Die Göttliche Komödie/talking

Interview mit Ato Malinda

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010 Film still, Courtesy of the artist

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010 Film still, Courtesy of the artist

Diese Woche sprachen wir gemeinsam mit C& mit der kenianischen Künstlerin Ato Malinda. Ato Malinda bewegt sich hauptsächlich im Bereich der Performance-, Installations- und Videokunst. Sie wuchs in den Niederlanden, Kenia und Texas auf. Malinda erkundet in ihrer Arbeit ostafrikanische Identitäten, der teilweise noch nicht offengelegten Geschichte Kenias und dessen postkoloniales Erbe. Mit einem überhöhten Bewusstsein für kontextualisierte afrikanische Performance, die in eine Ästhetik von Sichtbarkeit eingehüllt ist, repräsentiert sie eine neue Generation von zeitgenössischen afrikanischen Künstlerinnen. Sie studierte Kunstgeschichte an der Universität von Texas in Austin und ist seither praktizierende Künstlerin. Sie war bisher in Ausstellungen auf dem afrikanischen Kontinent, Europa und der Karibik zu sehen.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

Ato Malinda: Einzelne Passagen eines jeden Teils hatte ich während meines Studiums gelesen, daher war mir der Text bekannt. Zur Vorbereitung der Ausstellung habe ich sie teilweise noch einmal gelesen (aber nicht alles).

Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

AM:Ich nehme die Ausstellung nicht so wahr, dass sie darauf ausgerichtet ist, die europäische Hegemonie hervorzuheben. Nach meinem Verständnis wollte Simon afrikanische Kunst in eine Linie mit der Metapher von Dantes Dichtung stellen. Das heißt nicht, dass im Kontext, in dem die Ausstellung gezeigt wird, Eurozentrismus und Post-Kolonialismus nicht bewusst gemacht werden. Vielmehr geht es in dieser Ausstellung für mich darum, sich von den üblichen Kontexten, in die afrikanische KünstlerInnen dauernd gestellt werden, abzuwenden, und wirklich über (die Erfahrung von) Kunst und Dichtung zu sprechen.

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010 Film still, Courtesy of the artist

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010 Film still, Courtesy of the artist

Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

AM: Natürlich war mir die Bedeutung der Komödie bewusst, aber ich habe mir die Interpretationen anderer KünstlerInnen nicht angesehen.

Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

AM: Ich interessiere mich sehr für afrikanischen Paganismus und finde vorkoloniale Gottesverehrung unheimlich fesselnd und angebracht. Die Begriffe Himmel, Hölle und Fegefeuer beziehen sich auf eine monotheistische Gottesverehrung, die ich als einschränkend empfinde. Natürlich ist das eine persönliche Sichtweise, da man zu solchen Themen nie für andere sprechen kann.

Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

AM: Meine Arbeit gehört ins Fegefeuer. Ich finde, ich passe gut ins Fegefeuer. Ich gebe nie vor, irgendwelche eindeutigen Antworten zu haben und finde, dass es in meinem Leben und meiner Arbeit darum geht, den Raum zu finden, um die Unwägbarkeit des Lebens anzunehmen. Die Arbeit, die ich für diese Ausstellung eingereicht habe, erzählt von der afrikanischen Hybridität; einer afrikanischen Identität, die Einflüsse aus Asien und Europa hat; einer afrikanischen Identität, die der Authentizität trotzt.

Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

AM: Wie schon erwähnt, geht es in der Arbeit um Afrika im 21. Jahrhundert. Sie erzählt die Geschichte eines paganen Glaubens, der durch die Migrationsbewegungen des Kolonialismus beeinflusst wurde. Im Video geht es um die uralte afrikanische Wassergöttin Mami Wata, die lange vor der Ankunft der EuropäerInnen von AfrikanerInnen verehrt wurde, jedoch erst im 15. Jahrhundert in die Geschichtsschreibung einging. Festgehalten wurde, dass die AfrikanerInnen seit der Sichtung europäischer Schiffe Wassergottheiten mit den EuropäerInnen verbinden. Während des Kolonialismus, in den 1880er Jahren, brachte der bekannte deutsche Jäger Breitwieser eine Ehefrau aus Südostasien nach Deutschland. Unter dem Künstlerinnennamen „Maladamatjaute“ trat Breitwiesers Frau als Schlangenbeschwörerin in Hamburg in der Völkerschau im Tierpark Hagenbeck auf, letztendlich einem menschlichen Zoo. Die Hamburger Druckerei von Adolph Friedländer druckte eine Chromolithographie der Schlangenbeschwörerin, deren Original niemals wieder auftauchte. Allerdings entstand 1955 ein Nachdruck des Bildes in Bombay, Indien, nachdem es aus Ghana dorthin geschickt wurde. Unklar ist, wie genau das Bild nach Westafrika gelangte, doch wird vermutet, dass afrikanische Matrosen es von Hamburg mitnahmen, als sie in Deutschland waren. Bei seiner Ankunft in Afrika erklärten die Einheimischen, die darauf abgebildete Maladamatjaute habe Ähnlichkeit mit Mami Wata. Das Bild hat sich seitdem auf dem gesamten afrikanischen Kontinent als Mami Wata, die Schlangenbeschwörerin verbreitet. On Fait Ensemble legt in metaphorischer Weise nahe, dass dieses Bild von den EuropäerInnen kam. Dies geschieht durch die Markt-Performance von Papai Wata. Papai Wata, Mami Watas Gefährte in traditionellen beninischen Zeremonien, symbolisiert den europäischen Mann und wird im Video in Weiss dargestellt.

