Die Göttliche Komödie/Interviewed

Interview mit Andrew Tshabangu

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Bekannt wurde der Fotograf Andrew Tshabangu (*1966 Soweto, Südafrika) durch seine
subtilen und atmosphärisch dichten Schwarzweiß­-Aufnahmen, in denen er die Transformationen seiner Heimatstadt erkundete. Dokumentarisch und poetisch zugleich, steht Tshabangu in der
Tradition einer sozial engagierten Fotografie, die in Südafrika mit Namen wie David Goldblatt, Santu Mofokeng oder Guy Tillim ver­bunden ist. In dem bereits sechsten Gespräch unserer Interviewserie, in Kooperation mit C&, sprachen wir mit Tschabangu über seine zehnteilige Foto-Serie „On Sacred Ground“, die zurzeit im MMK zu sehen ist.

Er studierte unter anderem am Institute of Advancement for Journalism (1998) und am Alexandra Community Art Centre in Johannesburg (1991). Er erhielt ein Stipendium vom Gasworks Art Studios in London (1998) und unterrichtete Fotografie am Children’s Photography Workshop (1995) und dem Market Photo Workshop in Johannesburg (1998-1999). Er wurde vielfach ausgestellt in Afrika, Europa, den USA and Japan und hat an vielen internationalen Kunstworkshops teilgenommen.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

Andrew Tshabangu: Da die Arbeit, die ich für diese Ausstellung eingereicht habe, über einen Zeitraum von über 15 Jahren entstanden ist und den Fokus auf die religiösen Praktiken in Südafrika und auf der Insel Réunion legt, war eine solche Auseinandersetzung nicht wirklich relevant. Bevor ich eingeladen wurde, an der Ausstellung teilzunehmen, hatte ich noch nie etwas von Dante gehört und wusste nichts über seine Werke. Als die Einladung kam, habe ich angefangen, zu Dante zu recherchieren. Mir gefallen seine Gedichte, vor allem die „Göttliche Komödie“.

Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

 

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

AT: Als Fotograf bin ich in erster Linie ein gesellschaftliches Wesen, und mein Wesen bestimmt mein Bewusstsein. Damit will ich sagen, dass mein Wesen meine Selbstwahrnehmung und meine Wahrnehmung der Umwelt bestimmt. Meine Beziehungen mit anderen Menschen prägen meine Arbeit.

Ich stelle Fotografien her, die den Betrachter hoffentlich ansprechen und zu einer Quelle von Inspiration, Freude und Bildung werden. In anderen Worten geht es mir darum, mit meiner Arbeit eine Erfahrung zu schaffen, die die Zufriedenheit des Betrachters vertieft, intensiviert und erweitert, damit er oder sie durch die Begegnung mit dem Werk wachsen und neuen Sinn finden kann.

Am besten lässt sich das verbildlichen, indem ich meine Schaffensweise skizziere: Meine fotografische Arbeit ist durch die Tatsache motiviert, dass die Realität durchzogen ist mit widersprüchlichen Elementen, die nebeneinander bestehen und so zum Chaos und zur Unordnung führen. Die Fotografie erlaubt es mir, Ordnung in dieser mich umgebenden Unordnung zu schaffen. Zuerst denke ich über all die widersprüchlichen Elemente nach und entwickle dann eine Kernidee, die ein einheitliches Konzept ausdrückt, ohne dabei die Unterschiede zu verfälschen. Ich verwerfe bestimmte Bestandteile der Umgebung und nehme andere wiederum an, sodass ich meine Grundidee festhalten und präsentieren kann.

Meine Arbeit sollte im Kontext dessen, was mich antreibt, interpretiert werden, davon bin ich fest überzeugt. Meine Aufgabe in der Gesellschaft, als Fotograf, ist es nicht, der Gesellschaft das zu zeigen, was sie schon weiß. Ich sehe meine Rolle vielmehr als die einer empfindlichen Antenne, durch die die Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst erlangt, ihrer Sehnsüchte, Träume, Abbrüche und Fehlschläge, ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und dessen, was sie in der Zukunft sein will. Als Fotograf habe ich einen einsamen Beruf, so wie die des Schriftstellers, aber die Menschheit ist ihr zentral.

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

AT: Dantes „Göttliche Komödie“ hat überhaupt keine Rolle in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema gespielt. Als ich eingeladen wurde, eine Arbeit für die Ausstellung einzureichen, war es aber interessant für mich zu entdecken, dass manche Themen, mit denen ich mich seit Jahren in meiner Arbeit befasse, Parallelen mit Dantes Ideen über die Hölle/das Fegefeuer/den Himmel aufweisen.

Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

AT: Seit vielen Jahren arbeite ich zu den religiösen Bräuchen in Südafrika und auf der Insel Réunion. Für mich ist es wichtig, die Menschen, die ich fotografiere, zu respektieren, auch wenn ich ihre Ansichten nicht immer teile. Für mich ist es entscheidend, dass ich mir von den Menschen, von denen ich Bilder mache, die Erlaubnis einhole, bevor ich sie während einer religiösen Zeremonie fotografiere.

