Die Göttliche Komödie/Reviewed

Dante und das afrikanische Kino – Ein Gespräch mit Marie-Hélène Gutberlet über die Filmreihe zur Ausstellung

Filmstill, Man No Run, Claire Denis, Frankreich 1988

Filmstill, Man No Run, Claire Denis, Frankreich 1988

In Mauretanien bricht ein 17 jähriger, junger Mann nach Europa auf. Vor der Abreise besucht er in einem kleinen Küstenort am Atlantik seine Mutter, um sie ein letztes Mal zu sehen. Während er dort sitzt und wartet, beobachtet er die Nachbarn und vorbeilaufenden Passanten durch ein kleines Fenster. Er wird eins mit dem Raum, der ihn zwischen seinem alten und seinem neuen Leben gefangen hält. In Frankreich tobt sich die kamerunische Punkband Les têtes brûlées –  Die verbrannten Köpfe – durch französische Konzerthallen. Aber wir hören sie nicht spielen, sondern warten wie sie auf den nächsten Auftritt. Sie langweilen sich im Tourbus, lümmeln auf Sofas, in Betten und Wartesälen, während sie stetig durch das Land reisen, dem Befremden der Franzosen ausgeliefert.

Dies sind Eindrücke aus der Filmreihe des MMK, die im Zuge der aktuellen Ausstellung „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“, ab dem 06. Mai im Deutschen Filmmuseum zu sehen ist. Die Reihe ist unter Leitung der freien Kuratorin und Publizistin Marie-Hélène Gutberlet und in Zusammenarbeit mit den Künstlern Abrie Fourie und Guy Wouete entstanden. Die Filmreihe zeigt ausgewählte afrikanische Filmproduktionen namhafter und weniger bekannter Regisseure und Regisseurinnen, Künstler und Künstlerinnen. Wir trafen Marie-Hélène vergangene Woche und sprachen mit ihr über ihre Motivation sich mit afrikanischem Film auseinanderzusetzen, über die Filmreihe selbst und der ihr zugrunde liegenden Ideen und die Frage nach dem, was afrikanischer Film überhaupt ist.

Marie Hélène Gutberlet aufgewachsen in Deutschland, der Schweiz und Benin, studierte in Frankfurt am Main und Basel Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Philosophie und  Kunstgeschichte. Sie promovierte 2004 mit einer Arbeit über das afrikanische Kino. Als freie Autorin und Kuratorin setzt sie sich unter anderem mit afrikanischem Film, insbesondere dem afrikanischem Autorenfilm auseinander. Dabei stellt sie immer wieder die Frage nach der Beziehung zwischen Kino und Migration, Transnationalität und Postkolonialität.

"Orfeu Negro" FR/IT/BRA 1959

Filmstill Orfeu Negro / Schwarzer Orpheus
 (Spielfilm), Marcel Camus, Brasilien / Frankreich / Portugal 1959

Gezeigt werden in ihrer Filmauswahl für das MMK genreübergreifend Filme verschiedener und zu weiten Teilen afrikanischer Künstler und Filmemacher: von weltweit bekannten Spielfilmen wie Marcel Camus’ „Orfeu Negro“ (1959), Claire Denis’ Dokumentarfilm „Man No Run“ (1988), oder William Kentridges gezeichnetem Animationsfilm „MINE“ (1991), dessen Filme „Felix in Exile“ (1994) und „History of the Main Complaint“ (1996) bereits auf der documenta X vertreten waren, bis hin zu weniger bekannten Kunstfilmen von Donna Kukama, Jacques Coetzer, Guy Wouete, Neil Beloufa oder Vincent Meesen. Diese heterogene Auswahl wirft Fragen auf. Was verbindet Gutberlets Filmauswahl mit der „Göttlichen Komödie“, und Afrika?

