RAY 2015

Interview mit Kathrin Sonntag

RAY 2015 – IMAGINE REALITY

„Es würde mich natürlich freuen, wenn dieser verschobene Blick über den Ausstellungsbesuch hinaus erhalten bliebe und ein Besucher, nachdem er die Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt gesehen hat, nach Hause geht und ihm plötzlich auch die Wasserflasche auf dem eigenen Küchentisch irgendwie seltsam vorkommt.“ (Kathrin Sonntag)

Die in Berlin lebende Künstlerin Kathrin Sonntag (*1981) wurde mit einer von insgesamt 12 neuen Produktionen für RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain beauftragt. Sie schuf die ortsspezifische Installation „This Was Tomorrow Once“ für die Räume des Fotografie Forums Frankfurt, das eine der drei Veranstaltungsorte der Hauptausstellung der Fotografie Triennale IMAGINE REALITY darstellt. (20. Juni bis 20. September 2015 im Fotografie Forum Frankfurt, Museum Angewandte Kunst und MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main).
Kathrin Sonntag hat in ihrer Installation Situationen entwickelt, die Zeitlichkeit abbilden. Die Idee ihres Projektes basiert auf der Überlegung, ob Fotografie als Zeitmaschine funktionieren kann.

Portrait Kathrin Sonntag im Fotografie Forum Frankfurt,

Portrait Kathrin Sonntag im Fotografie Forum Frankfurt

RAY: „This Was Tomorrow Once“ – Wo hat dieser poetische Titel deiner neuen Arbeit seinen Ursprung?

KS: Während meiner Recherche zum Thema Zeitreise habe ich dieses Zitat in dem Film „Portrait of Jennie“ (1948) entdeckt und fand es passend für mein neues Projekt. Hierbei wird ein ambivalenter Gedanke aufgegriffen: Wenn in der Gegenwart an einen zukünftigen Moment gedacht wird und genau dieser zeitlich überschritten wird, entsteht der Gedanke „This Was Tomorrow Once“. In seiner verwirrenden Wirkung beschreibt das Zitat etwas, das ich in meiner Installation im Fotografie Forum Frankfurt aufgreifen wollte.

RAY: Kannst du uns etwas über die Anfänge dieses Projektes sagen?

KS: Die Grundidee war, den Raum, in dem die Arbeit gezeigt wird, selbst zum zentralen Motiv der Installation zu machen – also im Ausstellungsraum zu fotografieren und diese Fotos in Form einer Tapete 1:1 in denselben Ausstellungsraum einzufügen.

Darüber hinaus wollte ich den Aspekt der Zeitlichkeit mit einbringen. Fotografien bilden ja immer einen vergangenen Moment ab. Während der Entwicklung der Installation habe ich mir die Frage gestellt, ob es möglich wäre diesen Umstand umzukehren und Bilder herzustellen, die so aussehen, als ob sie aus der Zukunft stammen.

Dafür habe ich für den Raum Situationen entwickelt, die Zeitlichkeit abbilden. Die Idee meines Projektes für RAY 2015 basiert auf der Überlegung, ob Fotografie als Zeitmaschine funktionieren kann.

RAY: Mit dem Spiel der Zeit und der Frage nach Vergänglichkeit greifst du ein sehr charakteristisches Themenfeld des Mediums „Fotografie“ auf. Durch das Abbilden von Aktionsmomenten, z. B. den Wurf einer Klebebandrolle, oder das Fotografieren eines frisch gepflückten Blumenstraußes, der in Kontrast zum verwelkten im Raum steht, bringst du parallel verschiedene Zeitebenen ins Spiel. Kannst du die entstehenden Zeitebenen genauer erläutern?

KS: Das Vergehen von Zeit wird durch die Veränderung bzw. Verschiebung einzelner Gegenstände innerhalb meiner Installation deutlich. Unterschiede zwischen den Objekten im Bildraum der Tapeten und dem realen Ausstellungsraum lassen Ungereimtheiten in Bezug auf die zeitliche Abfolge entstehen. Z. B. befindet sich im Raum ein Besen, der auf der Tapete zerbrochen abgebildet wird. Es gibt einzelne Spuren am Besen, die darauf hinweisen, dass es sich um denselben Besen handeln muss. Wenn der Besen im Raum ganz ist, wie kann er dann in der Tapete zerbrochen sein, außer unter der Annahme, dass die Zukunft gezeigt wird. Alle Objekte, die in dieser Rauminstallation zu sehen sind, beziehen sich außerdem auf den Beginn oder das Ende, den Auf- oder Abbau einer Ausstellung, dabei wird der Betrachter stets den Moment dazwischen, die Präsenz der Ausstellung, wahrnehmen.

