Die Göttliche Komödie/talking

Interview mit Aïda Muluneh

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Das MMK und sein Kooperationspartner Contemporary And (C&)  haben gemeinsam eine Auswahl an Künstlern der Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ interviewt.

Aïda Muluneh wurde 1974 in Addis Abeba, Äthiopien geboren. Eine Fotografie aus der 99 Series, die für die  Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ entstanden ist, bildet auch das zentrale Motiv für Ausstellungsplakate, Flyer und Einladungskarte, die bald überall in Frankfurt zu sehen sind. Nach ihrem Studium in den USA, arbeitete sie u.a. als Fotojournalistin für die Washington Post. Ihre Werke sind in Dauersammlungen wie dem Smithsonian National Museum for African Art und dem Museum for Biblical Art in den USA vertreten. 2007 erhielt sie den EU Preis „Rencontres Africaines de la Photographie“ in Bamako, Mali und wurde 2010 in Spilimbergo, Italien mit dem  CRAF International Award ausgezeichnet. Außerdem, gründete sie das erste internationale Fotografie-Festival in Äthiopien, das Addis Foto Fest.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

AM: Ich weiß nicht mehr genau wann, aber vor ein paar Jahren erwähnte Simon Njami mir gegenüber, dass er eine Ausstellung plane, die auf der Göttlichen Komödie basiert. Anfangs bat er mich, an einer Bilderserie zum Thema Paradies zu arbeiten, doch letztendlich, ich nehme an, um mich kreativ herauszufordern und da er meinen persönlichen Lebensweg allzu gut kannte, beauftragte er mich mit dem Inferno. Da ich aus Äthiopien komme, einem Land, wo Religion für uns eine Lebensform und Kultur ist, war es für mich interessant, Kirchengemälde zu sehen, die die „Hölle“ darstellten. Da die Ausstellung nun auf Dantes Werk aufbaut, war es wichtig seine Arbeit zu verstehen, um daraus Inspirationen für meine Vorstellung vom Inferno zu gewinnen.

Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

AM: Für mich persönlich ging es nicht unbedingt darum, die Göttliche Komödie im Kontext eines eurozentrischen Konzepts zu betrachten. Da ich in der äthiopischen orthodoxen Kirche aufgewachsen bin, war mir das Ganze nicht wirklich fremd. Um ehrlich zu sein, habe ich bei der Entstehung der Bildersammlung nicht unbedingt an eurozentrische Ideologien gedacht. Für mich ging es darum, die Vorstellung des Infernos in Bezug auf meinen Hintergrund zu erforschen und das, was ich produzierte, nicht unbedingt zu politisieren oder zu überintellektualisieren, sondern eher zu versuchen, Dinge aus der Vergangenheit und der Gegenwart auszudrücken.

Aïda Muluneh, The 99 Series, 2013 © Aïda Muluneh

Aïda Muluneh, The 99 Series, 2013 © Aïda Muluneh

Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

AM: Auf der Suche nach Inspiration habe ich ein bisschen recherchiert, ich habe sogar einen alten Film zum Thema Inferno gefunden, doch mir wurde bald klar, dass ich meinen eigenen Weg finden musste, mich auf das Werk zu beziehen. Ich entschied mich, den Canto 20 als Schwerpunkt zu nehmen, bei dem es um die rückwärtsgewandten Köpfe von Amphiaraus, Tiresias, Aruns und Manto geht. Das hat etwas sehr Faszinierendes, nie sehen zu können, was vor einem liegt, sondern immer zurückzuschauen.

Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

AM: Bei meiner fotografischen Arbeit konzentriere ich mich hauptsächlich darauf, das zu dokumentieren, was ich interessant finde, und in meiner künstlerischen Fotografie zieht es mich immer wieder hin zu meiner persönlichen Erfahrung, wie eine Nomadin aufgewachsen zu sein und viele unterschiedliche Kulturen kennengelernt zu haben. Es geht nicht unbedingt um Religion oder Moral, sondern eher um den Umgang mit Emotionen, Anstrengungen, Leben, Liebe, Verlust und so weiter. Wenn ich daher an Himmel und Hölle denke, sind das nicht Orte, die in einer anderen Welt existieren, sondern eher allgegenwärtig in dieser Welt, wir müssen nicht sterben, um sie zu finden.

Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

AM: Wie schon gesagt, sind meine Arbeiten Teil der Hölle.

Aïda Muluneh, The 99 Series, 2013 © Aïda Muluneh

Aïda Muluneh, The 99 Series, 2013 © Aïda Muluneh

Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

AM: Das Inferno besteht aus Geschichte, nicht nur der eines Landes, sondern des Selbst, des Exils, des Blutvergießens, des Verlusts, der Trauer, der Bitterkeit, der gebrochenen Herzen und gebrochenen Flügel. Das Inferno ist nicht da unten; es ist hier, allgegenwärtig, neben uns, in unseren Erinnerungen, in unseren Gedanken. Es besteht aus Täuschungen, Niederwerfung, dem Verstecken hinter Masken zur Rechtfertigung unserer Existenz und verborgener Absichten; es ist eine Maske, die wir tragen, um uns selbst und andere zu täuschen in dem Versuch, voranzukommen, doch sind wir in unserem Überleben nichtig. Wir leben in einer grauen, kalten Existenz, so unangenehm wie der schmutzige Schnee der westlichen Winter oder wie die verschmutze Skyline dessen, was wir äthiopische Moderne nennen. Hin- und hergerissen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, hüllen wir uns in ein vergessenes Erbe und träumen davon, in die Zukunft zu schauen, doch stecken wir darin fest, in die Vergangenheit zu blicken. Seit Ewigkeiten mühen wir uns mit Ritualen und Zeremonien, doch unsere Taten der Vergangenheit sind gekennzeichnet von nicht heilenden Wunden, dem Blut falscher Siege, zusammengenäht mit den Fäden der Nostalgie. Eine Geschichte, die jede/r von uns in sich trägt, von Verlust, Unterdrückern, von Opfern, von Trennung, von Zugehörigkeit, von der Sehnsucht das Paradies im dunklen Abgrund der Ewigkeit zu sehen.

Die Serie wurde für die Ausstellung in Auftrag gegeben. Wie bist du an den Entstehungsprozess der Arbeit herangegangen?

AM: Ich habe zunächst mit einer Arbeitsserie begonnen, um herauszufinden, wie ich die Bildersammlung ausgestalten kann. In Addis Abeba Körpermalfarbe zu finden war eine ziemliche Herausforderung, und eigentlich sind wir dann mit dem ersten Model Selam Berhane auf die großartige Idee gekommen, für das Shooting unsere eigene Körpermalfarbe herzustellen. Das hat nicht so gut geklappt, doch es hat mich in der Richtung bestärkt, in die ich gehen wollte und hat mich sehr inspiriert. Schließlich gelang es mir in den USA Körpermalfarbe zu kaufen und ich kam damit zurück nach Addis Abeba. Das neue Model Salem Nega, die zu der Zeit im vierten Monat schwanger war, war so großzügig, sich auf den langen Prozess einzulassen. Erst als die Bilder fertig bearbeitet waren, ging mir auf, dass es die düsterste Arbeit war, die ich jemals gemacht habe. Sie hat etwas Unheimliches, etwa wie ein Autounfall, von dem man sich einfach nicht abwenden kann und den man stattdessen immer neugieriger betrachtet. Die Farben haben gut funktioniert und die roten Hände spielten in der gesamten Sammlung eine zentrale Rolle.

Interview with Aïda Muluneh

The exhibition’s point of departure is Dante‘s “Divine Comedy”. In the run-up to the exhibition, how relevant was it for you to actually engage with Dante’s work?

AM:I don’t remember exactly when but it was a few years ago that Simon Njami mentioned to me that he was planning a show based on the Divine Comedy. Initially he told me to work on a collection based on paradise but eventually, I guess to provoke me in my creative process and knowing my personal life all too well, I was assigned with inferno. Coming from a place like Ethiopia, where religion is a way of life and a culture for us, it was interesting for me to see church paintings that depicted “hell”. Hence, since the exhibition is based on Dante’s body of work, it was relevant to understand his work in order to draw inspiration for how I perceived the inferno.