Interview with Ato Malinda

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010 Film still, Courtesy of the artist

Ato Malinda, On Fait Ensemble, 2010
Film still, Courtesy of the artist

The exhibition’s point of departure is Dante‘s “Divine Comedy”. In the run-up to the exhibition, how relevant was it for you to actually engage with Dante’s work?

Ato Malinda: I had read portions of each section during my undergraduate years, so I was familiar with the text. I re-read some of it (but not all), whilst preparing for the exhibition.

In its merging of Christian beliefs and moral values as well as classical pagan topics, the “Divine Comedy” represents a deeply-rooted Eurocentric concept of society, values and culture. The exhibition aims at dismantling the European prerogative of interpretation and looking at it from a new angle. To what extent do you think this approach can lead to the Eurocentric interpretational sovereignty being generally put into question?

AM: I’m not sure that I perceive the exhibition’s intentions as highlighting the hegemony of Europe. It is my understanding that Simon wanted to align African art to the metaphor of Dante’s poem. That is not to say that the context in which the exhibition is being presented does not show awareness of Eurocentricity and the post-colony. In fact, this exhibition for me was about veering away from the obvious contexts African artists are continuously situated in, and to truly talk about (the experience of) art and poetry.

In European-North-American art history, the “Divine Comedy” has been interpreted by numerous artists (such as Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí or Robert Rauschenberg) – what role did this play for you in respect to your engagement with the topic?

AM: Of course I was aware of the significance of the Comedy, but I did not look at other artists‘ interpretations.

How do religion and ethics feature in your artistic practice? And consequently, what do the terms heaven/hell/purgatory mean to you personally?

AM: I am very interested in African paganism. I find pre-colonial worship extremely gripping and appropriate. The terms heaven, hell and purgatory refer to monotheistic worship that I find limiting. Of course, this is speaking personally, as one can never speak for another on such topics.

The over 50 art pieces in the exhibition are assigned to the areas heaven, hell and purgatory. What realm of the afterlife does your work belong in? How did this allocation come about?

AM: My work belongs in purgatory. I feel that I sit well in purgatory. I never claim to have any definitive answers and I feel my life and my work is about finding space to accept the uncertainty of life. The work I submitted for this exhibition tells a story of African hybridity; an African identity that is influenced by Asia and Europe; an African identity that defies authenticity.

What is the work exhibited at the MMK about?

AM: As I began before, the work is about 21st century Africa. It tells a story of a pagan belief that was influenced by the migration of colonialism. The video is about Mami Wata, an ancient African water spirit worshipped by Africans long before the arrival of Europeans but which came into recorded history in the 15th century. It was recorded that when they first sighted European ships, Africans associated water spirits with the Europeans. During colonialism, in the 1880s, a famous German hunter, Breitwieser, brought back a wife from Southeast Asia to Germany. Under the stage name “Maladamatjaute”, Breitwieser’s wife performed as a snake charmer in Hamburg’s Völkerschau at Hagenbecks Tierpark, essentially a human zoo,. The Friedländer lithographic company in Hamburg made a chromolithograph of the snake charmer, the original of which has never been found. However, in 1955 this image was reprinted in Bombay, India, after being sent there from Ghana. It is unknown how exactly the image got to West Africa, but it is thought to have been taken from Hamburg by African sailors when they were in Germany. On its arrival in Africa, locals declared the depicted Maladamatjaute to bear a resemblance to Mami Wata. The image has since proliferated throughout the African continent as Mami Wata, the snake charmer. On Fait Ensemble suggests in a metaphorical sense that this image came from Europeans. This is done through the market performance of Papai Wata. Papai Wata, the consort of Mami Wata in Beninese traditional ceremonies, symbolizes the European man and is depicted in the video by being painted white.

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