Die Göttliche Komödie/Spotted

The New Church

Sean O’Toole besucht Südafrikas erstes Privatmuseum das exklusiv nach 1994 geschaffener Kunst gewidmet ist.

Sean O’Toole

In einer Rede zur feierlichen Eröffnung seines neuen Raums für zeitgenössische Kunst, The New Church – das erste private Museum Südafrikas, das sich ausschließlich nach 1994 entstandener Kunst widmet – mutmaßte der Finanzier und Sammler Piet Viljoen, dass er und Präsident Jacob Zuma „durch die Kunst, und speziell die Arbeit von Brett Murray verbunden“ seien. „Murrays Skulptur ‚Africa‘ hat mich dazu bewegt, mit dem Sammeln anzufangen, während unser Präsident dazu bewegt war, seine Arbeit zu verbieten“, sagte Viljoen. Im ersten Fall war Murrays von der JK Gross Trust finanzierten Skulptur in der Kapstadter St George’s Mall gemeint, eine westafrikanische Fetischfigur aus Bronze, aus der grellgelbe Bart-Simpson-Köpfe sprießen. „Immerhin waren wir beide bewegt“, fügte Viljoen hinzu, in einer augenzwinkernden Anspielung auf den kürzlich ausgebrochenen Zwist um Murrays „The Spear“: Auf dem satirischen Gemälde ist Zuma als Lenin mit entblößtem Penis zu sehen.

1998 hatte Viljoen sein Damaskuserlebnis als Sammler. Der ehemalige Analyst bei der Reserve Bank und heutiger Vorstandsvorsitzender des Vermögensverwaltungsunternehmens RE:CM arbeitete damals noch als Fondsmanager bei Investec. „Es war die Zeit der Dotcom-Blase und Y2K“, erklärte er während einer privaten Führung durch das Museum, ein umfunktioniertes viktorianisches Wohnhaus aus dem Jahr 1890 in der New Church Street im Vorort Tamboerskloof. In einem Vortrag auf einer Investec-Konferenz kritisierte er scharf den Hype um die neue digitale Ökonomie, womit er den vorherrschenden Konsens angriff. „Der rote Faden, der sich visuell durch meine PowerPoint-Präsentation zog, war Murrays Skulptur.“ Später erfuhr er, dass ein bronzenes Miniaturmodell von Murrays Arbeit von den Kunstsammlern Andries Loots und Fred de Jager zum Verkauf angeboten wurde. Er machte sich auf die Suche nach dem Stück. „Ich habe jede Menge anderes Zeug gesehen, das mich umgehauen hat“, erinnert sich Viljoen. „So fing es an.“

Murrays Modell, so groß wie eine goldene Oscar-Statue, hat seinen Platz auf einem Regal im Büro von Viljoen neben ein paar von Norman Catherines durchgeknallten Holzskulpturen. In der Nähe, auf dem Teppichfußboden, steht eine grellpinke figurative Skulptur von Michael MacGarry. Die Konstruktion aus Polyurethane und Industrieschaum wurde im Juni 2012 in MacGarrys Soloausstellung „The Other Half: Past and Future Now“ in der Stevenson Gallery gezeigt. Zuerst dachte ich, dass das Roland Schlagzeug in der gegenüberliegenden Ecke auch ein Kunstwerk sei. Weit gefehlt: Viljoen übt darauf seine Rock-Riffs. Ja, Viljoen hat seine eigene Männerhöhle.

Schon länger wurde gemunkelt, dass ein privates Kunstmuseum in Kapstadt eröffnen sollte, um eine wichtige Sammlung zu beherbergen. Der Johannesburger Sammler Gordon Schachat, PUMA-Chef Jochen Zeitz und der englische Sammler Charles Saatchi waren alle als mögliche Kandidaten im Gespräch. Viljoen, der das Gerede von Kunst als Investment nicht hören will, hat sich dann schließlich ohne viel Aufhebens um einen Raum bemüht, den Kaufvertrag unterschrieben, einen Architekten beauftragt und wütende Nachbarn besänftigt.

Zugegebenermaßen aus „egoistischen“ Gründen motiviert – „Ich wollte meine Sammlung sehen und es lag alles im Lager“ – ist sein neues Projekt, wie der Mensch selbst, wohldurchdacht und ruhig, gleichzeitig großzügig und verspielt. Eine grafische Arbeit von der Malerin Georgina Gratrix am Eingang des Museums bringt Viljoens Einstellung auf den Punkt: „Art is very, very, very … serious“.