Kathrin Sonntag, This Was Tomorrow Once, 2015

Kathrin Sonntag, This Was Tomorrow Once, 2015; Ausstellungsansicht IMAGINE REALITY, Fotografie Forum Frankfurt

RAY: Was hat es mit den anderen abgebildeten Uhren auf sich?

KS: In Bezug auf die Frage, wie es möglich ist, eine Zeitabfolge fotografisch darzustellen, spiele ich in der Installation mit Objekten, durch deren Veränderung das Vergehen von Zeit nachvollzogen werden kann. Die schon erwähnten verwelkten Blumen stellen beispielsweise ein klassisches Motiv dar, mit dem das Vergehen von Zeit zur Darstellung kommt. Der Spiegel dagegen ist ein Gegenstand, der stets die Gegenwart wiedergibt. In der Installation erscheint er in gedruckter Form auf der Tapete und erzeugt so nur die Illusion, den gegenwärtigen Zustand im Raum abzubilden. Neben diesen Objekten ist die Uhr wahrscheinlich das eindeutigste Symbol, für das Verstreichen von Zeit.

RAY: Kann man sagen, dass in deiner Arbeit ein zeitlicher Zustand entsteht, der für den Betrachter nicht existiert?

KS: Auf einer der Tapeten bin ich selbst abgebildet und an meinem Handgelenk ist eine Uhr zu sehen, die neben der Uhrzeit auch ein Datum zeigt. Das Datum ist genau auf die Hälfte der Ausstellungszeit angesetzt. Für eine Weile bildet dieses Foto also die Zukunft ab, für einen flüchtigen Moment die Gegenwart und dann die Vergangenheit. Hier kommt es auf den Zeitpunkt an, zu dem der Betrachter die Installation besucht.

RAY: In mancherlei Hinsicht scheint es dir in deiner Installation, nicht zuletzt durch die verschiedenen zeitlichen Ebenen, darum zu gehen, Verwirrung zu stiften. Könnte darin die Möglichkeit liegen, mehr zu sehen als es de facto zu sehen gibt?

KS: Ich spiele in meiner Arbeit oft mit alltäglichen Szenarios, in denen subtile Verschiebungen dann für Verwirrung sorgen. Für mich macht es Sinn vom Vertrauten auszugehen, weil mich Momente interessieren, in denen man visuell ins Stolpern gerät und die eigene gewohnheitsmäßige Wahrnehmung zu überprüfen beginnt. In diesem Moment der Verzögerung liegt für mich das Potential etwas, das man schon tausendmal gesehen hat, auf neue, ungewohnte Weise zu betrachten. Das Medium Fotografie, dem wir einerseits zutrauen eine objektive Repräsentation der Wirklichkeit wiederzugeben, dem wir aber gleichzeitig misstrauen, weil wir um die Beeinflussbarkeit von Fotos wissen, bietet in dem Zusammenhang einen interessanten Ausgangspunkt.

Kathrin Sonntag, This Was Tomorrow Once, 2015 Ausstellungsansicht/Exhibition View IMAGINE REALITY Fotografie Forum Frankfurt. Foto: Kathrin Sonntag

Kathrin Sonntag, This Was Tomorrow Once, 2015; Ausstellungsansicht IMAGINE REALITY, Fotografie Forum Frankfurt. Foto: Kathrin Sonntag


RAY:
In deiner Arbeit spielst du mit Nähe- und Distanzverhältnissen. Kann aus deiner Sicht durch das fotografische Fokussieren ein sensiblerer Blick erzeugt werden, der vielleicht sogar über den Ausstellungsbesuch hinaus erhalten bleiben könnte?

KS: Wahrnehmung ist immer selektiv. Aber durch die große Menge an Bildern, denen wir tagtäglich begegnen, könnte man vielleicht von einer Konditionierung des Blicks sprechen, die eine immer gleiche Interpretation oder Lesart einschleift. Ich finde es interessant mit Sehkonventionen zu spielen und durch visuelle Stolpersteine kurzzeitig einen veränderten Wahrnehmungsmodus herzustellen.

Es würde mich natürlich freuen, wenn dieser verschobene Blick über den Ausstellungsbesuch hinaus erhalten bliebe und ein Besucher, nachdem er die Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt gesehen hat, nach Hause geht und ihm plötzlich auch die Wasserflasche auf dem eigenen Küchentisch irgendwie seltsam vorkommt.

