Isa Genzken

Isa Genzken. New Works

Ulrich Höfler M. A., persönlicher Freund und freier kunstwissenschaftlicher Assistent von Isa Genzken, gibt uns in seinem Aufsatz einige spannende Anmerkungen zu Isa Genzkens neuen Figurengruppen, den sogenannten „Schauspielern“, die derzeit im MMK 1 zu sehen sind.

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015,
Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Die Erscheinung ist das, was das Ding an sich ist, oder seine Wahrheit. Hegel

Lebensgroße Frauen-, Männer- und Kinderfiguren stehen, sitzen und liegen in verschiedenen Momenten des Be- oder Entkleidetseins, die Gesichter hinter Masken, Netzen, Brillen und Sprühlacken teilweise oder ganz verborgen, fast immer kopfbedeckt, manchmal mit Banderolen und Klebebändern verschnürt, allein, als Paar oder in kleinen Gruppen einander zu- oder abgewandt, wie auf einem Gemälde, einer Bühne oder einem Filmset im Raum.

Schauspieler benennt Isa Genzken ihre Figurengruppen, die auf den ersten Blick den Charakter skulptural festgehaltener Szenen besitzen. Ihre Anmerkung, sie manchmal auch ihre „Puppen“ zu nennen, verleiht den Momentaufnahmen gleichermaßen privaten Charakter und fügt den universellen auch selbstdarstellerische Aspekte hinzu. Der gewählte deutschsprachige Titel Schauspieler verweist in Abgrenzung zum englischen Wort „actor“, welches das handlungsorientierte Tätigsein des Darstellers beschreibt, auf den freien Handlungsspielraum hin, in dem – wie im Spiel, das sein Ziel in sich selbst hat – unter Einhaltung der Regie Spannung und Lust ebenso Raum bekommen, wie das Bewusstsein des Andersseins.

Seit 2012 entstehen vier Werkgruppen mit dem jeweiligen Titel Schauspieler. Dabei sind die Ensembles von zehn Einzelfiguren im Jahr 2012 auf 25 in der gerade fertiggestellten Arbeit angewachsen. Wie der Begriff selbst, der das Einzelne ebenso wie seine Vielzahl bezeichnet, können auch Isa Genzkens Figurengruppen angeschaut werden. Als Kollektiv singulärer Figuren bilden die Schauspieler eine phänomenale Universalität. In der pluralen Komposition ist jeder Schauspieler für sich eine unwiederholbare Einzelheit.

Schaufensterpuppen figurieren den Körper der Schauspieler. Isa Genzken nimmt, man könnte auch sagen, befreit ihn aus seinem veräußerlichten formal funktionalen Kontext und gibt ihm einen verinnerlichten ästhetisch sozialen Raum. Anders, als die ebenfalls in der Tradition des Pygmalionmythos stehenden lebensgroßen Skulpturen menschlicher Körper, die im Betrachter den Mechanismus einer Verlebendigung provozieren, konstruiert und manufakturiert Isa Genzken ihre Puppen nicht selbst, sondern kauft sie als seriell fertiggestellte, makellos in Kunststoff abgeformte Industrieware ein.

In einem Gespräch mit Wolfgang Tillmans sagt Isa Genzken zu ihrem Verständnis von Skulptur allgemein: „Sie muss einen gewissen Realitätsbezug haben. Also nicht irgendwas Versponnenes oder gar Ausgedachtes, so daneben und höflich. […] eine Skulptur ist eigentlich wie ein Foto – sie kann zwar verrückt sein, sie muss aber immer noch so einen Aspekt haben, den die Realität auch hat.“

Schaufensterpuppen tauchen schon früh in Isa Genzkens Werk auf. Die in ihrem Fotobuch Berlin 1973 abgebildeten Schaufenster mit seriell nebeneinander stehenden, in farbloser Berliner Nachkriegsmode bekleideten Mannequinfiguren, könnten schon auf die vier Jahrzehnte später entstehenden Schauspieler hinweisen. Nicht nur, weil die als Diptychen angelegten, auf dicken Karton montierten Fotografien, skulpturale Qualität besitzen, sondern auch, weil sie zum einen ohne melancholische Versöhnung das Ausmaß der sozialen Zerstörung im amerikanisch-britisch-französisch besetzten West-Berlin aufzeigen und zum anderen die Dialektik von Spiegelung und Transparenz, von Introversion und Extraversion, von subjektiver Animierung und Konfrontation mit der leblosen Konsumwelt thematisieren.

