irgendwo in den Raum Gefallenen. Der Eindruck einer gewissen Beziehungslosigkeit schleicht sich ein, den eine auch eine Information zu Entstehungsjahr und Materialität nicht vollends beseitigen kann.

 

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Kostas Murkudis, Ausstellungsansicht Foto: MMK

Tuchfühlung im MMK ist eine Ausstellung, die zwar Kleidung zeigt, aber längst nicht nur. Sie stilisiert Kostas Murkudis nicht zum Designgenie, sondern präsentiert ihn als Forschenden und Formenden, der gleich einem Bildhauer oder Architekten raumgreifende Objekte schafft, die auch getragen werden können. Aber darum geht es in der Ausstellung nicht in erster Linie. Murkudis’ eigenes Label funktioniert marktunkonform. Seine Finanzierung sichert er über Kooperationen mit namhaften Unternehmen. Das ist ein entscheidender Unterschied, der ihm viel Spielraum ermöglicht: In seinem Atelier, das er bezeichnenderweise Labor nennt, experimentiert Murkudis mit Formen und Stoffen. Am Ende entstehen Unikate, die allein durch ihre Gebundenheit an die Form des menschlichen Körpers und die beabsichtigte Funktion auch getragen werden zu können, nicht vollends als Kunstwerke funktionieren können. Dieser Weg hin zum Produkt, als Resultat eines Gestaltungsprozesses ist es, den die Exponate in der Ausstellung im MMK markieren und es ist auch dieser Aspekt, der mich selbst an Modeausstellungen besonders interessiert (und es ist auch das, was an Kunstausstellungen weiter interessieren könnte).

 

Gastbeitrag von Dr. Mahret Kupka

Dr. Mahret Kupka ist Kuratorin für die Bereiche Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main. Sie ist Mode-Bloggerin (www.modekoerper.de) und hat bereits viel zu den Themen Mode und Bloggen publiziert.

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