Es sind weniger die drei zentralen Themenkomplexe von Himmel, Hölle, Fegefeuer, die die Filme zusammenführen als vielmehr ein Struktur-gebendes Motiv aus Dantes Text, das als Leitmotiv der Filmreihe dient: Die Reise, die Bewegung, und darin eingeschlossen das Warten, das Gehen, das Zurückbleiben. Im Bild der aufgehaltenen Bewegung räsoniert ein Innehalten und Reflektieren der eigenen Position und der Bedingungen, unter denen interkontinentale Bewegungen und eben auch transkulturelles Leben und Arbeiten im Zeitalter der globalen Ströme möglich oder eben auch unmöglich sind, und für wen.

Nach einer Antwort auf die Frage was genau der „afrikanische“ Film sei, wird man in dieser Filmreihe keine einfache Antwort finden. Gutberlet geht es nicht darum das „Afrikanische“ kenntlich zu machen und zu kategorisieren, sondern den Blick zu öffnen und diesen von Festschreibungen zu lösen, und wenn es klappt plural, vielschichtig und komplex zu machen. Den Begriff des „afrikanischen Films“ ist aus ihrer Sicht problematisch; der Kontinent Afrika mit seinen 54 Ländern sei einerseits zu groß und seine Filmgeschichte zu komplex als dass man ihn derart vereinfacht unter einen Begriff setzen könne. Gutberlet geht es andererseits aber auch darum, den Begriff des „Afrikanischen“ offen und so groß wie möglich abzustecken. So spielen nationale bzw. kulturelle Zugehörigkeiten in den Filmen eine Rolle, sind aber kein hinreichendes kuratorisches Kriterium, denn zwischen einem politischen Identitätsdiskurs und der einzelnen künstlerischen Position und Praxis können Welten liegen. Die Stärke der ausgewählten Filme besteht eben darin, dass sie nicht etwa „afrikanische“ Positionen und Perspektiven verteidigen, sie entkräften die mit diesen Zuschreibungen einhergehenden Hierarchisierungen in der internationalen Kulturpraxis und -politik indem sie sich nicht um den Zugehörigkeits-, Identitäts- und Differenzdiskurs scheren, sondern mit dem eigenen Selbstverständnis sichtbar werden.

Filmstill, Heremakono (Warten auf Glück), Abderrahmane Sissako, Mauretanien / Frankreich 2002

Filmstill, Heremakono (Warten auf Glück), Abderrahmane Sissako, Mauretanien / Frankreich 2002

Auf diese Weise werden ortspezifische Themen und Fragestellungen der afrikanischen Geschichte und Gegenwart in der Filmreihe ausschließlich aus einer spezifischen künstlerischen Perspektive sichtbar. William Kentridge beispielsweise, bearbeitet in seinem Film „MINE“ die Geschichte des Bergbaus in Südafrika während der Apartheid-Ära, in der die Problematik der bis heute ungeklärten Besitzverhältnisse des Bodens mitschwingt. Auch diesen Teil der Geschichte findet Gutberlet motivisch in Dantes Epos wieder. Im Herabsteigen, im Eindringen in die höllischen Tiefen untertage und die damit verbundenen Qualen. MINE, das im englischen „Grube“ bedeutet und zugleich das besitzanzeigende Pronomen „mein“ ist, weist auf die Verbindung zwischen Bergwerk und Besitz hin. Deshalb entschloss sich Gutberlet für die Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Künstler Abrie Fourie, der in den 1990er-Jahren an der Kunsthochschule in Pretoria die Video-Sammlung MINE gründete. MINE ist ein Archiv, das Arbeiten südafrikanischer Künstlerinnen und Künstler zusammenträgt. Fourie fragt sich in diesem Projekt, wie Künstler und Künstlerinnen heute mit ihrer südafrikanischen Geschichte umgehen und was sich aus ihrer Sicht dazu sagen lässt. Auch hier findet sich das Motiv der Bewegung, des Umherziehens, der Reise und des Ausgrabens, was verschütt ging und brach liegt.

