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Interview mit Barbara Breitenfellner

Für MMK Notes und die Fotografie-Triennale RAY 2015 sprachen Dorothee Maas und Julia Quedzuweit (Presseabteilung Museum Angewandte Kunst) mit der Künstlerin Barbara Breitenfellner, die für die Ausstellung IMAGINE REALITY eine neue raumgreifende Installation konzipiert hat. Mit ihrer neuen Arbeit „Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen. Ich schaute durch eine Glasscheibe in ein Zimmer. Braun-rosa Tapete + Teppichboden. Ein ganz seltsam beleuchteter Kubus, den ich als Fotografie sah. Dann verließen wir das leere Haus“ (2015), übertrug die in Österreich geborene Künstlerin erneut einen Eintrag aus ihrem Traumtagebuch. Gesehenes und Erinnertes lassen zusammen mit einem Werk aus der Sammlung des Museum Angewandte Kunst, einem Porzellanhund (Chinesischer Hund, Meissen 1740, Inv. Nr. 15481), ihr Traumprotokoll im Raum Wirklichkeit werden.

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Barbara Breitenfellner im Gespräch mit Beate Tröger im Museum Angewandte Kunst. Foto: Sabine Schirdewahn

RAY/Museum Angewandte Kunst: Können Sie uns etwas über Ihre neue Arbeit erzählen, die für die Ausstellung IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst entstanden ist?

BB: Das Werk mit dem langen und komplizierten Titel  (einem Textfragment aus meinem langjährig geführten Traumjournal) ist eine bewusste und radikale Überlagerung des Richard-Meier-Baus mit einer Traum-Inszenierung. Es ging mir dabei um die Koexistenz von verschiedenen Elementen aus der nächtlichen Notiz (Glasscheibe, schiefe Ebenen, Hund, Kubus, Teppichboden, Fotografie) und um das Fragmentieren der Installation in Flächen und Tiefen. Die am Ende unfertige, zerrissene, bloß angeregte Situation erlaubt dem Betrachter nur partielle Einblicke in das Ganze. So entstehen Überlagerungen und Verschiebungen, die auf zerfallende, relativierende oder auch verborgene Trauminhalte verweisen.

Barbara Breitenfellner, "Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen." Arbeitsmaterial für eine Installation im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M., 2015 © Barbara Breitenfellner

Barbara Breitenfellner, „Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen.“ Arbeitsmaterial für eine Installation im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M., 2015
© Barbara Breitenfellner

RAY/Museum Angewandte Kunst: In vielen Ihrer Werke setzen Sie sich räumlich und objekthaft mit persönlichen Träumen auseinander und inszenieren diese in neuen Settings. Wie gestaltet sich hier das Verhältnis zwischen der „realen“ Welt und ihrer erdachten, oder „imaginierten“ Wirklichkeit?

BB: Seit zehn Jahren arbeite ich an Inszenierungen meiner Träume, die sich auf Kunst beziehen. Die Arbeit mit diesem Traummaterial ist eine Reflexion über unsere Wirklichkeitserfahrung, aber auch das paradoxe Ergebnis eines grundlegenden Argwohns gegenüber der Erzeugung von Kunst und Ausstellungen. Oft bleiben von aufgeschriebenen Traumerlebnissen keine bildhaften Erinnerungen, so müssen assoziative Äquivalente erst gefunden oder neu erschaffen werden. Die Umsetzung des Traums in die Ausstellungssituation bleibt so reine Fiktion.

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Foto: Sabine Schirdewahn

RAY/Museum Angewandte Kunst: Unter welchen Kriterien haben Sie die Stücke aus der Sammlung des Museums ausgewählt?

BB: Dass ich in der Sammlung einen Hund suchte, ergab sich aus den Elementen des Traumtextes. Als ich mehrere Hundefiguren im Sammlungsdepot sah, sprang mir der Chinesische Hund (aus der Porzellan-Manufaktur Meißen, 18. Jahrhundert) kläffend aus dem Regal entgegen. Ich hatte das Objekt allerdings zuvor schon in einer Ausstellung im Museum gesehen und für die Inszenierung des Traumtextes im Kopf gehabt. Der Hund hat trotz seiner expressiven Lebendigkeit etwas Undefinierbares, etwas von einem Fabelwesen, zu der sicher auch die weiße Farbigkeit beiträgt, die die Figur abstrahierter und skulpturaler macht als andere, naturalistisch bemalte Variationen.

Barbara Breitenfellner, Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen, 2015 Ausstellungsansicht/Exhibition View IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Foto: Albrecht Haag © Barbara Breitenfellner, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

Barbara Breitenfellner, Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen, 2015. Ausstellungsansicht IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Foto: Albrecht Haag © Barbara Breitenfellner, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

RAY/Museum Angewandte Kunst: Das Medium der Fotografie wird vor allem historisch mit der naturgetreuen Abbildung der Realität in Verbindung gebracht. Inwiefern hat sich die Rolle der Fotografie diesbezüglich verändert? Inwieweit kann Fotografie zu einer Erweiterung der Wirklichkeit führen?

Ich glaube nicht, dass Fotografie die Realität jemals naturgetreu abbilden konnte. Fotografie hat für mich mit Verlangen und Erinnerung zu tun. Die 9 x 13 m große Fototapete bildet die letzte Ebene (eine Art Hintergrundprospekt) innerhalb der mehrfach gebrochenen und überlagerten Installation. Das Foto habe ich eher beiläufig mit einer kaleidoskopischen Linse vor der Kamera geschossen. Dieser spielerische, experimentelle Zugang führte zu fantastischen und absurden Auswirkungen auf die Figur des Chinesischen Hundes. Durch das Verbauen der Fototapete mit der Teppichfläche und den Glasscheiben kann diese nicht mehr wie ein Tableau funktionierten. Das Bild kann nicht erreicht werden.

© MMK Notes, MMK Museum für Moderne Kunst, Museum Angewandte Kunst, RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain

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