talking/Tuchfühlung

Interview mit Carsten Nicolai

In der Ausstellung „Tuchfühlung“ im MMK 2 stehen die Arbeiten von Modedesigner Kostas Murkudis nicht nur im Dialog mit Werken aus der MMK Sammlung, sondern auch mit dem Ausstellungsdesign von Carsten Nicolai. Wir sprachen mit ihm über seine langjährige Zusammenarbeit mit Kostas Murkudis und seine eigene multidisziplinäre Arbeit als bildender Künstler und Musiker.

Julia Haecker/MMK: Du arbeitest als bildender Künstler und Musiker jenseits eindeutiger Zuschreibungen und Disziplinen. Seit langem realisierst Du mit Kostas Murkudis zusammen Projekte: bereits 2010 habt Ihr im Rahmen der Ausstellung „Not in Fashion“ im MMK 1 eine Modenschau konzipiert, für die Du Sound und Visuals entwickelt hast. Dabei überlagerten sich die Entwürfe von Kostas mit Deinen Licht- und Soundpattern zu einer synästhetischen Erfahrung. Was ist Dein persönlicher Bezug zu Mode? Wie ist es zu Deiner mehrjährigen Zusammenarbeit mit Kostas gekommen?

Kostas Murkudis, Sammlung und Objekte, Ausstellungsansicht MMK 2, Foto/photo: Axel Schneider

Kostas Murkudis, Sammlung und Objekte, Ausstellungsansicht MMK 2, Foto/photo: Axel Schneider

Carsten Nicolai: Unsere Zusammenarbeit hat sich aus einer engen Freundschaft heraus entwickelt. Als Kostas von München nach Berlin gezogen ist, haben wir uns sehr oft gesehen und gegenseitig unsere Arbeiten verfolgt. Irgendwann entstand die Idee, bzw. lag es nahe, dass wir bei bestimmten Projekten kollaborieren.

In der Mode bin ich jedoch nicht zuhause. Ich konnte zu dem Thema eher über die Musik eine Brücke schlagen. Modehäuser hatten mich schon öfter angefragt, um für Modenschauen Musik zu komponieren oder meine Musik zu verwenden. In dieser Zeit hatte ich mich mit dem Thema verstärkt auseinandergesetzt. Ich selbst interessiere mich laienhaft für Mode, eher geht es mir darum, wie sich Räume mit Projektionen und Sound gestalten lassen.


Kostas hatte mich 2010 anlässlich der Modenschau bei der Ausstellung „Not in Fashion“ im MMK 1 gefragt, ob ich eine komplette Präsentation für eine Modenschau entwerfen würde. Unsere Ideen waren für diese Branche und eine Modenschau radikal. Die Schau wurde zum zweiten Mal in Berlin bei der Fashion Week präsentiert und war ein großer Erfolg. Wir haben erstaunlich viel positives Feedback erhalten. Normalerweise steht ja die Kleidung klar im Vordergrund. Für diese Schau wurden jedoch alle Elemente gleichwertig nebeneinander präsentiert und waren kaum noch voneinander zu trennen. Es war wie eine Symbiose.

Kostas Murkudis, Frühjahr-/Sommerkollektion 2014; Eine Hommage an Franz Erhard Walther Ausstellungsansicht MMK 2, Foto: Axel Schneider

Kostas Murkudis, Frühjahr-/Sommerkollektion 2014; Eine Hommage an Franz Erhard Walther Ausstellungsansicht MMK 2, Foto: Axel Schneider

JH/MMK: Für die Ausstellung „Tuchfühlung“ hast Du die Ausstellungsarchitektur entwickelt. Wie bist Du dabei vorgegangen? Was war Dir wichtig?

CN: Kostas hatte mich gefragt, meine Erfahrungen in diese Ausstellung miteinzubringen, vor allem hinsichtlich der Frage, wie man Ausstellungen aufbaut und gliedert. Ich habe mich dabei als Ausstellungsarchitekt verstanden. Es gab auch einige inhaltliche Auseinandersetzungen oder Diskussionen mit dem Kurator, Peter Gorschlüter, und Kostas. Alles ist miteinander verwoben gewesen. Eine Ausstellungsarchitektur lässt sich ja schlecht planen, wenn man die genauen Inhalte nicht kennt. Im Hintergrund habe ich mitkonzipiert und eben nicht versucht, meine eigenen Arbeiten, meine ästhetische Sprache oder meine eigenen Ideen als bildender Künstler einzubringen. Ich habe eher versucht, wie ein Dienstleister zu agieren.

Kostas Murkudis, Summer/Spring Kollektion 2009–2013 Ausstellungsansicht / exhibition view MMK 2, Foto/photo: Axel Schneider

Kostas Murkudis, Summer/Spring Kollektion 2009–2013
Ausstellungsansicht / exhibition view MMK 2, Foto/photo: Axel Schneider

JH/MMK: Deine Installationen, Deine Kunst im Allgemeinen basiert weitgehend auf Mustern, Strukturen, Algorithmen und Abstraktion. Zentrale Bestandteile sind überdies Codes, Grids, das Zusammenspiel zwischen Zufällen und Fehlern, und selbstorganisierende Strukturen. Spiegeln sich diese Elemente auch in der Ausstellungsarchitektur wider?

CN: Ja, man darf nicht vergessen, dass ich Architektur studiert habe. Ich habe also Erfahrung damit, wie man mit Räumen umgeht, wie man was baut oder wie man bestimmte Dinge in Angriff nimmt. Auf der anderen Seite habe ich selbst schon sehr viel Erfahrung aus meinen eigenen Ausstellungsaufbauten gewinnen können.

