Die Göttliche Komödie/knowing

Zwischen Grenzen und darüber hinaus: Der Multimedia-Künstler Guy Wouete

Die künstlerische Praxis des 1980 in Douala, Kamerun geborenen Guy Wouete pendelt zwischen den Genres. Er bedient sich der Malerei, Bildhauerei, Videokunst und Fotografie: Die jeweilige Thematik seiner Werke bestimmt die Form. Nachdem Wouete als künstlerischer Assistent in verschiedenen Ateliers in Douala arbeitete, eigene Ausstellungen bekam und 2008 an der 8. Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst Dak’art teilnahm, entschied er sich für ein Studium an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Seit 2010 lebt und arbeitet er in seiner Heimatstadt Douala und in Antwerpen, Belgien.

Filmstill, Who Cares?, Guy Wouete, 2009

Filmstill, Who Cares?, Guy Wouete, 2009

„Meine Multimedia-Arbeit ist Teil eines Gesamtkonzepts, das unter anderem darauf angelegt ist, den Begriff von Grenze und Migration wieder menschlicher zu betrachten. Meine Kunst erhebt keinen Anspruch auf einen geografischen Raum, sie bezieht sich nicht auf eine Farbe oder ein Genre.“ (2)
Guy Wouete

So wie sich der Künstler auf kein Medium festlegt und sich zwischen dem afrikanischen und dem europäischen Kontext bewegt, so thematisieren seine Werke die Zustände des Übergangs, des Dazwischen, der Migration. Diese Erfahrungen von Raum und Bewegung sind universell – und werden durch Prozesse der Globalisierung, wie wachsende Mobilität oder Dezentralisierung, nur noch verstärkt. Wouete konzentriert sich in seinen Arbeiten auf die Übersetzung dieser Migrationserfahrung in eine ästhetische Sprache und geht dabei stets von den eigenen, individuellen Gefühlsregungen und Emotionen aus. Auch wenn Wouete sich in diesem dynamischen, experimentellen Prozess von konzeptuellen oder gar politischen Betrachtungsweisen distanziert, beinhalten seine Arbeiten soziale Kritik und das Aufzeigen gesellschaftlicher Problematiken.

In seinem Projekt Next Week, welches er 2010 in Malta realisierte, reiste Wouete beispielsweise auf den Inselstaat und besuchte dort verschiedene Lager für MigrantInnen, die drei Jahre zuvor als temporäre Einrichtungen entstanden und sich bis 2010 zu regelrechten Wohnsiedlungen entwickelten. Denn viele von den oftmals aus West- und Zentralafrika stammenden Flüchtlinge suchen über Malta den Weg nach Europa. Was als Zwischenschritt in eine hoffnungsvollere Zukunft gedacht war, wird zum regelrechten Gefängnis. Das Lager kann, im Sinne von Michel Foucault, als heterotoper Ort gelten: ein Mikrokosmos mit eigenen zeitlichen und räumlichen Strukturen, der die in ihm lebenden Menschen von der Gesellschaft isoliert. Guy Wouete führte Interviews mit den Flüchtlingen. Hierbei entstanden Videos (u.a. auch der Film Corridor, der am Dienstag im Filmmuseum gezeigt wird) sowie Fotografien von den trostlosen Baracken und Menschen, die hoffen und sich fragen: „Where am I going to be? Next Week?“

Guy Wouetes Schaffen ist durch sein Hauptinteresse an dem Thema der Immigration und der Grenze, bzw. Grenzerfahrung geprägt. Indem er als westafrikanischer Künstler an einer europäischen Kunstakademie studierte und seither als nomadic artist zwischen Europa und Afrika pendelt, weiß er selbst um die ambivalente Verortung der eigenen kulturellen Identität: „Als ich in Europa ankam, war ich mit der Frage der Migration konfrontiert, egal ob nun legal oder illegal, und worum es geht, ist, dass ich ein Migrant aus einem armen Land bin.“ (3)

Guy Wouete > La Sainte-Cène II > 2011 from The One Minutes on Vimeo.

Der Historiker und Ethnologe James Clifford schlug in seinem Aufsatz „Travelling Cultures“ die Neudefinition von Kultur als Reise vor: „If we rethink culture and its science, anthropology, in terms of travel, then the organic, naturalizing bias of the term culture – seen as a rooted body that grows, lives, and dies, etc. – is questioned.“ (4) Nach Clifford beschränkt sich das Verständnis von Kultur nicht allein auf geografisch determinierte Orte und ihre Grenzen, sondern bezieht Übersetzung und Bewegungsströme ein, wie sie durch Reisende und Migranten erzeugt werden. Es sind diese Bewegungsströme, welche bedeutungsstiftend für ein globales Kulturverständnis wirken, die Wouete in seiner künstlerischen Praxis untersucht.