Ich sage bloß, die Kunst ist eine Täuschung. Marcel Duchamp

Wie in ihren frühen Musikfotografien, die Ende der 70er-Jahre Schaufensterauslagen mit Blechinstrumenten, Hi-Tech Drums und seriell aufgereihten E-Gitarren in New Yorks Lower East Side festhalten, oder den nachfolgenden Ablichtungen kommerzieller Werbeprospekte von japanischen und amerikanischen HiFi-Anlagen, erfüllen auch die Schaufensterpuppen in der scheinbar zufälligen Auswahl des Objekts und der Indifferenz seiner Vereinnahmung das Grundkriterium des Ready-Mades.

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015,
Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Isa Genzken transformiert den Kunstkörper zum Kunstkörper, indem sie, nicht ohne Humor, den für eine wahrnehmende Identifizierung auf den ersten Blick geschaffenen künstlichen Körper aus der strukturellen Erstarrung löst und seiner schnellen Wiedererkennbarkeit – dem Reiz des Augenblicks – durch eine tranceartige Inszenierung affektiv getönter Innenwelten eine längere Betrachtungszeit entgegensetzt. Das das will ich haben wird zum das will ich sein. Isa Genzken führt Regie über das Spiel des Seins und öffnet in szenisch festgehaltenen Interpretationen den Blick in einen inneren Kosmos radikal verschobener Identitäten.

Ein junger Mann verkleidet sich als seine Mutter und spielt eine erregte Auseinandersetzung mit ihr vor, indem sie ihm/er sich die Begierde am anderen Geschlecht untersagt. Die verwirrende Szene, die in Hitchcocks Spielfilm Psycho durch den Blick des potenziellen Opfers gesehen wird, ist als Schattenspiel am Fenster zu beobachten. Das Schauspiel im Schauspiel täuscht den Zuschauer und ermöglicht ihm, aus seiner zwanghaften Sehnsucht nach Eindeutigkeit in die vieldeutigen Metamorphosen der menschlichen Psyche zu schauen. Die böse Mutter und der liebe Sohn sind ebenso eine Figur, wie der sympathische Motelbesitzer und der getriebene Serienmörder. Die zur Puppe mumifizierte Leiche der Mutter dreht sich schließlich dem Zuschauer zu und grinst ihn am Ende, im gleißenden Licht der hin und her schwingenden Glühbirne, aus ihrem Totenschädel an.

But I always say, one’s company, two’s a crowd, and three’s a party. Andy Warhol

Auch Isa Genzkens Schauspieler spielen mit den Möglichkeiten der Wahrnehmung und den Vorstellungen des Betrachters, in dessen Wahrnehmung das Bild des Dargestellten entsteht. So kann man sich bei einem Atelierbesuch, wie in Alfred Hitchcocks Film von einem Schattenspiel am Fenster täuschen lassen. Die Silhouetten der Schauspielerfiguren, die sich von draussen gesehen, im Atelierfenster abzeichnen, können ebenso wahrgenommen werden, als sei jemand da, wie die Erscheinung einer Gesellschaft als skulpturale Inszenierung im Raum zur Realität wird.

Wie bei Hitchcock spielen auch bei Isa Genzken Motive der Psychoanalyse – insbesondere das neurotische Verhältnis der Geschlechter – eine wichtige Rolle in der Darstellung der Schauspieler. Beide zeigen ihre Figuren vor dem Hintergrund der von Freud umschriebenen Wiederherstellung des glücklichen Urzustands als geteilte, gespaltene Subjekte und geben dem Betrachter Anhaltspunkte für die Rekonstruktion traumatischer Ereignisse und ihrer Folgen. Die Figuren werden dabei nicht erinnernd in eine lineare narrative Struktur gebracht, sondern verweisen als versprengte Teile pars pro toto auf ein vergangenes Erlebnis.

Ein Kind sieht zu, wie zwei Erwachsene ihre sexuellen Phantasien erleben. Dem unausweichlichen Blick auf das entblößte Geschlecht des am Boden liegenden Mannes kann sich auch der Zuschauer nicht entziehen, ebenso, wie dem Blick des Daliegenden zwischen die Beine der über ihm stehenden Frau. Die urtraumartige Szene, in der es keine körperliche Berührung zwischen den beteiligten Personen gibt, wird von Isa Genzkens Schauspielern gespielt und kann als zentraler Akt der insgesamt 16 Figuren umfassenden, im Sommer 2014 fertiggestellten Werkgruppe gesehen werden. Ihre Ausstellung in Salzburg hatte den merkwürdigen Untertitel Flugnummer „Wir müssen Ihren Penis amputieren“ (Schminkspiegel).

Der Wegfall einer ausschließenden Logik im Ausstellungsuntertitel führt, wie die Verdichtung der skulptural festgehaltenen Szene und seine ins zeitlose gebrachte Darstellung zu einer paradoxen Logik des Sichtbaren, in dem es keine trennenden Widersprüche gibt und Betrachter und Betrachtetes auf mysteriöse Weise miteinander verbunden werden.

