Die Göttliche Komödie/talking

Interview mit Wangechi Mutu

Schmucklose Tische aus Holzlatten, wie in Wangechi Mutus Installation Metha (2010), wurden während des Genozids im ost-afrikanischen Ruanda 1994 benutzt, um Berge vertrockneter Leichen aufzubewahren. Das Werk entfaltet sich in der linearen Anordnung der Tische, die an die Massaker erinnern und eine Ehrerbietung an die Opfer darstellen, indem Schüsseln voll Wein und Milch auf den Anfang und das Ende des Lebens verweisen. Mit der Arbeit möchte die Künstlerin eine Diskussion darüber anstoßen, wie Menschen noch immer Gewalt, Mord und Verstümmelung als Methode verwenden, um das zu vernichten, was wir als negativ oder minderwertig ansehen. „Metha“ bedeutet „Tisch“ auf Kiswahili. Der Tisch an sich ist ein Ort der Versammlung: Wir essen am Tisch, treffen dort zusammen, sitzen bei Feiern um ihn herum. Familien, Paare und Würdenträger treffen hier Entscheidungen darüber, ob sie sich zusammenschließen oder trennen, miteinander teilen oder einen vollständigen Bruch vollziehen.

Wangechi Mutu (Kenia, 1972) lebt und arbeitet in New York. Sie machte 2000 ihren MFA an der School of Art and Sculpture der Yale University in New Haven. Seit Mitte der 1990er Jahre hat es bei Wangechi Mutus Werken – Gemälden, Zeichnungen, Installationen – den Anschein, als entstammten sie der
Perspektive der ewigen Außenseiterin, als sei sie gleichermaßen angezogen und abgestoßen von der Entdeckung jedes neuerlichen Verbrechens in den Ländern, in denen sie sich aufhält. Viele ihrer bisherigen Arbeiten befassen sich mit den unzähligen Formen von Gewalt gegen Frauen und ihre
bewusst falsche Darstellung, vor allem der schwarzen Frauen, in der Welt der Gegenwart. Ihre Werke sind auf zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt worden.

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Wangechi Mutu, Metha, 2010 Installationsansicht / Installation view MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto / photo: Axel Schneider © MMK Frankfurt


MMK/C&: Um was geht es in deiner Arbeit, die im MMK ausgestellt wird?

Wangechi Mutu: Der Moment im Jahr 1994, als der Genozid in Ruanda passierte, war einer dieser rasanten und unfassbaren Dinge: Ich lebte gerade in den USA und war in dem Frühling zu Besuch bei meiner Mutter, meiner Familie. Sie hatte erwähnt, wie die Menschen gerade aus Ruanda nach Kenia flüchteten. Auch in der Kirche sprachen sie dort darüber. Zu der Zeit konnten wir das Ausmaß dieses Ereignisses gar nicht begreifen. Es war gleichzeitig so fern aber doch so nah, weil die wenigen Überlebenden nach Kenia oder in den Kongo kamen.

Ich erinnere mich an eine Geschichte die ich über meine Mutter erzähle. Sie ist sehr konsequent, in dem was sie tut. Sie kocht z.B. immer nur einen bestimmten Fisch aus dem Lake Victoria und niemals Meeresfisch. An diesem Tag hatte sie sich jedoch dazu entschieden, Meeresfisch zu kochen, weil die Leichen des Genozids in den Lake Victoria gespült wurden. Der extreme Überschuss an „Nahrung“, die flussaufwärts in den See gespült wurde, hatte einen rapiden Anstieg in der Fischbevölkerung verursacht.
Ich erinnere mich daran, dass ich die Mahlzeit gegessen hatte und dabei dachte, dass wir nun die Körper essen müssen, dass sie irgendwie auf diese Weise wieder in unser Leben eintreten, durch diese Tiere. Daher bin ich gleichermaßen entsetzt wie gefesselt von diesem Zyklus aus Tod, Leben, Gewalt und Wiedergeburt.

Das Wort „Metha“ bedeutet Tisch und kommt aus dem portugiesischen „mesa“. Die toten Körper, die zu dokumentarischen und gerichtsmedizinischen Zwecken aufbewahrt wurden, wurden auf Tischen aus Holzlatten platziert. In meiner Installation, benutze ich auch die Tische, weil sie an Altäre erinnern, die in Kirchen zu finden sind. Diese waren gleichzeitig eine der grausamsten Orte, an denen die Menschen umgebracht wurden in Ruanda. Viele waren in die Kirchen geflüchtet, jedoch wurden sie oft vom religiösen Oberhaupt des Hauses an die Miliz ausgeliefert oder sie wurden direkt in der Kirche verbrannt. Der Tisch ist also eine Art Opfertisch, eine Erinnerung, ein Dokument, ein Vorbote des Potentials menschlichen Hasses, der Manie aber auch der Effizienz der Morde.