Aus dieser Bekenntnis heraus, die Kunst sehr ernst zu nehmen, hat Viljoen, zu dessen Leidenschaften auch der Radsport gehört, die Künstlerin Penny Siopis eingeladen, seine 480 Werke umfassende Sammlung durchzugehen und eine repräsentative Ausstellung für die Eröffnung zu organisieren.

Zu ihrer Auswahl gehören einige ihrer Gefährten von der Stevenson Gallery, namentlich der neue abstrakte Maler Zander Blom, die Installationskünstlerin Dineo Seshee Bopape, der Bildhauer Nicholas Hlobo sowie Lynette Yiadom Boakye, eine in London lebende figurative Malerin ghanaischer Abstammung. Siopis hat auch eine eigene Arbeit ausgewählt, den Kurzfilm „Obscure White Messenger“, eine impressionistische Collage von gefundenen Bildern und biographischen Aussagen des Verwoerd-Attentäters Dimitri Tsafendas.

„Ja, der Schwerpunkt meiner Sammlung liegt auf einige wenige Galerien“, antwortete Viljoen auf eine Frage zu dem kleinen Kreis von Galerien – u.a. die Goodman Gallery, Whatiftheworld und SMAC – deren Künstler in der Ausstellung vertreten sind. „Aber diese Galerien kümmern sich viel intensiver als andere Galerien um die Karrieren ihrer Künstler, also ist das kein Zufall.“

Siopis erklärte, wie sie mit der eingeschränkten, obgleich erstklassigen Selektion zeitgenössischer Kunstproduktion in Viljoens Sammlung gearbeitet hat: „Ich wollte das, was ich als Kern von Piets Sammlung sehe, zutage fördern: Sein Interesse am menschlichen Subjekt. Ich habe mich nicht so sehr für die offensichtlichen Identitätsfragen interessiert, als für Arbeiten, die etwas über das menschliche Subjekt zu sagen haben, in Formen, die ganz eindeutig die Partizipation der Betrachter fordern.“

In dem einzigen Zugeständnis an Arbeiten von vor 1994, die sich mit Ideen von Zeitgenossenschaft und Individualität auseinander setzen, umfasst die Ausstellung mit dem Titel „Subject as Matter“ auch einige Arbeiten von Walter Battiss. Wim Bothas vor kurzem fertig gestellte Skulpturinstallation aus weißen Neonröhren und Holz, „Time Machine“, ist zweifellos das Glanzstück der Schau. Die heillos asymmetrische Arbeit, eine dynamische Verflechtung von konkurrierenden schwarzen und weißen Formen, wird in einem umgebauten, zweigeschossigen Raum im hinteren Teil des Museums präsentiert.

„Nachdem ich anfangs ein bisschen unsicher war, fand ich es toll, das Stück bei der Eröffnung zu sehen“, sagt Botha, dessen Arbeit kürzlich in „The Rainbow Nation“, eine Ausstellung von drei Generationen südafrikanischer Skulptur im Den Haager Museum Beelden aan Zee gezeigt wurde. „Es ist ein wirklich unwahrscheinlicher Gegenstand.“

„Die Arbeit erinnert mich an eine anspruchsvolle Aufgabe, die ich meinen Studierenden einmal gegeben habe: Sie sollten nur mit Strichen, die man mit einem Lineal macht, einen Menschen zeichnen“, schreibt Siopis in dem begleitenden Katalog. The New Church, in der Siopis’ Ausstellung den Sommer über gezeigt wird, ist für die Öffentlichkeit nur nach Vereinbarung geöffnet.

Sean O’Toole ist Autor und Mitherausgeber von CityScapes, einer Zeitschrift für die kritische Auseinandersetzung mit städtischen Räumen. Er lebt und arbeitet in Kapstadt in Südafrika.

thenewchurch.co

Dieser Beitrag wurde mit der freundlichen Erlaubnis unserer Medienpartner C& Contemporary And. Platform for international art from African perspectives hier reproduziert. Den Original-Artikel finden Sie hier.

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Wim Botha, 'Time Machine', 2012, Mixed media installation, dimensions variable

Wim Botha, ‚Time Machine‘, 2012, Mixed media installation, dimensions variable

The New Church

Sean O’Toole visits South Africa’s first privately owned museum devoted exclusively to art made after 1994

by Sean O’Toole

In a speech to inaugurate the opening of his contemporary art space, The New Church, South Africa’s first privately owned museum devoted exclusively to art made after 1994, financier and collector Piet Viljoen conjectured how he and President Jacob Zuma were “connected through art, and specifically Brett Murray’s work”.