Isa Genzken, Schauspieler II, 2014, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Isa Genzken, Schauspieler II, 2014,
Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Die Krise ist die Garderobe, wo begeisterte Umkleidung stattfindet. Tausche Ego gegen höheres Selbst – so lautet die immerwährende Annonce manischer Sinnsuche. Peter Sloterdijk

Wie bei der Auswahl des Erzählungsträgers nutzt Isa Genzken auch in der ästhetischen Gestaltung der Schaufensterpuppen die Methode des Ready-Mades. Eine Mischung aus neu gekauften und Spuren zeigenden abgetragenen, farbenprächtig schrillen und fetischisierend glatten Materialien dient, wie Spiegelfolien, Masken, Klebebänder, Lacksprays und allerhand Trash einer Verkleidung, die trotz augenfälliger aus- oder angezogener Nacktheit der Figuren, ihrer Zurschaustellung ein Verbergen gegenüberstellt.

Die Kinderfigur in der oben beschriebenen Szene trägt eine Rettungsweste, die um die Schultern gehängt – wie eine Zwangsjacke – mit ihrem Gurt den Oberkörper samt Arme umfängt. Der Unterleib wird vorn rockartig von einer Spiegelfolie, hinten von einem herunterhängenden Pullover bedeckt. Das knallrot gesprayte Gesicht bleibt hinter dem heruntergezogenen Gitter eines Footballhelms verborgen.

Die Puppe steht so im Gesamtensemble, dass sich Ihr Gesichtsfeld auf die am Boden liegende Männerfigur ausrichtet, deren nur mit Gummistiefeln bekleideter Unterkörper von einem aufgeschlagenen Mantel freigegeben wird. Die knallrote Farbe im Gesicht der Kinderfigur wiederholt sich am angedeuteten Geschlechtsteil der Männerpuppe und an ihrem linken Auge, welches zwischen die Beine der darüber stehenden Frauenfigur gerichtet ist, deren Körper figurbetont kleidartig mit Spiegelfolie beklebt und deren Kopf unter einem Pappkegel verborgen wird, auf dem in Gesichtshöhe ein Ganzkörperfoto von Isa Genzken aufgeklebt ist.

Alle drei Figuren werden durch gesprayte Körperflächen, die die sichtbar gemachte Nacktheit in den verschiedenen Momenten des Ausgezogen- oder Angezogenseins wieder verbergen, in einer Schlüsselszene miteinander verbunden, welche sich durch die abgewandelte Wiederholung der ästhetischen Gestaltung auf alle anderen 13 Männer-, Frauen -, Mädchen- und Jungenfiguren überträgt. Jeder einzelne Schauspieler kann als Teil des Ganzen identifiziert werden.

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Isa Genzken, Schauspieler III, 2015,
Courtesy Galerie Buchholz, Berlin, Köln, Hauser & Wirth, Zürich/London, David Zwirner, New York, Installationsansicht/exhibition view: Isa Genzken. New Works, MMK Museum für Moderne Kunst, 2015 Foto/photo: Axel Schneider © VG-Bild Kunst, Bonn 2015

Ich ist ein anderer. Rimbaud

Innerhalb einer anderen Figurengruppe steht, der Szene abgewandt, eine weibliche Figur im abgetragenen roten Lederoutfit. Lederhose und Lederjacke sind schwule Fetischkleidungsstücke, die Isa Genzken viel getragen hat und in denen sie auch oft fotografiert wurde. Die von hinten betrachtet verwirrend echt wirkende Darstellerin ist ebenso eine Erscheinung, wie die Täuschung, Isa Genzken darin zu erkennen, eine Wahrheit ist. So offenbaren und verbergen Isa Genzkens Schauspieler im vielfältigen Spiel ihrer Erscheinungen eine radikale Wahrheit, die als Kakophonie der Wahrheit, ihrer Verspiegelung, die Wahrheit des Kunstwerks verunmöglicht oder sogar ganz auflöst.

Das Verwirrspiel rund um die Wahrheit der Isa-Genzken-Puppe zeigt dies in besonderem Maße. Wenn die Schöpferin des Kunstwerks sich selbst darin spielt und als Puppe darstellt, wird sogar die Autorschaft des Werkes im Spiegelsaal der Verwirrung aufgelöst. Das Kunstwerk wird zur reinen Fiktion, die nichts mehr darstellt, was außerhalb der Darstellung noch an Realität interessiert. Die „Wahrheit“ wird damit radikal in Frage gestellt.

Ulrich Höfler 

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