MMK/C&: Wie ist die Arbeit entstanden?

Wangechi Mutu: Der kreative Prozess geht für mich durch viele Ebenen. Es gibt eine Idee, die mich nicht mehr loslässt und mich verfolgt. Sie hat nicht immer gleich eine Form. Ich denke an dieses Mahl und sehe diese Bilder in den Zeitungen und auf CNN. Und all diese Dinge sind irgendwie größer, als alles, womit ich kämpfen kann. Dann recherchiere ich jene Sachen, die mich faszinieren und irgendwann wird mir klar, dass ich es auf eine bestimmte Weise repräsentieren will. Ich denke, der Tisch war für mich schon immer etwas Besonderes, ein gar formeller Ort, wo wir zusammen kommen, um uns auszutauschen, zu romantisieren, um zu diskutieren. I wähle ein Objekt oder eine Sache und dann nutze ich es als Versuchsfeld, um zu sehen, wie diese Sache dieses riesige Thema repräsentieren kann.

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Wangechi Mutu, Metha, 2010 Installationsansicht / Installation view MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto / photo: Axel Schneider © MMK Frankfurt


MMK/C&: Welche Bedeutung haben die hängenden Weinflaschen?

Wangechi Mutu: Ich wollte unbedingt die Idee des Weins als Stellvertreter für Blut und als rituelles Element forcieren. Statt Tiere oder Menschen zu opfern, wird diese Flüssigkeit benutzt, um das Töten eines Menschen zu symbolisieren. In der katholischen Kirche symbolisiert es den Körper, das Blut Jesu.

Eines der schönen Dinge an dem tropfenden Wein ist, das es nicht nur aussieht wie Blut, es ist auch lebendig. Es ist ein Element wie Milch. Es kann ranzig werden, schlecht riechen, aber als Flüssigkeit, bleibt es lebendig. Es produziert mehr und mehr Bakterien.
An dem Eröffnungsabend in Texas, erfüllte der Duft der frisch geöffneten Weinflaschen den Raum. Am nächsten Morgen jedoch, roch es auf einmal nach Hefe. Die Hitze und Feuchtigkeit in Texas hatten den Wein also in Brot verwandelt und ich dachte mir, dass dies das Wunder ist, das ich mir erhofft hatte und über das ich so viel nachgedacht hatte; wie dieser Tod in Essen verwandelt wurde, und uns aufrechterhalten würde.
In gewisser Weise, ironischer Weise, entstand aus diesem Massaker neues Leben, es ist ein morbider Gedanke. Viele dieser Frauen wurden vergewaltigt während dieses Krieges, aber über diese Gewalttat sind auch viele Kinder geboren worden.

MMK/C&: In der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte wurde die „Göttliche Komödie“ von vielen Künstlern interpretiert – so zum Beispiel von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg. Welche Rolle hat diese Geschichte in Deiner Auseinandersetzung mit dem Thema gespielt?

Wangechi Mutu: Was ich wirklich sehr ergreifend an der Göttlichen Komödie finde – und ich setze die Göttliche Komödie auch auf diese Weise ein – ist der Gebrauch einer sehr bestimmten Metapher, als ein Weg, ein sehr bestimmtes Thema herauszuarbeiten.
Mir gefällt was Simon Njami über Dantes Beziehung zu verschiedenen Menschen in Florenz gesagt hat; die Geschichten die Dante für jede einzelne Person in der Göttlichen Komödie geschaffen habe, seien sehr persönlich und basieren auf seiner eigenen Ausgrenzung in Florenz. Man versteht dann, wie genial Dante darin war, einen Ort zu schaffen, wie ein Gott, in dem es einen Ort für alle Existenzen gibt. Besonders für diejenigen, die er nicht mochte, kreierte er wirklich schwierige, qualvolle, ewige Existenzen in dieser Welt. Ich finde das sehr fesselnd und unglaublich.