Am ersten Abend wird die Filmreihe mit einem Kurzfilmprogramm aus der MINE-Sammlung eröffnet.  Dabei ist der Film des Künstlers Teboho Edkins, der dieses Jahr für seinen Film „Gangster Backstage“ in Oberhausen den Preis des internationalen Wettbewerbs gewann. Teboho Edkins verschränkt in seinem Film Interview-Sequenzen mit Akteuren aus dem Gangster-Milieu mit nachgestellten verdichteten Szenen, in der sie ihr Leben und ihre Erlebnisse erzählen und zeigen.

Im Vordergrund steht für Gutberlet die Kunst zu erzählen. Das Kino als magischer Ort, der Gefühle und Gerüche, Bilder und Sounds zurückholen kann, die man längst vergessen glaubte, der Orte, an denen man nie war, heimisch erscheinen lässt, der etwas von der Wirklichkeit zeigt und wie sie aus einer spezifischen Perspektive auszusehen verspricht, was man so noch nie zuvor gesehen hat. Was macht das Kino mit mir und mit dem Bild der Wirklichkeit? Wie wird im Film über Zeit und Raum verfügt? Welche Geschichten, welche Geografie, welche Formen? Das liebt sie am Kino. Was sie wirklich interessiere, sei die durch den Film eröffnete Möglichkeit über die Bedingungen des Lebens und des Sehens zu sprechen. Warum sich Marie-Hélène Gutberlet auch für Arbeiten nichtafrikanischer Künstler wie Marcel Camus oder Claire Denis entschied, erklärt sich aus der Situation afrikanischer Kultur und Kunst. In Afrika existieren seit Jahrhunderten Kunstzentren, afrikanische Kunst sei aber nicht geografisch oder biografisch auf den Kontinent festlegt, sondern strahlt längst in alle Teile der Welt und sei geschichtlich und biografisch längst eine Weltkultur, die überall zu sehen und zu spüren ist.

Text von Selina Stefaniak, Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt. 

Marie Hélène Gutlebert wirkte bereits an zahlreichen Projekten und Filmreihen mit. So kuratierte sie unter anderem von 2003 bis 2009 die Experimental- und Kurzfilmreihe „reel to real“ im Mousonturm in Frankfurt und 2012 im Auftrag des Goethe-Instituts in Johannesburg die Filmreihe „NightFever“. Sie richtete die Ausstellung „THE SPACE BETWEEN US“ in den ifa-Galerien Berlin und Stuttgart aus und gab 2013 den gleichnamigen Katalog heraus. Gemeinsam mit der südafrikanischen Kulturschaffenden Cara Snyman kuratierte Gutberlet die Ausstellung „SHOE SHOP“ in Johannesburg. Aktuell ist sie an dem von der Bundeskulturstiftung geförderten TURN-Projekt „Visionary Archive“ beteiligt.

Die Filmreihe zur Ausstellung

Die Reihe präsentiert ausgewählte Filme aus dem erweiterten Feld der afrikanischen Filmproduktion. Zu sehen sind Filme, die Wahlverwandtschaften mit Dantes bildnerischer Dichtung eingehen. Das Motiv der Reise in die jenseitige Welt entlang mythologischer Spuren, Geschichten von Frauen und Männern und ihrer unmöglichen Liebe, die Welt unter Tage, die Zonen des Ausharrens, die Gefängnisse und Paradiese des Wartens und die Wirklichkeit der Elemente schlagen sich in den Filmen nieder, die real und irreal auf die Verhältnisse postkolonialer Identitäten blicken.

Eintritt: 7 / 5 Euro
Kartenreservierung: 069 961 220 220

Veranstaltungsort:
Deutsches Filmmuseum, Schaumainkai 41, 60594 Frankfurt am Main
http://www.deutsches-filmmuseum.de

Eine Kooperation des MMK mit dem DIF Deutsches Filminstitut.
Die Reihe wird kuratiert von Marie-Hélène Gutberlet mit Abrie Fourie und Guy Wouete . 

Die Filmreihe geht am Dienstag, den 13. Mai im Deutschen Filmmuseum weiter.
Mehr Infos zum Programm:
 http://www.mmk-frankfurt.de/de/events/filmprogramm/

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