RAY 2015

Interview mit Annette Kelm

RAY 2015 – Imagine Reality „Es geht mir um Annährungen an das Sehen und an die Realität.“ (Annette Kelm)

Annette Kelm im MMK 1

Annette Kelm im MMK 1

MMK: Das Medium der Fotografie wird vor allem historisch mit der naturgetreuen Abbildung der Realität in Verbindung gebracht. Sie nutzen meistens Mittel- oder Großformatkameras, um Objekte so präzise wie möglich aufzunehmen. Inwiefern spielen Sie mit dem Aspekt der naturgetreuen Abbildung?

Kelm: Alles was ich sehe, beinhaltet immer auch eine Fülle von Erfahrungen, die ich gemacht habe, visuelle, aber auch andere. Sie sind für jeden Menschen anders, aber es gibt gemeinsame Nenner, auf die wir uns immer wieder einigen. Es gibt das Filmmaterial, den chemischen Prozess und die Kamera, mit deren Hilfe ich versuche, Seherfahrungen festzuhalten. Andere Lebewesen sehen beispielsweise ganz anders, aber darum geht es hier nicht. Es geht mir um Annährungen an das Sehen und an die Realität. Ich bewege mich im Rahmen der „naturgetreuen“ oder sachlichen Fotografie (um ein Feld einzugrenzen, in dem ich mich bewege), weil diese in etwa der menschlichen Seherfahrung entspricht. Doch versuche ich auch mit der naturgetreuen Abbildung etwas nicht Naturgetreues darzustellen.

MMK: Inwieweit hat sich die Rolle der Fotografie verändert. Kann man heute von einer Erweiterung der Wirklichkeit durch Fotografie sprechen?

Kelm: In den letzten zehn Jahre hat sich durch das Fotografieren mit Smartphonekameras und die Verbreitung von Bildern im Internet und den sozialen Medien viel verändert. Bilder zu machen und zu veröffentlichen ist für fast jeden zum Alltag geworden. Unser Sehen hat sich dadurch verändert. Wir sind gewohnt, viele Situationen fotografisch festzuhalten, in alles hineinzuzoomen und jedes Detail wahrzunehmen. Es erscheint da fast merkwürdig, ein einzelnes Bild aus der Masse herauszunehmen und z.B. gerahmt an die Wand zu hängen.

MMK: Wie unterscheiden sich für Sie die Wahrnehmungen von realen und fotografisch abgebildeten Alltagsobjekten?

Kelm: Durch die Fotografie wird das Objekt von 3D in 2D übersetzt, es wird nur von einer oder mehreren Ansichten gezeigt. Meistens gibt es nur wenige Blickwinkel, die für mich „funktionieren“. Wenn ich ein Objekt sehe, habe ich meistens auch vor Augen, wie ein Foto davon aussehen könnte und erinnere mich oft auch an eine Masse an Abbildungen, die es von diesem oder ähnlichen Gegenständen schon gibt. Das Fotografieren selbst und das Abbilden eines Objektes beinhaltet eine große Anzahl von Entscheidungen und zugleich ist es für mich auch immer wieder eine Herausforderung, angesichts dieser Masse an Bildern, eigene Bilder zu machen. Deshalb geht es auch darum, durch das Fotografieren etwas hinzuzufügen, zu verstecken oder einfach nur in einem anderen Kontext zu zeigen.

MMK: Durch das Medium „Fotografie“ entsteht eine Distanz zu alltäglich wahrnehmbaren Objekten. Befassen Sie sich in ihrer Arbeit mit einem neuen Seh-Erlebnis des Betrachters?

Kelm: Die Distanz entsteht durch den Transfer des Gegenstands auf eine bildhafte Ebene. Die Entscheidungen, die bei der Aufnahme oder später im Labor gemacht werden, ergeben als Summe eine Behauptung oder einen Vorschlag. Der Betrachter findet sich bei fotografischen Abbildungen immer wieder und versucht die Fotografie mit seinen Bildern oder Erinnerungen von Bildern abzugleichen. Das ist anders als bei den meisten Skulpturen oder bei Malerei. Beim Bildermachen habe ich weniger den Betrachter vor Augen als meine eigene Erfahrung. Manchmal ist dies eine körperliche, z.B. wenn es um die Größe des Bildes geht. Oft geht es um Wiederholung und die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten der Fotografie.

Annette Kelm, Anonymous, Lilac Clock Bag Buffalo Exchange, 2007  © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

Annette Kelm, Anonymous, Lila Clock Bag Buffalo Exchange, 2007; © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

MMK: Am Beispiel der vierteiligen Serie „Anonymous, Lila Clock Bag Buffallo Exchange“ (2007) wird deutlich, wie weit Ihre Arbeiten über das reine Ablichten eines Gegenstands hinausgehen. Auf jedem der Fotos dieser Reihe ist eine kreisrunde, dunkellila Handtasche, auf deren Vorderseite eine große Uhr eingebaut ist, zu sehen. Auf dem Ziffernblatt ist eine Uhrzeit dargestellt, die oft in der Werbung für Uhren abgebildet wird: Zehn nach zehn. Können Sie etwas in Bezug auf die Anlehnung an die Konventionen der Werbefotografie sagen und wie Sie diese wiederum brechen?