Er selbst stellt international aus, seine Arbeiten entstehen nicht nur auf der trans-afrikanischen Achse, sondern, wie an den Entstehungsorten der im Filmmuseum zu sehenden Werke Wouetes deutlich wird, in Ländern auf der ganzen Welt. Seine Praxis als globaler nomadischer Künstler lässt sich am besten anhand des Begriffs „ethnoscapes“ (5) beschreiben, der von Ethnologe Arjun Appadurai geprägt wurde: Als Bestandteil einer dynamischen Vorstellung einer globalen Welt, konstituieren sich die ethnoscapes aus denjenigen reisenden Kulturen (wie schon von Clifford bestimmt), welche die verschiedenen Orte der Welt verknüpfen und somit immer neue räumliche Konfigurationen herstellen. Das Konzept einer Diaspora oder die Differenz von Heimat/Ausland verwischen, Identität lässt sich nicht mehr an einen singulären Ort binden.

Für eine solche Auffassung von Identität, die sich gegen festgeschriebene Vorstellungen von Kultur und Orten richtet, steht Guy Wouetes künstlerisches Schaffen. Sowohl inhaltlich als auch formal und strukturell, schafft Wouete es, mit seinen Arbeiten aus einer durch Emotionen und subjektiven Erfahrungen geprägten Perspektive Fragestellungen aufzuwerfen, die letztendlich jeden betreffen.

Marie Sophie Beckmann (*1989), Bachelorabschluss in Medien- und Kulturwissenschaft an der Universität Düsseldorf, derzeit Masterstudium der Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik an der Goethe- Universität und Städelschule in Frankfurt.

Literaturhinweise:

(1) Artist Statement von Guy Wouete, veröffentlicht durch die Gallery MOMO: http://www.gallerymomo.com/artists/guy-wouete/images/index/

(2) Guy Wouete im Interview mit dem Online Magazin „Contemporary And“: http://www.contemporaryand.com/de/magazines/the-political-rulers-are-still-not-taking-us-in-the-direction-of-a-peaceful-world/

(3) Guy Wouete im Interview mit dem Online Magazin „Contemporary And“: http://www.contemporaryand.com/de/magazines/the-political-rulers-are-still-not-taking-us-in-the-direction-of-a-peaceful-world/

(4) James Clifford: Travelling Cultures. In: Lawrence Grossberg, Cary Nelson u. Paula Treichler: Cultural Studies, New York 1992, S.101.

(5) Vgl.: Arjun Appadurai: DisjunctureandDifferenceintheGlobalCulturalEconomy.In:ModernityatLarge: Cultural Dimensions of Globalization, Minneapolis 1996, S.33.

 

Die Filmreihe zur Ausstellung „Die Göttliche Komödie

Die Reihe präsentiert ausgewählte Filme aus dem erweiterten Feld der afrikanischen Filmproduktion. Zu sehen sind Filme, die Wahlverwandtschaften mit Dantes bildnerischer Dichtung eingehen. Das Motiv der Reise in die jenseitige Welt entlang mythologischer Spuren, Geschichten von Frauen und Männern und ihrer unmöglichen Liebe, die Welt unter Tage, die Zonen des Ausharrens, die Gefängnisse und Paradiese des Wartens und die Wirklichkeit der Elemente schlagen sich in den Filmen nieder, die real und irreal auf die Verhältnisse postkolonialer Identitäten blicken.

Programm Dienstag, 27. Mai

18.00 Uhr: Sechs Videos von Guy Wouete

Corridor, 2010, 10’44“, DVD (Malta), OmU
Who Cares?, 2009, 5’11“ DVD (Marrakesch, Marokko), OmU
Rite, 2008, 16’48“, DVD (Penja, Kamerun)
L’imminent Tsunami, 2007, 4’53“ DVD (Bamako, Mali), OmU
African Traffic, 4’34“ DVD (Cotonou, Bénin), OmU
Esperamos, 2009, 1’10“ (Havanna, Kuba)

„Meine Kunst beansprucht keinen geographischen Raum noch hängt sie an Farben oder Genres. Meine Kunst handelt im Kern auch nicht von den Schmerzen und den Übeln, die das Fleisch angreifen und den Geist pervertieren. Meine Kunst schöpft im Empfindlichen hier und jetzt; sie erforscht den konfliktbesetzten Verstand, den ‚entscheidenden Moment’, in dem sich Gesagtes und Ungesagtes (un)vernünftig treffen.“ (G.W.)

In Anwesenheit des Künstlers.

20.30 Uhr: Man No Run (Dokumentarfilm)
Claire Denis, Frankreich 1988, 90′, OmU

Claire Denis’ Film, der die kamerunische Avantgarde-Band „Les têtes brûlées“ bei ihrer Frankreich Tournee 1987 begleitet, konzentriert sich auf das Backstage-Leben der Musiker und deren Begegnung mit der außerirdischen französischen Provinz, bis sich erst ganz zu Schluss die Energie ihrer Musik ins Freie entlädt.

Eintritt: 7 / 5 Euro
Kartenreservierung: 069 961 220 220

Veranstaltungsort:
Deutsches Filmmuseum, Schaumainkai 41, 60594 Frankfurt am Main
http://www.deutsches-filmmuseum.de

Eine Kooperation des MMK mit dem DIF Deutsches Filminstitut.
Die Reihe wird kuratiert von Marie-Hélène Gutberlet mit Abrie Fourie und Guy Wouete .

Mehr Infos zum Programm: http://www.mmk-frankfurt.de/de/events/filmprogramm/

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