Für die Ausstellung von Kostas habe ich versucht, keine Ausstellungsarchitektur im klassischen Sinne zu entwerfen. Vielmehr habe ich in einzelnen Momenten Skizzen oder Entwürfe vorgeschlagen, in denen vielleicht nur ein Einzelteil oder ein bestimmtes Objekt vonnöten war. Meine Gliederung und Umsetzung erfolgte vor allem über den Grundriss, die räumliche Abfolge und Lichtelemente. Mir kam es darauf an, den Raum so minimal wie möglich umzugestalten und dass die Arbeiten von Kostas bestmöglich funktionieren.

JH/MMK: In drei Arbeiten spielt der Sound eine wichtige Rolle, und Du bist gleichermaßen in den manchmal noch zu strikt getrennten Bereichen von Kunst und Musik präsent. In der Musik arbeitest Du sowohl mit Musikern wie Blixa Bargeld als auch mit Vertretern der zeitgenössischen Musik zusammen. Wie nimmst Du die Unterschiede wahr?

CN: Für mich sind die Bereiche im Alltag ungeheuer stark miteinander verwoben, für mich gibt es da keine Trennung. Diese Trennungen werden oft erst erzeugt, wenn man bestimmte Werke in gewissen Kontexten zeigt. Natürlich benötigen Journalisten eher diese Kategorienbildung als ich. Ich beschäftige mich eigentlich täglich mit beidem. Für mich ist es vor allem wichtig, dass die Arbeiten unter den besten Umständen präsentiert werden. Musik lässt sich sicher besser im Konzertraum oder einem akustisch geeigneten Raum vorführen, sozusagen eher in einem Black Cube. Meine Werke, die der bildenden Kunst zugehören, sehe ich lieber im White Cube, also in neutralen Räumen. Und hier tritt dann doch wieder die Trennung ein, denn ein Museum ist nicht gleichzeitig ein Konzerthaus, und ein Konzerthaus ist nicht gleichzeitig ein Museum.

JH/MMK: Aber im Optimalfall gäbe es diese Trennung nicht?

CN: Ja und nein. Es gibt einfach nicht den idealen Raum für alles. Die große Idee des multifunktionalen Raums bedarf einer ungeheuer intensiven Vorbereitung. Und immer schließen sich ein paar Sachen aus.

JH/MMK: 2013 gab es ebenfalls eine Zusammenarbeit mit dem MMK. Deine
spektakuläre Installation „unidisplay“ (2012) war hier zu sehen, die in die Sammlung eingegangen ist. Du hattest – vereinfacht gesprochen – beabsichtigt, alle möglichen Formen in einer Art endlosem Archiv zu visualisieren. Im Moment scheint das Archiv grenzenlos zu sein aber es wird eine große Herausforderung, sobald die Museen nicht mehr in der Lage sind, die komplexe Soft- und Hardware zu erhalten. Deine Kunst ist immer technikbasiert, was die Anforderungen an die Erhaltung besonders erhöht. Wie gehst Du damit um?

CN: Ich denke in erster Linie an die Präsentation und wie ich das Werk im Moment umsetzen kann und weniger an so ungeheuer langfristige Archivierungsideen, wie sie in Museen entwickelt werden. Natürlich ist es aber ein riesiges Problem: Heutzutage zerfallen viele Arbeiten oder verändern sich. Die Technologien schreiten voran, bestimmte verschwinden aber auch wieder ganz oder werden ersetzt – ein Problem, das es spätestes seit der Einführung von Videokunst und Filminstallationen gibt.

Mich wundert es sehr, dass es so wenig Diskussionen darüber gibt, auch nicht mit den Künstlern. Die Installation „unidisplay“ ist in jedem Moment ihrer Präsentation einzigartig, weil sie sich auf die Zeit bezieht, elementares Element ist beispielsweise eine Uhr. Die Restauratoren müssen hier über ein fundamentales Problem diskutieren. Viele Maßnahmen, die auf Skulptur oder Malerei angewandt werden können, lassen sich eben nicht auf andere Arbeiten übertragen. Aus restauratorischer Sicht gibt es aber eigentlich nur eine einzige Aufgabe, und zwar, dass die Arbeit in dem Zustand, in dem sie erworben wurde, zu erhalten ist bzw. dass sie immer wieder herstellbar ist.

In der Ausstellung von Kostas ist beispielsweise „Funburn“ (1967) von John Chamberlain zu sehen. Diese Schaumstoffarbeit hat eine begrenzte Haltbarkeit und wird definitiv in 150 Jahren nicht mehr existieren. Wie geht man damit um? Wird die Arbeit so lange restauriert bis vom Original nichts mehr übrig bleibt? Ist es dann wirklich noch das Kunstwerk des Künstlers oder nicht schon das Kunstwerk des Restaurators? Ich bin der Meinung, dass man den Prozess des Verfalls als künstlerische Entscheidung akzeptieren muss. Bei vielen Arbeiten geht es aber natürlich nicht nur um das Material, sondern um das Konzept.

Zur Erhaltung des Werks „unidisplay“ im MMK habe ich ein ganz klares Statement formuliert, weil die Arbeit auf Computern basiert. Eine digitale Arbeit lässt sich nicht auf mechanisch abtastbare Medien übertragen. Zurzeit heißt es oft, dass Arbeiten nicht zeigbar seien, weil sie in einem so schlechten restauratorischen Zustand seien. Das ist ja auch nicht Sinn und Idee des Künstlers, dass man die Arbeit nicht mehr zeigt oder sie nur noch im Archiv existiert. Es ist ein schwieriges Thema!

Ein Kommentar zu “Interview mit Carsten Nicolai

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