Kelm: Es gibt in meiner Arbeit immer mehrere Bezüge. Einer meiner ersten Gedanken, die ich zu dieser Uhrentasche hatte, war, dass es eigentlich ein genialer Entwurf für eine Uhr im öffentlichen Raum wäre. Ich bin ein Fan von Uhren im öffentlichen Raum. Da die Uhrentasche an sich schon viel in sich vereint, Tasche, Uhr, Bewegung, Zeit, verschiedene Materialien und das Tragen am Körper, wollte ich sie möglichst reduziert abbilden. Und die einfachste Art, ein Objekt sachlich abzubilden, ist der klassische Packshot vor weißem Hintergrund, wie er oft in der Werbung verwendet wird. Mit der Zeigerstellung zehn nach zehn, sieht die Uhr wie ein lachendes Gesicht aus. Die vier Aufnahmen sind jeweils mit genau einer Minute Unterschied gemacht. Es gibt nur ein Bild, auf dem der Zeiger die Uhrzeit zehn nach zehn zeigt. Der perfekte Moment ist ein Teil der Serie. Durch die Wahl des Objekts und dessen scheinbare Wiederholung sowie durch das Rahmen der Abzüge werden die Konventionen der Werbefotografie wiederum gebrochen. Man könnte die Reihe fortsetzen und auch 60×12 Bilder machen, aber ich dachte vier reichen, um die Idee zu verstehen.

Annette Kelm, Sale , 2010  © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

Annette Kelm, Sale , 2010; © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

MMK: Inwieweit spielt Konsum bzw. Konsumkritik auch in Ihrer Arbeit „Sale“ (2010) eine Rolle. Können Sie etwas zu dieser Arbeit sagen?

Kelm: In London habe ich eine Packung dieser Sale-Schilder, die Sonderangebote im Einzelhandel bewerben können, zusammen mit einer rot-weiß karierten Küchenschürze gekauft. Auf der habe ich dann eines der Schilder arrangiert. Ich glaube, es war ein Laden für Großhändler im Gastrobereich. Das Schild hat diese Schrift, die eine Handschrift imitiert und der Verkäufer kann den Schlussverkauf durch vergleichende Preiseinträge bei WAS und NOW dramatisch steigern. Gespiegelt könnte man SAW und WON lesen. Der Kunstmarkt sowie der Ablauf des Verkaufs der Arbeiten, die ich herstelle, bzw. herstellen lasse, ist mir immer noch ein Rätsel. Meistens wird der Preis nach der Größe berechnet, also ist ein kleines Bild billiger als ein größeres. Der Aufwand und die Produktionskosten unterscheiden sich aber nur unwesentlich. Die Arbeit „Sale“ soll keine vordergründige Konsumkritik sein, sondern eher das Wort SALE reflektieren.

MMK: So subtil wie Sie im Fall der Handtasche das Bild ausformulieren, so ausdrücklich gestalten Sie das Foto als Bildfläche mit Eisenspäne in Ihrer Serie „Untitled“ (2013). Steht diese Arbeit in Verbindung mit den anderen bisher genannten Werken?

Kelm: Sie steht eher in Verbindung zu den Stillleben mit Hufeisenmagneten. Die Eisenspäne sind in diesem Fall wie sehr viele kleine Gegenstände. Im Gegensatz zu den anderen Bildern die im MMK 1 gezeigt werden, sind sie als Einzelbilder gedacht, nicht als Serie. Es ist eine Variation dieser immer gleichen kleinen Gegenstände, derselben Eisenspäne auf zwei verschiedenen farbigen Papieren. Das Magnetfeld der unter dem Papier liegenden Hufeisenmagneten wird durch die Anziehung sichtbar.

Annette Kelm, Untitled, 2013 © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

Annette Kelm, Untitled, 2013; © Annette Kelm und Galerie Johann König, Berlin

MMK: Worauf gründet sich das Arrangement der Eisenspäne, ist dieses spontan oder bewusst gewählt entstanden?

Kelm: Das Arrangement ist spontan entstanden. Der Zufall und die physikalischen Gegebenheiten der Magnetfelder haben dabei eine Rolle gespielt. Mich interessiert auch das Anziehen und Abstoßen, die Gegensätze von Plus und Minus, der Magnet als Form und Sinnbild dieser Gegensätze und die Eisenspäne als Ausformung seiner Gesetzmäßigkeiten. Liebe und Hass, oben und unten, klein und groß…

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