In its merging of Christian beliefs and moral values as well as classical pagan topics, the “Divine Comedy” represents a deeply-rooted Eurocentric concept of society, values and culture. The exhibition aims at dismantling the European prerogative of interpretation and looking at it from a new angle. To what extent do you think this approach can lead to the Eurocentric interpretational sovereignty being generally put into question?

AM: For me personally, it wasn’t necessarily looking at the Divine Comedy in the context of a Eurocentric concept, being raised within the Ethiopian Orthodox church, this wasn’t something extremely foreign to me. In all honesty, while creating the collection, I wasn’t necessarily thinking about Eurocentric ideologies. For me it was about trying to explore the notion of the inferno as it relates to my background and not necessarily politicizing or over-intellectualizing what I was producing, but rather trying to express things of the past and present.

In European-North-American art history, the “Divine Comedy” has been interpreted by numerous artists (such as Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí or Robert Rauschenberg) – what role did this play for you in respect to your engagement with the topic?

AM:I did some research trying to draw some inspiration, I even found an old film based on the inferno but soon realized I had to find my own personal way of relating to the work. I chose to focus on Canto 20, which had the story of the backward turned heads of Amphiaraus, Tiresias, Aruns and Manto. There was something compelling about this, never being able to see what is ahead but always looking backwards.

How do religion and ethics feature in your artistic practice? And consequently, what do the terms heaven/hell/purgatory mean to you personally?

AM: In my photography, my main focus is obviously to document what I find interesting, and in my fine art photography, I find myself always drawn towards my personal experience of growing up like a nomad and seeing many different cultures. It’s not necessarily religion or ethics but more dealing with emotions, struggles, life, love, loss and so forth. Hence, when I think about heaven and hell, they are not something that is in another world but rather ever-present in this world, we don’t need to die to find them.
The over 50 art pieces in the exhibition are assigned to the areas heaven, hell and purgatory.

What realm of the afterlife does your work belong in? How did this allocation come about?

AM: As stated above, my work is part of inferno.

What is the work exhibited at the MMK about?

AM: Inferno is made of history, not only of a country but of self, of exile, of bloodshed, of loss, of mourning, of bitterness, of broken hearts and broken wings. The inferno is not down below; it is here, ever-present, next to us, in our memories and in our minds. It is made of delusions, of prostration, of hiding behind masks to validate our existence and hidden agendas; it’s a mask we wear to fool ourselves and others in an attempt to get ahead, yet we are void in our survival. We live in the gray cold existence, uncomfortable like the dirty snow of western winters or like the polluted skyline of what we call Ethiopian modernity. Pulled between the past, the present and the future, we wrap ourselves with forgotten heritage and dream of looking towards the future, but we are stuck looking into the past. For eternity we are toiling with rituals and ceremony, yet our past deeds are marked by unhealing wounds, the blood of false victory stitched by the threads of nostalgia. A story we each carry, of loss, of oppressors, of victims, of disconnection, of belonging, of longing to see paradise in the dark abyss of eternity.

(If it was commissioned:) How did you go about the creative process?

AM: I initially started with one body of work to see how I can formulate the collection. The process of finding body paint in Addis Ababa was a great challenge and in fact, together with the first model, Selam Berhane, we had the great idea of making our own body paint for the shoot. It didn’t go so well but it strengthened the direction that I wanted to head towards and gave me great inspiration. Eventually, I managed to buy some body paint in the USA and came back with it to Addis Ababa. The new model, Salem Nega, who was four months pregnant at the time, generously agreed to the long process. It wasn’t until the images were photoshopped that I realized it was the darkest work that I have ever produced. It has an eerie feel to it, kind of like a car accident that you just can’t turn away from but rather become more curious about. The colors worked well and the red hands played a central part in the full collection.

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