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Interview with Kathrin Sonntag

RAY 2015 – IMAGINE REALITY

The Berlin-based artist Kathrin Sonntag (b. 1981) was commissioned with one of a total of 12 new productions for RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain. She created the site-specific installation “This was Tomorrow Once” for the spaces of the Fotografie Forum Frankfurt, which is one of the three venues currently presenting the photography triennial’s central exhibition IMAGINE REALITY (20 June – 20 September at Fotografie Forum Frankfurt, Museum Angewandte Kunst and MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main).

RAY: „This Was Tomorrow Once“ – What is the origin of this poetic title?

During my research on the topic of time travel, I discovered the quote in the film „Portrait of Jennie“ (1948) and thought it fit well to the topic of my new project. It refers to an ambivalent notion: when one thinks of a future moment in the present and this very moment is temporally exceeded, the thought „This Was Tomorrow Once“ comes to mind. With its confusing effect the quote describes something that I wanted to deal with in my installation at the Fotografie Forum Frankfurt.

RAY: Can you say something about the beginnings of this project?

KS: The basic idea was to make the room in which the piece is shown the main motif of the installation – to photograph the exhibition space and insert these photos in the space as 1:1 photo wallpaper. Beyond that, I wanted to add the aspect of temporality. Photographs always capture a past moment. While developing the installation I asked myself: is it possible to revert this state and create images that look as if they come from the future.

For this I developed situations for the space that capture temporality. The idea of my new production for RAY 2015 is based on the question of whether photography can serve as a time machine.

RAY: With the game of time and the question of ephemerality, you refer to a very characteristic theme of the medium of “Photography”. Through capturing moments of action, e.g. throwing a roll of tape or photographing a fresh picked bouquet of flowers that stands in contrast with the wilting bouquet in the room, you bring different layers of time to the piece. Can you explain these layers of time more closely?

KS: The passing of time becomes clear through the altering or shifting of individual objects within my installation. Differences between the objects depicted on the wallpaper, and those in the actual space creates confusion about the time sequence. For example there is a broom in the space that is broken on the wallpaper. There are marks on the broom that lead to the conclusion that it must be the same broom. If the broom in the space is intact how can the broom on the wallpaper be broken, unless one assumes that it depicts the future? All objects that are represented in this installation refer to the beginning or the end, the set-up or deconstruction of an exhibition. Meanwhile, the viewer will always perceive the moment in-between, the presence of the exhibition.

RAY: What about the other clocks in the image?

In connection to the question of how it is possible to photographically illustrate a time sequence, I play with objects in the installation, through whose change the passing of time can be grasped. The before-mentioned wilting flowers represent a classic motif, through which the the passing of time is illustrated. The mirror on the other hand, is an object that reflects the present. In the installation it appears in printed form on the wallpaper and so creates the illusion, that the current state of the room is displayed. Next to these objects the clock is probably the most obvious symbol of time passing.

RAY: Can one say that a temporal state is created in your work that doesn’t exist for the viewer?

On the wallpaper I myself am depicted and on my wrist is a watch that also shows the date next to the time. The date is set to exactly half of the duration of the exhibition. So, for a while this photograph displays the future, for a fleeting moment the present, and then the past. Here it is dependant on the time that the viewer visits the installation.

RAY: In some ways it seems as though you intend to create a confusion about the different temporal layers. Could there lie the possibility in this to see more than there is to see de facto? 

KS: In my work I play with everyday scenarios, in which subtle shifts cause confusion. For me it makes sense to start at the familiar, because it is moments like these that interest me; in which one starts to stumble visually and starts questioning our habits of perception. For me in this moment of delay lies the potential to view something that one has seen for a thousand times from a new perspective. The medium of photography, which we trust to reflect an objective representation of reality and that we distrust at the same time, because we are aware of the corruptibility of photographs, offers an interesting starting point in this context.

RAY: In your work you play with relationships of proximity and distance. From your viewpoint, can a sentitive glance at photography be created, that can be upheld beyond the visit to the exhibition?

Perception is always selective. However, through the great mass of images that we encounter every day, one could speak of a conditioning of the view that engraves the ever-same interpretation or reading. I like playing with conventions of seeing and to momentarily create a change of perception mode through visual stumbling blocks.

Of course, it would make me happy if this shifted view would be upheld beyond the visit to the exhibition and if the visitor to the FFF would come home and suddenly think that even the water bottle on their kitchen table somehow looks odd.

This interview is also available on the blog of Aperture Magazine www.aperture.org, media partner of RAY 2015.

© MMK Notes / RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain http://www.ray2015.de

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