Die Göttliche Komödie/Interviewed

Interview mit Guy Tillim

Hanaiapa, Hiva Oa 2011  Pigment ink on cotton paper  Image size 108 x 144cm  Paper size 112 x 148cm  Edition of 7 + 2AP

Hanaiapa, Hiva Oa 2011 Pigment ink on cotton paper Image size 108 x 144cm Paper size 112 x 148cm Edition of 7 + 2AP © Guy Tillim. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg

Das MMK und sein Kooperationspartner Contemporary And (C&)  haben gemeinsam eine Auswahl an Künstlern der Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ interviewt. Als erstes sprachen wir mit dem südafrikanischen Fotografen Guy Tillim.

Guy Tillim wurde 1962 in Johannesburg geboren. Während seiner Mitwirkung im Kollektiv „Afrapix“, dokumentierte er als Fotojournalist in den Townships die Aufstände gegen das dort langwährende Arpartheids-Regime. Seine Fotografien wurden u.a. von Reuters und der Agence France-Presse abgekauft. Als freier Fotokorrespondent reiste er ab 1990 zu anderen Brennpunkten des Krieges, u.a. in den Kongo, nach Uganda, Sierra Leone und Afghanistan und geriet selbst dabei das eine oder andere Mal zwischen die Schusslinien.

In der Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ zeigt das MMK seine Serie von Landschaftsaufnahmen, die zwischen 2010 und 2011 entstanden sind. Aufgenommen in paradiesischen Orten auf Inseln in Französisch Polynesien, hinterlassen die in Nebel und Sturm getauchten Kulissen auf einen zweiten Blick ein ambivalentes Gefühl, das das eingefangene „Paradies“ ins Schwanken bringt. Heute lebt und arbeitet Tillim in Kapstadt und wird von der Gallery Stevenson vertreten.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Rolle hat im Vorfeld der Ausstellung die Auseinandersetzung mit Dantes Dichtung für dich gespielt?

Guy Tillim: Ich habe Dante nicht studiert. Das stellt mich bei meinen Interpretationen und meinem Nachdenken über das Gedicht vor unübersehbare Hindernisse, und ich bin auf Anmerkungen, Kommentare und Erklärungen angewiesen, die ich anderswo finde.

Mit ihrer Verbindung von christlichen Glaubens- und Moralvorstellungen und antiken heidnischen Themen steht die „Göttliche Komödie“ für eine tiefgreifend eurozentrische Vorstellung von Gesellschaft, Werten und Kultur. Diese europäische Deutungshoheit soll mit der Ausstellung aufgebrochen und neu betrachtet werden. Inwieweit glaubst du, dass mit diesem Ansatz eine generelle Hinterfragung eines eurozentrischen Deutungshorizonts stattfinden kann?

GT: Kommt darauf an, wie die Frage gestellt wird… eurozentrische Interpretationen lassen sich nur durch einen Dialog mit sich selbst verstehen… und um diesen Dialog zu führen, braucht es möglicherweise ein solches Forum wie diese Ausstellung.

Die „Göttliche Komödie“ wurde in der europäisch-nordamerikanischen Kunstgeschichte von zahlreichen Künstlern bearbeitet (wie beispielsweise von Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí oder Robert Rauschenberg). Inwieweit war dies im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Thema für dich von Bedeutung?

GT: Ich habe ein paar Vorstellungen zu meiner Praxis und finde Parallelen in Dantes Gedicht durch meine Erfahrung mit der Kamera, die geprägt ist von einiger Selbstreflexion und so zu einer Art Offenbarung beiträgt: die Szene vor mir spricht durch mich, oder zumindest sollte ich das anstreben. Es ist erstrebenswert, dass in dem, was vermittelt wird, das Selbst unsichtbar bleibt.

Welche Rolle spielen Religion und Moral für dich in deiner künstlerischen Praxis? Was bedeuten dementsprechend die Begriffe Himmel/Hölle/Fegefeuer für dich persönlich?

GT: Moral ist in meinen Augen keine Folge von Religion, wer das annimmt oder sie dazu macht, schafft die Hölle auf Erden. Der Himmel wäre die Abwesenheit von Religion, Feinheiten der Moral in einem eher sokratischen Diskussionsrahmen…

Pigment ink on cotton paper  Image size 108 x 144cm  Paper size 112 x 148cm  Edition of 7 + 2AP ©Guy Tillim. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg

Pigment ink on cotton paper Image size 108 x 144cm Paper size 112 x 148cm Edition of 7 + 2AP ©Guy Tillim. Courtesy of Stevenson, Cape Town and Johannesburg

Die über 50 Werke in der Ausstellung sind den Bereichen Himmel, Hölle und Fegefeuer zugeordnet. Zu welchem Jenseitsreich gehört deine Arbeit? Wie ist diese Zuordnung zustande gekommen?

GT: Ins Paradies. Als ich Simon einmal bei einer Abendgesellschaft in Paris traf, war seine erste Frage an mich: „Paradies oder Fegefeuer?“ Ich sagte Paradies.

Worum geht es in der Arbeit, die im MMK zu sehen ist?

