Die Göttliche Komödie/Spotted

House Music and the Second Coming of Jesus – Elektronische Musik in Südafrika

Im Rahmen der Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ steht dieses Mal afrikanische Musik im Fokus des MMK Sunset am 11. Juni. Während Samy Ben Redjeb im MMK sein Label „Analog Africa“ vorstellen wird und die Bewohner Frankfurts mit Musik aus allen afrikanischen Ländern der in der Ausstellung vertretenen Künstlern verwöhnen wird, begrüßen wir auf MMK Notes einen weiteren besonderen Gast. Stefan Schürer ist in Berlin im Bereich der Musikproduktion tätig und berichtet für uns über die elektronische Musikszene in Südafrika und seinem aktuellen Dokumentarfilmprojekt „Berlin, ZA“.

Our policy is one which is called by an Afrikaans word: Apartheid. And I’m afraid it’s being misunderstood so often. It could just as easily – and perhaps much better – be described as a policy of good neighbourliness.

– Hendrik Verwoerd, South African Prime Minister 1958 – 1966

Dieser Tage ruhen die Hoffnungen vieler Südafrikaner, denen an Versöhnung gelegen ist, auf der „Born Free“-Generation – der ersten Generation Südafrikas, für die der Begriff Apartheid keine alltägliche gesellschaftspolitische Vokabel mehr ist, die im öffentlichen Leben bis in die letzte Instanz durchexerziert wird. Es sind junge Menschen, die in einem Umfeld aufgewachsen sind, das sich von der rassistischen Politik Südafrikas der 1940er bis 90er Jahre emanzipiert hat. Eben diese Generation ist der offenkundigste Hoffnungsträger für ein Land, das seinen Ruf als geopolitisch Aussätziger nach außen hin zwar bereits abgelegt hat; das jedoch von 50 Jahren Apartheid deutlich gezeichnet ist.

Als jemand, der ein fast schon zwanghaftes Verhältnis zur Musik hat, war ich mehr als erstaunt – fast schon ein wenig schockiert -, als ich vor erst etwa einem Jahr zum ersten Mal näheres über die elektronische Musikszenen in Kapstadt, und Johannesburg erfahren habe: in den letzten Jahren ist in Südafrika eine kulturelle und ökonomische Infrastruktur für elektronische Musik entstanden. Obwohl man in Europa in der Regel nicht allzu viel von Techno, House, Glitch und Bass Music aus Südafrika mitbekommt – und obwohl für viele Europäer konservativerer Bauart allein die Vorstellung nennenswerter elektronischer Musikkultur aus Afrika generell eine enorme gedankliche Hürde darstellen mag – überflügeln die Szenen in Kapstadt und Johannesburg ihre europäischen Counterparts in manchen Hinsichten sogar bei weitem.

Wer rechnet schon damit, dass Südafrikas populärster House-DJ in seinem Heimatland nicht etwa Bars und Clubs, sondern Stadien bis unter die Decke füllt? Wenn Black Coffee in seiner Heimatstadt Durban oder in Johannesburg auflegt, muss man sich nicht wundern, wenn mehr als 10.000 Menschen versuchen, Tickets zu ergattern. Doch auch abseits von den ganz großen Namen der Szene, tut sich einiges: Die „Born Free“-Generation und ihre großen Geschwister haben in den letzten Jahren eine beachtliche Zahl von musikalischen Subkulturen hervorgebracht, die südafrikanische und internationale kulturelle Einflüsse mühelos miteinander zu vereinbaren scheinen. Auch hier lässt sich jedoch bei genauerem Hinsehen erkennen, dass die Tendenz – je nach kultureller Herkunft und heritage – unter sich zu bleiben, ein aktuelles Thema ist…

Kurz nachdem ich zum ersten Mal von all dem erfahren habe, hatte sich in meinem Kopf auch schon der Gedanke verankert mich näher – und vor allem greifbarer – mit dem Thema befassen zu wollen. Wenige Wochen später war ich auf dem Weg nach Südafrika, um mir ein genaueres Bild zu machen, und mit den Urhebern und Teilhabern der elektronischen Musikszenen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Der Gedanke, dass Musik unter widrigen gesellschaftlichen Bedingungen einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt, hat mich schon immer fasziniert – ob im Fall von früher Blues-Musik und Folk oder Punk Rock und Hip Hop. Trotz der Hoffnung, die oftmals mit Südafrikas heranwachsender Generation assoziiert wird, und trotz der versöhnlichen Worte über eine „Rainbow Nation“, sind die Folgen der Apartheid noch immer allzu deutlich zu spüren: Sicher erinnert die Welt-Design-Hauptstadt Kapstadt im richtigen Licht mitunter an das eitle Nizza, man muss allerdings nicht weiter als bis zum Wahrzeichen der Stadt schauen, um sich zu vergegenwärtigen, wie prekär die Lage für viele Menschen dort immer noch ist: Hinter dem postkartenerpobten Table Mountain erstrecken sich noch immer Townships, aus denen Menschen täglich in die Inner Cities pendeln, um dort zu arbeiten; Menschen, denen über weite Teile des letzten Jahrhunderts nicht nur der Zugang zu Bildung, sondern zu jeglicher Form gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe, gewaltsam verwehrt worden ist.


Aus meiner anfänglichen Neugier und meiner temporär gekränkten Musik-Nerd-Ehre ist inzwischen ein ausgewachsenes Dokumentarfilmprojekt geworden, das sich eingehend mit dem Thema „elektronische Musik in Südafrika“ und der jüngeren gesellschaftspolitischen Geschichte Südafrikas befassen soll. Das beistehende Video ist ein kurzer Ausschnitt aus einem von unzähligen Research-Interviews, die ich im Februar 2014 in Johannesburg und Kapstadt für das Doku-Projekt „Berlin, ZA“ führen konnte. Gesprächspartner ist Amaru da Costa – seines Zeichens Label Manager bei Soulistic Music, dem wahrscheinlich erfolgreichsten House-Label des Landes. Einem Label, um das sich die Karierrefantasien junger DJs und Produzenten in Südafrika ranken, und das von niemand geringerem als bereits erwähntem Black Coffee gegründet wurde.

Text von Stefan Schürer

Mit deutsch-westafrikanischen Hintergrund in Ostafrika geboren, lebt Stefan Schürer in Berlin und arbeitet dort im Bereich der Musikproduktion, Filmdramaturgie sowie der dokumentarischen Stoffentwicklung. Durch seine vielseitige Arbeit hat er sich eine beachtliche Repertoire-Kenntnis angeeignet. Momentan arbeitet er an dem Dokumentarfilmprojekt „Berlin, ZA“, das sich sich zurzeit in der Finanzierungsphase befindet.

http://www.theguardian.com/music/2012/jun/28/new-band-petite-noir
http://www.dontparty.co.za/


Ein Kommentar zu “House Music and the Second Coming of Jesus – Elektronische Musik in Südafrika

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