Die Erschaffung riesiger Welten und Menschen in diese Welten zu stecken, der Vorstellungskraft also zu erlauben, diese zu verfremden, sie zu bestrafen, sie zu bereichern, sie zu zerstören, ist so wichtig. Diese Geschichte wird dadurch zur Heilsalbe, zur Medizin, die es erlaubt einen anderen Weg zu gehen, einen anderen Gedanken zu fassen. Wir können tatsächlich Orte für diese Fantasien erzeugen, um all diese Dinge auszuleben und auszuspielen. Für mich ist das auch das wichtige in der Kunst, diese Szenarien auszuleben, so dass sie nicht im echten Leben passieren.

MMK/C&: Welche Rolle spielen Religion und Ethik in deinem künstlerischen Schaffen? Was bedeuten Ihnen persönlich die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer? Zu welchem Bereich des Jenseits gehört Ihre Arbeit?

Wangechi Mutu: In der Ausstellung ist die Arbeit im Bereich der Hölle eingeordnet. Aber für mich gibt es keine wirkliche Aufteilung in Himmel, Hölle und Fegefeuer. Ich denke nicht wirklich in diesen Kategorien. Meine Arbeit ist nicht so sehr im Jenseits verortet, sondern eher in einer Traumwelt von Fantasien, Alpträumen und Tagträumen. Ich glaube fest an die Interpretation von Träumen, aber nicht in einem okkulten Sinn. Im afrikanischen Glaubenssystem schlüsseln wir es auf eine andere Art und Weise auf: Es gibt bei uns die Lebenden, und die lebenden Toten, die wirklich Toten und die Ungeborenen. Wir sind die Lebenden, wenn wir hier auf dieser Erde sind, die lebenden Toten sind diejenigen, die gestorben sind, aber weiterhin einen gewissen Einfluss auf uns ausüben, weil sie gerade erst gestorben sind. Aber hauptsächlich liegt der Grund, für ihre Macht, darin, dass sie tot sind, aber wir uns immer noch an sie erinnern. Sie sind im Tod lebendig – sie sind immer noch am Leben.

Der lebende Tod ist mir also sicherlich am liebsten. Diejenigen, die tot sind bis zu einem Punkt, an den ich mich nicht erinnern kann, sind interessant für mich, Sie haben aber nicht solch eine Kraft zu motivieren oder zu verändern, wie diejenigen, an die ich effektiv denke. Also lebt meine Arbeit, wenn überhaupt in diesem Reich – aber es ist nicht das Jenseits nach dem Leben, sondern das Jenseits unmittelbar direkt nach dem Leben.

 

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Wangechi Mutu in ihrer Installation „Metha“ im MMK © MMK Frankfurt

Interview with Wangechi Mutu

The installation Metha(2010) consists of slatted wooden tables and suspended bottles dripping wine and milk. During the 1994 massacre in the East African state of Rwanda, the slatted table
tops were used to hold heaps of shrivelled bodies. This piece de¬velops around the linear arrangement of the tables, recalling those used during the genocide. On the tables are bowls filled with milk and wine as direct references to the beginning and end of life, and thus serving as an homage to the people killed. With Metha, which means “table” in Kiswahili, the artist’s aim is to spark a discussion on how we are still using violence, killing and mutilation as means of eliminating what we consider to be nega¬tive or inferior. The table is the place of congregation per se: we eat around a table, meet there, hold parties around it and conduct rituals on it. Families, couples and dignitaries gather at tables and make very crucial decisions about whether to unite or to divide, to share or to undertake radical rupture.

MMK/C&: What is the work exhibited at the MMK about?

Wangechi Mutu: The moment in 1994 when the genocide in Ruanda happened was one of these very quick and almost intangible things. I was in the United States at the time and I went to visit my mom, my family that spring. She`d been mentioning to me how people were leaving, running away, from Ruanda to Kenya. They spoke about it in my mother’s church as well. At that time we couldn`t comprehend the magnitude of it. It was at the same time far but also very near as the few survivors came to Kenya and the Congo.

I remember a story that I often tell relating to my mom’s cooking. She is very consistent and always cooks a very particular kind of fresh-water fish from Lake Victoria, not ocean fish. However, that day she decided to cook ocean fish, because all of the bodies from the genocide had ended up in Lake Victoria. The excess of “food” that was coming down the rivers had caused a boom in the fish population. And I remember eating the food and thinking that we have to eat these bodies, they have to be somehow reentered into our lives through these animals. So I’ve always been completely horrified and captivated by this circle of death, life, violence and reincarnation.

