Die Göttliche Komödie/Reviewed

Der Zeuge

Ab Samstag, den 12. April gastiert das Schauspiel Frankfurt mit dem Theaterstück „Der Zeuge“ in den Ausstellungsräumen des MMK. Im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Die Göttliche Komödie“, wählte die Regisseurin Leonie Kubigsteltig das zweite Stück der britischen Autorin Vivienne Franzmann, das hiermit erstmals in Deutschland aufgeführt wird. Im Zentrum steht der in die Jahre gekommene Kriegs-Fotograf, Joseph, der während des Genozids in Ruanda sein bedeutendstes Motiv aufnahm. Dieses Foto zeigt einen Leichenberg in einer Kirche, daneben ein Baby, das nach seiner toten Mutter schreit. Dieses Baby hat er damals bei sich aufgenommen und wie seine Tochter aufgezogen. Jahre später erfährt sie um die wahren Begebenheiten, die zu dem Foto führten. Kurz vor der Premiere gewährt uns Dramaturgin Henrieke Beuthner einen Blick hinter die Kulissen.

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Ein Text von Henrieke Beuthner

In diesen Tagen finden überall auf der Welt Gedenkfeiern statt, die an die Toten des Genozids in Ruanda erinnern. 20 Jahre ist es her, dass hunderttausende Tutsi bei den Angriffen der Hutu in Ruanda starben, geblieben sind zerrissene Familien, traumatisierte Überlebende und jede Menge unzulänglich verarbeitete Geschichte. Gleichzeitig ist in der vergangenen Woche die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus auf einem ihrer Einsätze in Afghanistan erschossen worden – mitten in ihrer Mission, die Menschen auf das Grauen in der Welt aufmerksam zu machen.

Das Theater hat zugegeben eher selten das Glück, dass es auf akute zeitpolitische Themen reagieren kann, zu lange ist die Vorlaufzeit in den Planungen. Im Fall von »Der Zeuge« von Vivienne Franzmann konnten wir der Zeit gewissermaßen ein Schnippchen schlagen: über ein Jahr ist es her, dass die Regisseurin Leonie Kubigsteltig auf den Text aufmerksam wurde, der durch die Konstellation von einem Kriegsfotografen und zwei Genozid-Überlebenden Fragen aufwirft, die aktueller und existenzieller kaum sein können. Wie weit darf Fotografie gehen, wenn Menschenleben im Spiel sind? Darf ein Foto manipuliert werden, um einen Schmerz wahrhaftiger darzustellen? Wo zieht man moralisch die Grenze zwischen Dokumentation und unterlassener Hilfeleistung? Was geschieht mit den Menschen hinter dem Foto – auf der Seite des Fotografen, aber auch auf der Seite der Fotografierten?

Wenn also Kunst so explizit auf Leben trifft, liegt der Gedanke nahe, einen besonderen Ort dafür zu finden, in dem genau diese Fragen verhandelt werden. Mit dem MMK Museum für Moderne Kunst haben wir den für uns perfekten Ort gefunden, inmitten der Ausstellung „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“, die Kombination dieser Themen hat einen Reiz, dem man sich kaum entziehen kann.

Seit Mitte März laufen unsere Proben, wir erforschen den Text, beschäftigen uns mit dem Werk und den Biografen von bekannten Kriegsfotografen wie Don McCullin oder James Nachtwey. Wir durchleuchten die Figuren, tauchen tiefer in die Abgründe menschlichen Handelns und in die Auswirkungen von Kriegstraumata ab. Durch unsere Schauspieler Alina Vimbai Strähler (Schauspielstudentin aus Zürich), Nyamandi Mushayavanhu (Schauspielstudent aus Frankfurt) und Till Weinheimer (Ensemble Schauspiel Frankfurt) wird die Geschichte von Tag zu Tag mit mehr Leben angereichert. Im Vorfeld der Produktion gab es mehrere Castings, aus denen wir letztlich unsere beiden jungen Schauspieler für die Rollen der ruandischen Kinder ausgewählt haben.

Die letzten Tage haben wir nun im Museum verbracht, jenseits der regulären Öffnungszeiten, wenn die Besucher gegangen und die Kunstwerke sich selbst überlassen sind. Eine spannende Erfahrung sicherlich, die sich nun bereits dem Ende zuneigt. Ein Tag verbleibt noch bis zur Premiere am Samstag, die letzten Szenen werden geschliffen, die letzten Korrekturen gemacht, bevor sich dann die Türen öffnen, um das Ergebnis unserer Arbeit zu präsentieren.

Henrieke Beuthner ist seit der Spielzeit 2011/12 Dramaturgie-Assistentin am Schauspiel Frankfurt.

„Der Zeuge
Regie
: Leonie Kubigsteltig, Bühne: Daniel Wollenzin, Kostüme: Raphaela Rose, Video: Adrian Figueroa, Dramaturgie: Henrieke Beuthner, Besetzung: Alina Vimbai Strähler, Nyamandi Mushayavanhu, Till Weinheimer

Premiere: Samstag, 12. April, 20 Uhr (ausverkauft)

Weitere Termine:
Dienstag, 15. April (ausverkauft)
Donnerstag, 17. April (ausverkauft)
Samstag, 17. Mai
Sonntag, 18. Mai (ausverkauft)

Weitere Informationen

Kartenvorverkauf: http://www.schauspielfrankfurt.de
https://www.facebook.com/schauspielfrankfurt

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