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

AT: Meine Arbeit wurde für die Kategorie Fegefeuer ausgewählt. Sie passt gut zu diesem Bereich des Jenseits: Im Zuge der Arbeit an den Bildern ist mir klar geworden, dass die rituellen religiösen Bräuche und Zeremonien für die Menschen, die an ihnen teilnehmen, eine gemeinschaftliche wie auch individuelle Suche nach Erneuerung darstellen, eine Antwort auf die Banalität und den Schmerz des Alltags. Ein Abwischen des alltäglichen Staubs, sozusagen. Religiöse Bräuche zeigen uns die Bedeutung, die Afrikaner der Menschheit beimessen. Für Afrikaner basiert die Religion auf der Realität, dass die Menschheit im Zentrum des Seins steht, und dass jeder Konflikt zwischen Menschen die Gemeinschaft wie auch das Individuum aus dem Einklang mit dem Universum geraten lässt. Das ist für Afrikaner das Fegefeuer, ein Zustand, der durch Sühne überwunden werden kann.

Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

AT: Es geht um religiöse Bräuche in Südafrika und auf der Insel Réunion.

 

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Andrew Tshabangu, On Sacred Ground, 2008 Zehnteilige Fotografie-Serie, Courtesy der Künstler und Gallery MOMO, Johannesburg

Interview with Andrew Tshabangu

Andrew Tshabangu (*1966 Soweto, South Africa) studied at a number of institutions, amongst them, the Institute of Advancement for Journalism (1998) and at the Alexandra Community Art Centre in Johannesburg (1991). He was awarded a scholarship by the Gasworks Art Studios in London (1998), and taught Photography at the Children’s Photography Workshop (1995), and at the Market Photo Workshop in Johannesburg (1998-1999). He has exhibited widely in Africa, Europe, the USA and Japan and has participated in many international art workshops abroad.

The exhibition’s point of departure is Dante‘s “Divine Comedy”. In the run-up to the exhibition, how relevant was it for you to actually engage with Dante’s work?

Andrew Tshabangu: It was not necessarily relevant because the work that I am submitting for this exhibition spans a period of over fifteen years and its focal point is religious practices in South Africa and Réunion Island. Before I was approached to participate in this exhibition, I did not know who Dante was or any of his works. Upon invitation I began to research Dante and I particularly like his poetry, especially the “Divine Comedy”.

In its merging of Christian beliefs and moral values as well as classical pagan topics, the “Divine Comedy” represents a deeply-rooted Eurocentric concept of society, values and culture. The exhibition aims at dismantling the European prerogative of interpretation and looking at it from a new angle. To what extent do you think this approach can lead to the Eurocentric interpretational sovereignty being generally put into question?

AT: As a photographer, I am first a social being and it is my being that determines my consciousness. What I mean is that my being determines my self-awareness and awareness of my environment. It is my relationship with other human beings that informs my work.

I produce photographs that hopefully will resonate with the viewer so that the work becomes a continual source of inspiration, enjoyment and education. In other words, I would like my work to provide an experience that deepens, intensifies and extends the viewer’s satisfactions so that he or she may be enlarged by it and derive new meaning from it.

The best way to illustrate this point is by sketching my process for making images. The process of my photographic endeavour is propelled by the fact that reality is riddled with conflicting elements that co-exist and create a reality that is chaotic and therefore disorderly. Photography enables me to impose an order on the disorder around me. I think through all the conflicting elements and come up with a core idea that best expresses a unified concept without falsifying the differences. I reject certain features of the environment but also accept others so that I can capture and present my main idea.

I strongly believe that my work is best interpreted within the context of what makes me do what I do. My role in society, as a photographer, is not to present to society what it already knows; rather, I see it as that of a sensitive antenna through which society becomes aware of itself, its yearnings, dreams, abortions and miscarriages, its past, present and what it would like to be in the future. My occupation, as a photographer, like that of a writer, is a lonely one but places humanity at its centre.

In European-North-American art history, the “Divine Comedy” has been interpreted by numerous artists (such as Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí or Robert Rauschenberg) – what role did this play for you in respect to your engagement with the topic?

AT: Dante’s “Divine Comedy” did not play any role whatsoever in my engagement with the topic. However, I found it very interesting to realise, when I was asked to submit work for this exhibition, that some of the concepts that I have been dealing with in my work over time have parallels with Dante’s ideas on hell/purgatory/heaven.

How do religion and ethics feature in your artistic practice? And consequently, what do the terms heaven/hell/purgatory mean to you personally?

AT: Over many years, I have been working on the theme of religious practices in South Africa and Réunion Island. It is important to me to respect the people I photograph even if I do not necessarily share their point of view. It is crucial that I get permission from the people that I make images of before photographing them during a religious ceremony.

The over 50 art pieces in the exhibition are assigned to the areas heaven, hell and purgatory. What realm of the afterlife does your work belong in? How did this allocation come about?

AT: My work was selected for the purgatory category. It lends itself to this realm of the afterlife because in the course of making the images, I was struck by the reality that in their practice of religious ritual and ceremony, people reflect a communal and individual quest for renewal from the banality and pain of everyday life. It is, as it were, a way to wash off everyday dust. It is through religious practices that we realise the significance that Africans attach to humanity. Religion for the African is based on the reality that humanity is at the centre of all existence and any conflict between people leaves a community and the individual out of kilter with the universe. This, for the African, is purgatory; a state that can be transcended through atonement.

What is the work exhibited at the MMK about?

AT: It is about religious practices in South Africa and Réunion Island.

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