GT: Wenn ich die Landschaft fotografiere, muss ich mich der schwierigen Aufgabe stellen, die Landschaft tatsächlich zu sehen. Es ist ein Raum, der sein Gesicht mit jedem Blick oder dem Anflug eines Gedankens verändert. Vielleicht kann man eine Art erweiterte Beteiligung des Betrachters schaffen, der sich durch den Raum dieses möglichen Bildes bewegt, in dem verschiedene Elemente weder offensichtlich noch nicht offensichtlich sind. Der Impuls, eine Aussicht und Unerkennbarkeit im Verhältnis zu meiner Bedeutungslosigkeit in der Szene zu vermitteln, ist beinahe überwältigend. Wenn ich mir die Linse vors Auge halte, zögere ich. Vielleicht suchen wir Gewissheit in Klischees, jenen Motiven, die bei der Beschreibung von Landschaft oft unangebracht sind und dazu neigen, einzelne Elemente herauszufiltern, während sie andere verleugnen. Vielleicht ist die Szene nur schön, wenn alle Elemente spürbar Teil des Ganzen sind. Eine politische Position – hier ist ein Bulldozer oder ein verdreckter Rinnstein im Paradies – ist unhaltbar. Also kehre ich zu dem zurück, was scheinbar ein paar Grundprinzipien sind, und immer wieder zu den Klischees. Es gibt naheliegende Möglichkeiten, um die Elemente der Szene zu vermitteln: entweder durch Detail oder Monumentalität. Doch was ist mit dem, was dazwischen liegt, dem unbestimmten Raum, der die Beschaffenheit des Ortes vermittelt, wie er sich anfühlt, welchen Sinneseindruck er hinterlässt, seine alltäglichen Elemente neben den spektakulären? Darauf gibt es, glaube ich, keine Antwort, weil an und für sich jede Szene ein Ort der Meditation, der Leere ist. Sie bildet ihren eigenen Kontext, denn in einer bestimmten Betrachtungsweise kann sie nirgendwo anders sein. Was wurde fotografiert? Nichts und alles, wenn man den Rahmen nicht verlassen möchte.

Interview with Guy Tillim

The exhibition’s point of departure is Dante‘s “Divine Comedy”. In the run-up to the exhibition, how relevant was it for you to actually engage with Dante’s work?

Guy Tillim: I’m not a scholar of Dante. This creates obvious handicaps in my interpretations and reflections on the poem, and I rely on annotations, commentary and explanations I find elsewhere.

In its merging of Christian beliefs and moral values as well as classical pagan topics, the “Divine Comedy” represents a deeply-rooted Eurocentric concept of society, values and culture. The exhibition aims at dismantling the European prerogative of interpretation and looking at it from a new angle. To what extent do you think this approach can lead to the Eurocentric interpretational sovereignty being generally put into question?

GT: Depends on how the question is asked… the only way to understand Eurocentric interpretations is to have a conversation with oneself… to have that conversation requires a forum like this exhibition perhaps.

In European-North-American art history, the “Divine Comedy” has been interpreted by numerous artists (such as Botticelli, Delacroix, Blake, Rodin, Dalí or Robert Rauschenberg) – what role did this play for you in respect to your engagement with the topic?

GT: I have some ideas about my practice and find echoes in Dante’s poem through my experience with the camera that is informed by some self-reflection and contributes to a kind of revelation in this way: the scene in front of me speaks through me, or at least I should aspire to this state. The invisibility of self is desirable in what is mediated.

C&: How do religion and ethics feature in your artistic practice? And consequently, what do the terms heaven/hell/purgatory mean to you personally?

GT: Ethics to my mind is not consequent on religion, those who would assume so or make it so create hell on earth. Heaven would be the absence of religion, finer points of ethics discussed in a Socratic way rather…

The over 50 art pieces in the exhibition are assigned to the areas heaven, hell and purgatory. What realm of the afterlife does your work belong in? How did this allocation come about?

GT: Paradise. When I met Simon at a soiree once in Paris, the first thing he said to me was, „Paradise or purgatory?“ I said paradise.

What is the work exhibited at the MMK about?

In making photographs of the landscape, I have to confront the difficulty of actually seeing the landscape. It’s a space that changes its face with a glance or a ghost of a thought. Perhaps there is a way of creating a sort of enhanced participation of a viewer moving through the space of this possible image, where various elements are neither obvious nor not obvious. The impulse to convey vista and unknowability in relation to my insignificance in the scene is almost overwhelming. When I lift the lens to my eye, I hesitate. Perhaps we look for certitude in clichés, those motifs often inappropriately used in describing landscape, that tend to isolate some elements to the negation of others. Perhaps the scene is only beautiful when all the elements are palpably part of the whole. A political position – here is a bulldozer or a filthy gutter in paradise – is untenable.
So I return to what seem like some basic principles, and invariably the clichés. There are obvious ways to convey the components of the scene: either through detail or monumentality. But what of that which lies in-between, the indeterminate space that conveys the texture of the place, its feeling, its sensation, its quotidian elements alongside the spectacular? I think there isn’t an answer, because in and of itself, each scene is a place of meditation, of emptiness. It provides its own context, because in a certain way of looking, it cannot be anywhere else. What is photographed? Nothing, and everything, when you have no desire to leave the frame.

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