Die Göttliche Komödie/Reviewed

Das Paradies ist der Hölle so nah – Die Geschichte der 72 Jungfrauen

Die 72 Jungfrauen bei der Anprobe

Die 72 Jungfrauen bei der Anprobe

Meine Sicht ist eingeschränkt. Das Korsett schnürt meinen Körper ein. Der bodenlange transparente Rock lässt nur kleine kontrollierte Schritte zu. Die Unsicherheit beim Tragen des Kostüms überspiele ich mit Stolz. Als Teil dieses meditativen und gleichwohl irritierenden Rituals folge ich tranceartig der einstudierten halbstündigen Choreographie. Am Fuße des Podests stehend ist es meine Aufgabe, mit aufrechter, graziler Haltung und langsamen, fließenden Bewegungen die übrigen Frauen, Houris genannt, zu begehren, zu ehren und sie in das Licht zu führen, an dessen Ende ein unbekannter geheimnisvoller Märtyrer auf sie wartet, dem sie versprochen sind. Langsam entkleiden sich die Frauen auf dem Podest gegenseitig zur Musik, in der orientalische Klänge auf elektronische Komposition und säuselnde Frauenstimmen auf das Stöhnen eines Mannes treffen: „So which of the favors of your lord would you deny?“

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Neben mir sind 71 weitere Frauen in Kostüme eingekleidet, die Majida Khattari eigens für die Performance „Houris“ als Teil der Ausstellung „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“ im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main entworfen und angefertigt hat. Die Kostüme vereinen Tradition, Moderne und Futurismus. Es sind zarte, strahlend silber-weiße Gewänder, die aus vielen Einzelteilen bestehen. Das Ankleiden am Eröffnungstag nimmt viel Zeit in Anspruch. Die unzähligen Stoffstreifen und Schnüre werden im Nacken und am Rücken gebunden. Das Korsett scheint dem weiblichen Brustkorb nachgebildet zu sein. Skelettartig zeigt und versteckt es den nackten weiblichen Körper. Einige der Performerinnen entkleiden sich im Laufe der Performance komplett, andere wiederum tragen das Kostüm für die Gesamtdauer der Performance und spielen mit der Erwartungshaltung des Betrachters in einem Nebeneinander aus jungfräulicher Unschuld und verführerischer Erotik. Eine übergroße Maske mit strahlenartigem Kranz und Spiegelfolie beklebt, verschleiert die Gesichter der einzelnen Frauen und macht sie unerkennbar. Hinter den Masken stecken individuelle Frauen aus ganz unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen, die sich auf die Ausschreibung zum Casting für Khattaris Performance gemeldet haben. Über Aushänge, Anzeigen und soziale Netzwerke rief das MMK einen Monat vor der Performance im Einkaufszentrum MyZeil zur Teilnahme an einem Casting auf. Die Altersspanne reicht von 18 bis 40 Jahre. Unter ihnen Schülerinnen, Studentinnen, Arbeitnehmerinnen, Museumsmitarbeiterinnen, Mütter. Ein Zwillingspärchen nimmt teil. Eine der jungen Frauen erscheint mit ihrer Mutter. Die Beweggründe zum Mitmachen sind genau so unterschiedlich wie die einzelnen Persönlichkeiten: Einmal etwas Neues ausprobieren, einmal Teil eines Kunstwerkes sein, einmal eines der aufwendigen Kostüme tragen, einmal mit einer Künstlerin zusammenarbeiten, einmal Einblick in eine andere Kulturgeschichte erhalten.

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Generalprobe von Performance „Houris“, Majida Khattari 2014

Im Gespräch mit Majida Khattari habe ich einen Einblick in ebendiese Kulturgeschichte erhalten, aus der sie schöpft und die den Ausgangspunkt für ihre künstlerische Praxis darstellt. Houris, das sind 72 Jungfrauen, die dem Märtyrer im islamischen Glauben versprochen werden. 72 Frauen von atemberaubender Schönheit, unberührt, unschuldig und doch stark, berechnend und verführerisch. Als auffällig beschreibt Khattari die eindringlichen Augen: dunkle große Pupillen umgeben von strahlendem Weiß. Das Gegenüber spiegelt sich in den Gesichtern der Jungfrauen, deren Erscheinung fast durchsichtig ist. Die Interpretationen ihres Erscheinungsbildes sind vielfältig und werden immer wieder neu gedeutet. Majida Khattari übernimmt und rekonstruiert dieses Bild in ihrer Performance, die am Eröffnungsabend der Ausstellung zu sehen war. Die Inszenierung erzählt die Geschichte der Houris, die den Märtyrer im Himmel in Empfang nehmen und ist Khattaris Deutung der islamischen Paradiesvorstellung. Die 72 Jungfrauen wurden den Selbstmordattentätern des 11. Septembers und den jungen Soldaten im Irak-Krieg versprochen. Khattari kritisiert in ihrer Kunstpraxis die Vermischung von Politik und Religion durch religiösen Extremismus.

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Die 72 Houris schreiten während der Eröffnung der Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ am 20. März an den Besuchern vorbei

Die marokkanische Künstlerin, lebend und arbeitend in Paris, sieht neben Fotografie, Zeichnung und Installation im Modedesign mit ihrer „Fashion Show / Performance“ und „Clothing Sculpture“ ein Ausdrucksmittel ihrer künstlerischen Arbeit. Den thematischen Schwerpunkt bildet hierbei die Frau, der sowohl in der orientalischen, als auch in der westlichen Kultur und Kunstgeschichte gegensätzliche Rollen zugeschrieben werden: Auf der einen Seite die der würdevollen, erhabenen Göttin, die Verführerin und starke Herrschaftsfigur ist, auf der anderen Seite die der devoten, bescheidenen Keuschheit, die sich verschleiert und (religiös-motivierten) traditionellen Werten und Regeln unterzuordnen hat. In Khattaris Arbeit wird der weibliche Körper zum Austragungsort ebendieser Konflikte. Sie bedient sich dem Spiel zwischen Erotik und Unschuld und setzt durch die Zelebrierung des weiblichen Körpers ein Zeichen für die Selbstbestimmtheit der Frau. „La femme est toujours une source d’angoisse pour l’homme (Die Frau ist immer auch eine Quelle der Angst für den Mann)“, so Majida Khattari in einem Interview, als ich sie zur Rolle der Frau in ihrer Arbeit befrage.

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Performance „Houris“, Majida Khattari, 2014

Die Kostüme und Masken bleiben als Relikte auf der Bühne liegen und sind zusammen mit Fotografien eines Frauenaktes sowie einem Video von der Performance während der gesamten Ausstellungsdauer im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main im „Himmel“ auf der ersten Ebene im MMK zu sehen. Der Himmel als Ort für Hoffnung, Sehnsucht, Verlangen, Göttlichkeit – aber auch Verlust, Verblendung und trügerisches Versprechen? Majida Khattari zeigt, dass paradiesische Freuden und Höllenqualen immer Hand in Hand gehen: „Those who feared will be driven to paradise“, haucht die Stimme aus den Lautsprechern während der Performance.

Ein Text von Miriam Bettin (Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik, Goethe Universität/Städelschule Frankfurt)

2 Kommentare zu “Das Paradies ist der Hölle so nah – Die Geschichte der 72 Jungfrauen

    • Liebe Kolleginnen und Kollegen des mmk notes,
      wir danken Euch sehr, dass Ihr mit diesem tollen Beitrag auch an der Blogparade anlässlich der Ausstellung „Erwin Wurm: One Minute Sculptures“ teilnehmt.
      Herzliche Grüße
      Silke Janßen vom Städel Blog

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