The word “metha” means table and actually comes from the Portuguese word “mesa”. The dead bodies had been preserved for record-keeping and forensic purposes and where placed on these slatted wooden tables. The table also reminds of the altar in churches. These are one of the most graphic areas in which people were killed in Ruanda. Many had fled to the churches, but were often given up to the militia by the church’s head or would just be burned inside. So this surface is in a way like a sacrificial table, a memory, a document, a preserved signifier of the potential of the human hatred, the mania but also the efficiency in the killing.

MMK/C&: How did you go about the creative process?

Wangechi Mutu:The creative process for me goes through many layers. There is the idea that doesn’t leave me and haunts me. It doesn’t always have a form. I see this meal that I was eating and I see these pictures from the newspaper and CNN and all these things are bigger than anything I can grapple with. And then I research this thing that I’m fascinated with, and it occurs to me at some point that I want to represent it in this one particular form. I think the table for me has always been a very significant, even formal place where we come together to commune, to converse, to romance, to discuss. I pick an object or an item and then I use that thing as a kind of testing ground to see how I would make this thing signify this massive issue.

MMK: What about the hanging bottles?

Wangechi Mutu: I wanted to really push the notion of wine as a surrogate for blood and as a ritual element. Instead of sacrificing an animal or person you use this liquid to symbolize the killing of a person because that is such a powerful thing. No matter how easily or quickly it can be done. Even killing a chicken or a ram is the giving of a life. This liquid is used in the Catholic Church to symbolize the body, the blood of Christ.

One of the beautiful things about dripping the wine is that it doesn’t only look like blood – it’s also alive, it’s an element like milk. It may become rancid and smell bad but it’s actually still alive as a liquid. It’s creating more and more bacteria.

At the opening night in Texas, the smell of the freshly opened wine bottles filled the room. The next morning, however, it started to smell like yeast. Because of the warmth and the humidity in Texas, the wine had turned into the bread and I thought to myself, this is the miracle that I was hoping for and had been thinking about this whole time, how this death had turned into food that would sustain us.

In some ways, ironically, this massacre has made for more life, which is so morbid. Many of these women were raped during this war and out of them many, many children were born.

MMK/C&: In European-North-American art history, the “Divine Comedy” has been interpreted by numerous artists (such as Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí or Robert Rauschenberg) – what role did this play for you in respect to your engagement with the topic?

Wangechi Mutu: What I find really poignant about the Divine Comedy and I actually use the Divine Comedy in this way – is the utilization of a certain kind of metaphor as a way of working out a particular kind of issue.

I love one of the things that Simon Njami said about Dante’s relationship with different people in Florence and that these stories that he had created for each and every person in the Divine Comedy were very personal, were based on his own ostracization in Florence and that these massive narratives that he gave them, really come out of this deep feeling of rejection. Then you really understand that this guy was genius enough to create some place, like a god, a place for everybody to exist in. Especially for those he didn’t like, he created really difficult, torturous, eternal existences in that world. I think that’s really powerful and amazing.

The creation of these enormous worlds and placing people there and allowing your imagination to contort them, to punish them, to enrich them, to destroy them is so important. That story becomes the salve, the medicine that allows you to now pursue a different way of life, a different thought. We can actually create spaces for the imagination to live out and play out all of these things. That is what I think is so important about art, to play out these scenarios so they won’t happen in real life.

MMK/C&: The over 50 art pieces in the exhibition are assigned to the areas heaven, hell and purgatory. What realm of the afterlife does your work belong in?

Wangechi Mutu: In the exhibition the work is situated in hell. But for me there is not really a separation in paradise, purgatory and hell. I don’t really think in that way. I guess my work is not really so much in the afterlife as it is situated in the dream world, in imagination, nightmares as well as daymares. I’m a big believer in the interpretation of dreams but not in an occult way. In the African belief system, we have another way of breaking it down: There’s the living, and the living dead and the dead dead and the unborn. The living are us when are here, the living dead are the people who have died but retain a certain amount of power amongst us because they just died. But mostly, the reason why they retain power is because the living dead are the people who are dead and that we still remember, the ones we pray to or are still in touch with. They are living dead – they are still alive.

So the „living dead“ is probably my favorite. Those who have been dead to the point that I don’t remember are interesting to me but they don’t affect me as much as those that i actually think have the power to shift and motivate. So I think that my work lives in that realm if anything – but it’s not the aftern after life, it’s the afterlife, right after life.

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