“I was moved to start collecting by his sculpture Africa, while our president was moved to ban his work,” said Viljoen. He was referring in the first instance to Murray’s JK Gross Trust-funded public sculpture on St George’s Mall in Cape Town, a bronze West African fetish figure sprouting garish yellow Bart Simpson heads. “At least we were both moved,” he added, making light of the recent imbroglio surrounding Murray’s The Spear, a satirical painting that portrayed Zuma as Lenin, his penis exposed.

Viljoen’s road to Damascus moment as a collector happened in 1998. A former Reserve Bank analyst and currently the chairman of asset management company RE:CM, Viljoen was still working as a fund manager at Investec.

“It was the time of the IT bubble and Y2K,” he explained in a private walkthrough of his museum, a repurposed Victorian home built in 1890 on New Church Street in the suburb of Tamboerskloof. Challenging the prevailing orthodoxy, he presented a talk at an Investec conference that “lambasted” the hype around the new digital economy. “The visual thread in my PowerPoint presentation was Murray’s sculpture.”

Afterwards someone told him that art dealers Andries Loots and Fred de Jager were selling a miniature bronze model of Murray’s work. He set off in search of it. “I saw a whole bunch of other stuff that blew my mind,” recalled Viljoen. “That’s where it started.”

Murray’s model, which is the size of gold Academy Award, sits on a shelf adjacent some of Norman Catherine’s freaky oil on wood mini-sculptures in Viljoen’s office. Nearby, on the carpeted floor, is a garish pink figurative sculpture by Michael MacGarry. The polyurethane and industrial foam was shown on MacGarry’s solo exhibition The Other Half: Past and Future Now, held at Stevenson gallery in June. I initially mistook the Roland drum kit on the opposite end of the room for an artwork too. Not so. Viljoen uses it to practice his rock riffs. Yip, Viljoen has his own man cave.

For a while now there has been whispered talk about a big name collection opening a private art museum in Cape Town. Joburg collector Gordon Schachat, PUMA chairman Jochen Zeitz and English collector Charles Saatchi have all been mooted as candidates. In the end, Viljoen, who dismisses talk of art as an investment, quietly got on with the business of finding a space, signing the title deed, contracting an architect and placating angry neighbours.

While admittedly prompted by a “selfish” motive – “I wanted to see my work, it was all in storage” – his new venture is, like the man, studied and calm, also generous and playful. A text work by painter Georgina Gratrix installed at the entrance pithily summarises his attitude: “Art is very, very, very … serious.”

As part of his commitment to treating art very seriously, Viljoen, whose passions also extend to cycling, invited artist Penny Siopis to sift through his 480-piece collection and organise a representative display for the museum’s opening.

Siopis’s selection includes a number of her Stevenson Gallery stable mates, notably new abstractionist painter Zander Blom, installation artist Dineo Seshee Bopape, sculptor Nicholas Hlobo and Lynette Yiadom-Boakye, a London-based figurative painter of Ghanaian descent. She has also included her own work, the short film Obscure White Messenger, an impressionistic collage of found images and Verwoerd assassin Dimitri Tsafendas’s biographical statements.

“Yes, my collection is focussed on a couple of galleries,” responded Viljoen to a query about the small circle of galleries – including Goodman Gallry, Whatiftheworld and SMAC – whose artists are represented on his show. “But those galleries look after their artists’ careers much better than of the other galleries, so it is no accident.”

Elaborating on how she worked with the constrained albeit blue chip sampling of contemporary production  in Viljoen’s collection, Siopis stated: “My point was to try draw out what I perceive to be the heart of Piet’s collection, which is really his interest in the human subject. My interest was not so much the obvious identity stuff but rather the kind of works that speak about the human subject through forms that manifestly require engagement from the viewer.”

The exhibition, which is titled Subject as Matter, includes a number of works by Walter Battiss. It is the only concession to a pre-1994 practice engaged with ideas of contemporaneity and selfhood. Wim Botha’s recently completed white neon and wood sculptural installation, Time Machine, is undoubtedly the show’s standout piece. A dynamic integration of competing black and white forms, the impossibly asymmetrical work is displayed in a retrofitted double-volume space at the rear of the museum space.

“After being a bit uncertain, I loved seeing that work when I went to the opening,” said Botha, whose work was recently included on The Rainbow Nation, an exhibition of three generations of sculpture from South Africa, at Museum Beelden aan Zee, The Hague. “Such an unlikely object.”

“The work reminds me of a challenging project I once set students where they had to draw a human being using only the lines that could be made with a ruler,” writes Sioipis in an accompanying catalogue.

The New Church, which will host Siopis’s exhibition for the duration of summer, is open to the public by appointment only.

Sean O’Toole is a writer and co-editor of CityScapes, a critical journal for urban enquiry. He lives in Cape Town, South Africa.

thenewchurch.co

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